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Europa

Briten in der Schockstarre

Der Internationale Währungsfond prognostiziert der britischen Wirtschaft einen dramatischen Einbruch. Doch bei den Briten bleibt die Reaktion aus: Sie wirken fast lethargisch, als könnten sie es noch nicht ganz fassen.

In einem Schaufenster hängen bunte Schilder mit dem Wort Sale! (Foto: dpa/Marcus Brandt)

Die Krise hat viele Auswirkungen

Ausverkaufstimmung in der High Street. Einige Geschäfte haben ihre Waren bis zu 90 Prozent reduziert, andere sind geschlossen. Kleiderläden melden zwar für den Januar 2009 noch überraschend gute Umsätze, aber die guten Zeiten sind endgültig vorbei. Viele Briten haben kaum noch Geld im Portemonnaie, einen Berg von Schulden und zittern um ihre Jobs. Fast zwei Millionen Menschen sind bereits arbeitslos.

Firmenpleiten an jeder Ecke

Viele Lippenstifte stehen nebeneinander (Foto: dpa/Bernd Thissen)

Die Briten überlegen genau, wofür sie ihr Geld nun ausgeben

Sally ist Kosmetikerin und hat ihre Stelle vor kurzem verloren. Sie erzählt, wie schwer es in dieser Zeit sei. Wer wolle schon sein Geld für Schönheitspflege ausgeben, wenn es für Lebensnotwendigkeiten wie Nahrungsmittel und Kleider benötigt würde, erklärt sie.

Ob Autohändler, Feinkostläden oder Restaurants: Immer mehr Geschäfte gehen bankrott. Die Bank von England warnt, dass die Wirtschaft bis zum Sommer um vier Prozent schrumpfen werde. Jeder stehe nun auf der Abschussliste, nachdem zunächst nur der Finanz- und Bausektor betroffen gewesen seien, sagt Wirtschaftswissenschaftler John Philpott. Inzwischen habe die Krise aber sämtliche Wirtschaftsbereiche erfasst.

Luftblase Immobilienmarkt

Das weiße Gebäude der Londoner Börse (Foto: dpa/Graham Barclay)

Besonders betroffen: das Finanzzentrum London

Besonders kritisch ist die Situation im Finanzzentrum London und in Südostengland: Dort hatte der Immobilienmarkt am heftigsten geboomt. Bis die Krise einschlug, fühlten sich britische Hausbesitzer sicher: Sie lebten ungeniert auf Pump, spekulierten mit Grundbesitz und kauften sich noch größere Häuser.

Jetzt haben die Immobilienpreise bis zu einem Drittel ihres Wertes verloren, viele Gebäude werden zwangsversteigert. Designer, Einrichtungsfirmen und Baumärkte gehen bankrott. Auf den Konsumboom folgt der große Kater - und die Suche nach Sündenböcken.

Wirtschaftsdepression oder doch nicht?

Für einige streikende Arbeiter ist die Sache klar: "Premierminister Brown hat uns verraten! Wir fordern britische Jobs für britische Arbeiter!", so die Parolen. Die Labour-Regierung reagiert mit gemischten Signalen: Gordon Brown lässt aus Versehen das Wort "Wirtschafts-Depression" fallen und nimmt es gleich wieder erschrocken zurück. Ed Balls, Browns enger Vertrauter, spricht von der schlimmsten Krise seit 100 Jahren. Als die Medien mit panischen Schlagzeilen reagieren, formuliert auch er seine Worte um. Er deklariert nun seinerseits die Medien zum neuen Sündenbock - weil sie die öffentliche Zuversicht mit ihrer Sensationslust zerstört hätten.

Permierminister Gordon Brown (Foto: AP)

Er kann sie nicht aus der Krise retten, glauben viele Briten

Viele Briten haben den Glauben an ihren Premier längst verloren. Laut jüngsten Erhebung denken zwei Drittel der Befragten, Premierminister Gordon Brown sei außerstande, die britische Wirtschaft zu retten. Volkfeinde Nummer eins sind nach wie vor die Banker. Mehrere prominente Bankiers wurden kürzlich vor einen Unterhausauschuss zitiert. Dabei stellte sich heraus, dass sie zum Großteil nicht einmal formelle Banking-Qualifikationen besaßen. Ihre vage gemurmelten Entschuldigungen haben den Zorn der Bevölkerung nicht eben beschwichtigt. "Die haben ihre Schäfchen längst ins Trockene gebracht. Wie es den einfachen Leuten geht, ist ihnen doch völlig egal", schimpft ein Brite.

Hochkonjunktur für Krisenpsychologen

Die meisten Briten sind starr vor Schock. Als könnten sie es immer noch nicht fassen, dass sich das Rad des Schicksals so rasend schnell gedreht hat. Das sei nicht weiter verwunderlich, sagt der britische Psychologe Oliver James, Autor des Buchs "Affluenza". Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation gäbe es in der englischsprachigen Welt doppelt so viele Fälle seelischer Erkrankungen wie in Kontinentaleuropa, weiß er. "Der Grund dafür ist der gnadenlos selbstzentrierte Kapitalismus, der sich in angelsächsischen Ländern breitgemacht hat", so James. Wer Geld und materiellen Besitztümern zu viel Wert beimesse, sei letztlich auch viel anfälliger für Depressionen, Drogen- und Alkoholmissbrauch und Persönlichkeitsstörungen.


Autorin: Ruth Rach

Redaktion: Mareike Röwekamp

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