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Kultur

Bringen Akten Licht ins Dunkel um Pius XII.?

Kritiker werfen dem früheren Papst Papst Pius XII. "Schweigen zum Holocaust" vor. Neue Akten gäben Einblicke hinter die Mauern des Vatikans, erhofft sich der Kirchenhistoriker Hubert Wolf im DW-WORLD.DE Interview.

Deutsche Prägungen: Pius XII.

"Deutsche Prägungen": Pius XII.

DW-WORLD: Das Vatikanische Geheimarchiv macht die Papiere aus den Jahren 1922 bis 1939 erstmals der Öffentlichkeit zugänglich. Welche Erkenntnisse erhoffen Sie sich?

Pof. Hubert Wolf: Wir bekommen zum ersten Mal Einblicke in die internen Diskussionen der Kurie und die Berichte von 80 Nuntiaturen (Anm.: diplomatische Vertretungen des Vatikan) aus der ganzen Welt. Daraus können wir ersehen, welche Haltung die Kirche zu den entscheidenden Fragen der Zeit einnahm: Zum Beispiel: Wie war das Verhältnis zum Faschismus in Italien? Wie war das Verhältnis zu Franco in Spanien? Wie stand die Kirche zum Thema Gewalt? Wie war das Verhältnis zum Nationalsozialismus und wie war die Meinung der Kurie in der Zeit bis 1939 zum Thema Antisemitismus? Wir haben jetzt nicht nur die öffentlichen Äußerungen des Papstes, sondern auch die internen Diskussionen aus den Dikasterien, also den vatikanischen "Ministerien". Sie zeigen, dass man zu den einzelnen Fragen sehr unterschiedliche Positionen innerhalb der Kurie vertrat und dass es da durchaus Streit und unterschiedliche Meinungen gab.

Seit Oktober 2000 geht eine jüdisch-katholische Historikerkommission der Frage nach, inwieweit der Heilige Stuhl über den Massenmord an den Juden informiert war und wie er zur "Endlösung der Judenfrage" stand. Wird es eine Antwort auf diese Fragen geben?

Die jetzige Öffnung bezieht sich nur auf den Zeitraum bis 1939. Die "Endlösung der Judenfrage" wurde aber erst 1941/42 beschlossen. Bislang ist das Vatikanische Archiv nur für die Zeit bis 1922 zugänglich gewesen, dass heißt, es sind nun mit einem Schlag 17 weitere Jahre, also 90.000 Akten zugänglich geworden, die zuerst einmal geordnet werden mussten.

Die Akten aus dem Pontifikat Pius' XII. (1939-1958) sind noch nicht zur Einsicht freigegeben.

Ich bin aber relativ sicher, dass der Vatikan in den nächsten Jahren auch die Akten aus dem Pontifikat Pius' XII. zugänglich machen wird, damit diese Frage der jüdisch-katholischen Historikerkommission beantwortet werden kann. Dann hätten auch die Spekulationen ein Ende. Ich glaube, dass die Öffnung des Archivs der Inquisition 1998, die vorzeitige Öffnung der Akten zu den deutschen Angelegenheiten im Vatikanischen Archiv 2003 und jetzt die totale Öffnung des Pontifikats Pius XI. von 1922 bis 1939 Schritte sind, die zu dem großen Schuldbekenntnis gehören, mit dem der Papst im Heiligen Jahr 2000 um Vergebung gebeten hat für die Fehler und die Vergehen, die die Kirche begangen hat. Er hat die Historiker gebeten, diese Dinge präzise aufzuarbeiten.

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