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Kultur

Flucht nach vorn

Und er bewegt sich doch: Der Vatikan hat einen weiteren Teil seiner Archive für die Forscher geöffnet - nach jahrzehntelangem Druck von Kritikern. Sie fordern Aufklärung über Papst Pius' XII. Schweigen zum Holocaust.

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Archivalien verborgen hinter vielen Mauern

Papst Johannes Paul II. wünschte sich einst, dass die Kirche wie ein Haus aus Glas sein möge, "wo alle sehen können, was geschieht". Um wenigstens sehen zu können, was geschah, macht der Vatikan nun die Dokumente aus der Zeit des Pontifikats Pius XI. von 1922 bis 1939 zugänglich.

Doch nicht nur um ihn geht es, sondern auch um seinen damaligen Nuntius in Deutschland Eugenio Pacello, den späteren Papst Pius XII. Dieser stand von 1939 bis 1958 an der Spitze der katholischen Kirche. Ihm wird Antisemitismus und der Sympathie mit Hitlerdeutschland nachgesagt. Die Öffnung der Archive soll dazu beitragen, die Vorwürfe zu entschärfen und den Weg frei zu machen für eine baldige Seligsprechung.

Der Vatikan habe sich zu dieser "außergewöhnlichen Geste" als Reaktion auf das anhaltende Drängen von Kritikern entschlossen, sagt Walter Brandmüller, Vorsitzender der Historischen Kommission des Vatikans. "Man war von archivalischen Leichen in den tiefen Kellern des Vatikans so sehr überzeugt, dass der Schrei nach Öffnung der Archive immer lauter wurde."

Der Papst - ein Antisemit?

Papst Pius XII

Papst Pius XII.

Dieser Schrei hallt allerdings schon seit 30 Jahren durch die Kurie. Beginnend mit dem Stück "Der Stellvertreter" von Rolf Hochhuth ist seit 1963 immer wieder die Haltung von Papst Pius XII. zu Nationalismus und Holocaust Mittelpunkt erregter Debatten - wie zuletzt 2002 bei der Polemik von Daniel J. Goldhagen ("Die katholische Kirche und der Holocaust"). Die Kritiker werfen dem Papst mangelndes Einschreiten gegenüber der Ermordung der europäischen Juden vor, Goldhagen bezichtigte Pius XII. sogar des aktiven Antisemitismus. Seriöse Fachhistoriker halten diese Beschuldigungen für nicht haltbar - genauso wenig aber die restriktive Archivpolitik des Vatikans.

Um den Kritikern Wind aus den Segeln zu nehmen, hat Johannes Paul II. vor Jahresfrist versprochen, die einschlägigen Akten zugänglich zu machen. Ein Jahr lang hatten die Mitarbeiter des vatikanischen Geheimarchivs Zeit, um die Dokumente für die wissenschaftliche Nutzung aufzuarbeiten. Das Versprechen wurde pünktlich eingelöst, die Öffnung selbst ging am 15.2.2003 formlos über die Bühne.

"Die einzige Lösung"

Endlich den Zugang zu gewähren, ist nach Worten des Historikers Prof. Dr. Wolfgang Schieder für den Vatikan "die einzige Lösung", um die Kurie aus dem Kreuzfeuer der Beschuldigungen, Polemiken und Verdächtigungen zu nehmen. Schieder setzt sich seit Jahren für die Öffnung der vatikanischen Archive ein. Zugänglich sind nun die Akten, als der spätere Papst Pius XII. noch unter seinem bürgerlichen Namen Eugenio Pacelli entscheidende Verantwortung für die Deutschland-Politik des Vatikan trug.

Bisher hatte der Vatikan stets auf die Masse des Materials und die Überlastung des Archiv-Personals verwiesen. "Das stimmt wohl tatsächlich", meint Schieder. Mit gerade einmal 35 Mitarbeitern für 80.000 Regalmeter Archivalien war die Öffnung anscheinend tatsächlich nicht früher zu schaffen. Schieder hält es aber für ein Unding, dass der Vatikan noch immer technische Gründe für seine Archivpolitik vorschiebt – zumal der Personalnotstand durch nach Rom abgeordnete Archivare der Diözesen durchaus behoben werden könnte.

Jahrelange Kleinarbeit

Wie der Vatikan warnt auch Schieder vor der Erwartung, dass die Quellen nun Geheimnisse preisgeben würden. Und schon gar nicht schnell: Eine wissenschaftliche Sichtung bedarf jahrelanger Kleinarbeit an Zehntausenden von Archivalien.

Jahrelang werden sich auch die päpstlichen Archivare mühen, um die weitaus brisanteren Bestände aus dem Pontifikat von Pius XII. (1939-1958) zugänglich zu machen. Monsignore Sergio Pagano, Leiter des vatikanischen Archivs, rechnet mit einer Arbeit von drei Jahren. Es geht dabei um mehrere Millionen angeblich lose und ungeordnet in Schachteln aufbewahrte Blätter.

Vom Teufel besessen?

Diese Behauptung scheint zumindest fraglich, waren die Archivalien doch schon einer Jesuiten-Kommission zugänglich. 5000 Dokumente zum Pontifikat Pius XII. wurden in elf voluminösen Bänden veröffentlicht. Archivalien, die auch schon Pater Peter Gumpel einsehen konnte. Der Jesuit beschäftigt sich als Untersuchungsrichter im umstrittenen Seligsprechungsprozess seit vielen Jahren mit Pius XII. Er kommt dabei zu dem Schluss, dass Eugenio Pacello ein entschiedener Nazi-Gegner war. Der Papst sei sogar überzeugt gewesen, dass Hitler vom Teufel besessen sei – während des Zweiten Weltkriegs habe er mehrfach versucht, durch exorzistische Rituale vom Vatikan aus Hitler vom Teufel zu befreien. Vergeblich, wie nicht nur Fach-Historiker wissen.

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