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Amerika

Caracas trauert um den "Comandante"

Seit dem Tod von Präsident Hugo Chávez liegt tiefe Trauer über dem Land - und sie wird von der Regierung geschickt gesteuert. Der Personenkult um den Verstorbenen soll die Zukunft des Chavismus sichern.

Uruguays Präsident José Mujica (2. v. l. im Bild) hat schon viel gesehen in seinem Leben. Vielleicht gehört er auch deswegen zu den wenigen Menschen in Caracas, die derzeit einen kühlen Kopf bewahren. Mehrere Stunden hatte er in der Militärakademie neben dem Sarg des verstorbenen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez gesessen, während Zehntausende Abschied nahmen. "Es wird noch lange dauern, bis hier wieder Vernunft einkehrt. Momentan ist es wie eine gigantische Familie, die ihren Vater verloren hat", beschrieb Mujica die Situation.

Eine Stadt in Rot

Zwischenzeitlich war die Schlange der vor dem Sarg anstehenden Menschen zwölf Kilometer lang. Das Staatsfernsehen gab Tipps, um die Wartezeit in der tropischen Hitze besser zu überstehen, und warnte alle, die sich nicht fit fühlen, sich einzureihen.

Alles in Rot: Trauerzug in Caracas (Foto: Reuters)

Trauerzug in Caracas

Kaum jemand scheint darauf zu hören: Caracas versinkt in Trauer um den Verstorbenen. Sieben Tage Staatstrauer hat Interimspräsident Nicolás Maduro ausgerufen. So lange sollen sich die Menschen noch von Chávez verabschieden dürfen. In der ganzen Stadt herrscht striktes Alkoholverbot. An jeder Ecke stehen Menschen in roten Hemden oder T-Shirts, der Farbe des Chavismus. Aus Lautsprechern scheppern die alten Revolutionslieder, immer wieder singen Chávez' Anhänger mit. In Sprechchören feiern sie den Verstorbenen, versprechen, den von ihm vorgeschlagenen Nachfolger Maduro zum neuen Präsidenten zu wählen. Und sie fordern, Chávez im Pantheon von Caracas beizusetzen, neben dem anderen Nationalhelden, neben Simon Bolívar.

Der Chavismus braucht Chávez

Die Regierung steuert die Trauer geschickt: Chávez' Leichnam soll einbalsamiert werden und für immer für die Welt in einem gläsernen Sarg zu sehen sein: "Wie Lenin, wie Mao", erklärt Maduro in einer seiner vielen Fernsehansprachen. Und seine letzte Ruhestätte soll der verstorbene Staatschef jetzt in einem Mausoleum finden - also so, wie es das trauernde Volk auf der Straße fordert.

Anhänger Chávez' in der Militärakademie (Foto: Reuters)

Anhänger Chávez' in der Militärakademie

Von der Opposition ist dort nichts zu sehen und kaum etwas zu hören - es scheint nur noch begeisterte Anhänger von Hugo Chávez in Venezuela zu geben. Dahinter steht eine Strategie, die schon zu Lebzeiten von Chávez begonnen hat, sagt der Historiker Tomás Straka von der Universität Andrés Bello: "Der Chavismus muss jetzt den Ruhm des Präsidenten nutzen, um zu überleben. Das ist das erste Mal in der Geschichte Venezuelas, dass es einen vom Staat geförderten offiziellen Personenkult gibt."

Die Zeit drängt

Der amtierende Präsident muss die aktuelle Stimmung nutzen, um seine Position zu festigen - auch für die Zeit nach der Wahl. Die Wahl wird er wohl gewinnen, leicht wird es danach aber nicht unbedingt. Der neue Regierungschef muss die galoppierenden Staatsausgaben und die sieche Wirtschaft in den Griff bekommen. Er muss darauf achten, die Machtbalance im Militär aufrechtzuerhalten. Und er muss sich mit den radikalen Strömungen in der Partei arrangieren, die außer Hugo Chávez niemanden akzeptieren wollen.

Nicolas Maduro (l.) und Dilma Rousseff (m.) nehmen Abschied (Foto: Reuters)

Nicolas Maduro (l.) und Dilma Rousseff (m.) nehmen Abschied

Während Nicolás Maduro in der Nacht zum Freitag im Minutentakt Staatschefs aus Lateinamerika und aller Welt zu den Trauerfeierlichkeiten begrüßt und dazwischen immer wieder dem Volk für sein diszipliniertes Verhalten in diesen schweren Tagen dankt, weiß er, was auf dem Spiel steht: So günstig wird die Stimmung für ihn vielleicht nicht mehr lange sein.

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