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Europa

Bulgarien: Der lange Arm der Stasi

Die Aufarbeitung der Stasi-Geschichte ist in Bulgarien noch schwieriger als in anderen osteuropäischen Ländern. Erst vor drei Jahren nahm eine Kommission zur Offenlegung der Geheimdienst-Unterlagen ihre Arbeit auf.

Aktenstapel in einem Büro

Rund zwei Millionen Dokumente hat der bulgarische Geheimdienst angehäuft

"Als mein Name in der Liste der Stasi-Mitarbeiter veröffentlicht wurde, war ich etwas überrascht", berichtet ein Radiojournalist, der seit über 30 Jahren beim bulgarischen Rundfunk arbeitet. Im vergangenen Herbst, 19 Jahre nach der Wende, veröffentlichte die Stasi-Unterlagen-Kommission die Liste der inoffiziellen und hauptamtlichen Mitarbeiter der bulgarischen Staatssicherheit in den öffentlich-rechtlichen Medien. "Ich hatte westliche Journalisten bei ihrer Bulgarien-Reise begleitet und musste anschließend berichten", erklärt der Radiojournalist. "Schriftlich. Später habe ich erfahren, dass dies nur der Anfang sein sollte. Leute mit Fremdsprachen waren gefragt. In der Liste fehlten aber jene, von denen ich schon immer gewusst habe, dass sie IMs sind", kritisiert er.

Die Liste ist nur ein kleiner Puzzlestein der Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Bulgarien, aber die Kommission steht noch am Anfang ihrer Arbeit. "Wir wollen die Menschen dazu bringen, sich mit dieser Vergangenheit auseinander zu setzen, darüber zu lesen und zu begreifen, wie es war", beschreibt Kommissionsmitglied Ekaterina Bontschewa das Ziel. "Nur dann werden wir einen Schlussstrich ziehen können, und nur dann wird die Ostalgie überwunden, denn sie beruht einzig und allein auf Unkenntnis. Die repressive kommunistische Zeit muss aufgearbeitet werden, und zwar nicht nur aus historischer Sicht, sondern um die Auswirkungen, die in der Politik und Wirtschaft bis in die heutige Zeit reichen, zu beenden."

Stasi-Akten als Wahlkampfthema

Das Parlamentsgebäude in Sofia, Quelle: Roumiana Taslakowa

Das bulgarische Parlament: die Stasi-Aufarbeitung wurde oft im Wahlkampf instrumentalisiert

Die Vergangenheitsbewältigung ist für alle ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten ein schwieriges Thema. Doch in Bulgarien wird die Aufarbeitung noch zusätzlich erschwert. Denn in den Jahren des Übergangs zur Demokratie nutzten Politiker jeglicher Couleur die Stasi-Akten immer wieder als Wahlkampf-Thema. Bis es niemand mehr hören wollte und so neue Veröffentlichungen der Stasi-Kommission kaum mehr wahrgenommen wurden. Das sei symptomatisch für den trägen und beschwerlichen Übergang in Bulgarien, behauptet Wladimir Zarew, Autor des bisher einzigen bulgarischen Wenderomans "Verfall": "Die Stasi-Vergangenheit ist in der Öffentlichkeit kein Thema mehr, weil die Menschen die Aufarbeitung dieser schrecklichen Zeit als belanglos erachten. Sie betrachten nur die Oberfläche, die Tiefe dieser Prozesse bleibt absichtlich verborgen. Daher auch dieser Trancezustand, der schon 20 Jahre dauert."

Bulgarien hatte keine Dissidenten, in Sofia gab es keinen Prager Frühling und auch keinen 17. Juni. Wohl deshalb beschreibt Zarew in seinem Buch, dass selbst die Wende in Bulgarien per Parteibeschluss und nicht ohne das Mitwirken der Stasi kam. Ein großer Teil der Stasi-Belasteten sitzt heute in Schlüsselpositionen von Politik, Wirtschaft und öffentlichem Leben – davon ist nicht nur der Romanautor überzeugt: "Die Stasi beteiligte sich an der Gründung der neuen demokratischen Parteien nach der Wende und schleuste ihre Agenten hinein, um sie manipulieren zu können. Das hat die Demokratie in Bulgarien noch im Entstehen erstickt. Der lange Arm der Stasi umfasste unser ganzes Leben und wir schafften es nicht, ihn noch zu Beginn des demokratischen Wandels abzusägen", klagt Zarew.

Alle Unterlagen sollen durchforstet werden

Buchcover Verfall von Vladimir Zarev

Das Buch "Verfall" von Wladimir Zarew beschäftigt sich mit der Wendezeit

Es fehlten der Wille und der Mut. Man geht davon aus, dass Bulgarien mit seinen rund acht Millionen Einwohnern insgesamt mehr als 300.000 Geheimagenten hatte, hinzu kamen noch einmal 6000 Angestellte im Stasi-Innendienst. Die Geheimdienste sammelten schätzungsweise rund zwei Millionen Dokumente und bis zu 250.000 Geheim-Dossiers. Was an heiklen Dossiers über die Aktionen der legendären bulgarischen Stasi-Abteilung VI übrig blieb, die zuständig für politische Verfolgung und für die Beseitigung einheimischer Regimegegner war, das säuberten die Regierungen in den Nachwendejahren. Ekaterina Bontschewa, überzeugt von der Notwendigkeit ihrer Stasi-Kommission, erinnert sich an einen Telefonanruf im Jahr 1990, als sie für die oppositionelle Tageszeitung "Demokrazia" arbeitete: "Es war spät am Abend, als mich jemand zu Hause anrief und sagte, aus dem Gebäude des Innenministeriums werden Unterlagen herausgekarrt. Lkw-weise. Ich nahm es zur Kenntnis, sagte es auch Freunden, Bekannten und Kollegen weiter, unternommen haben wir aber nichts. Wir haben die Lkws nicht gestoppt. Von nichts kommt nichts."

Die Stasi-Kommission will es diesmal zu Ende bringen. Alle Unterlagen der 16 Behörden der früheren Geheimdienste sollen durchforstet werden, um sie abschließend dem bulgarischen Zentralarchiv zu übergeben und – das ist der Traum von Ekaterina Bontschewa – ein Institut für das nationale Gedächtnis einzurichten.

Autorin: Vessela Vladkova
Redaktion: Stefan Dietrich

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