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Europäische Union

Brexit Tagebuch 12: Eine Antilope in Manchester

Der Parteitag der Konservativen ist lebensgefährlich für Theresa May. Boris Johnson sägt an ihrem Stuhl, und Michael Gove will Schweineohren nach China exportieren.

Ein Parteitag ist auch in guten Zeiten für einen Premierminister eine Herausforderung. Er dauert tagelang, die Delegierten betrinken sich, und es ist ein echter Intrigenstadel. Die Frage vor diesem Treffen der Konservativen aber war: Wird sie es überleben oder nicht? Und die Attacken ihrer Parteifreunde waren gnadenlos. Warum sah sie in Florenz vor diesem grauen Hintergrund so blass aus? Warum sieht sie überhaupt dieser Tage so grau aus, so müde und erschöpft? Es könnte an ihren Jacken liegen. May hätte Angela Merkel beobachten sollen, die ihren beinahe desaströsen Wahlsieg in lebendigem Rot und freundlichem Blau überlebte. Trage niemals grau, sagen die Modeberater, damit sieht man… grau aus.

Was das rituelle sonntägliche Politik-Interview in der BBC anging, so war es ein Totalschaden. Moderator Andrew Marr zerrte nicht eine, sondern zwei Entschuldigungen für die verlorene Juni-Wahl aus Theresa May hervor. Unentwegt nahm er ihre politischen Kehrtwenden aufs Korn und trieb sie beim Brexit echt in die Ecke. Was ist eigentlich mit dieser neuen Übergangsperiode? Das ist keine Übergangs-, das ist eine Implementierungsperiode, sagt May. Implementierung von was? Und warum ist mit ihr das Pfund abgestürzt, sind die Lebenshaltungskosten gestiegen? Und was passiert nach einem Brexit ohne Deal? Werden die Flugzeuge am Himmel bleiben? Theresa schwurbelt. Schließlich reißt dem Interviewer der Geduldsfaden: "Schauen Sie mir in die Augen und sagen Sie die Wahrheit!" Wirklich, Andrew, das ist zu viel verlangt.

Aber wo steht sie nach alldem? "Ich habe angefangen Theresa May zu bedauern. Es ist, als ob man eine sterbende Antilope beobachtet, die sich über die Ebene schleppt, das verletzte Bein hinterher ziehend", schrieb Michael Deacon im "Telegraph". Da sollten wir den Tierschutzverein anrufen. 

Boris Johnson in Birma - Glockenschlag (Getty Images/AFP/S. Zeya Tun)

Wem die Stunde schlägt... Boris Johnson in Rangun

Wem die Stunde schlägt

Die Hauptquelle des Streits bei den Tories ist natürlich Boris Johnson. Der Außenminister erscheint wie der ewige Teenager, der ständig seine Grenzen testet. Nicht nur, dass er Theresa May beim Brexit herausfordert, er liebt es auch, im Ausland zu provozieren. Eine Dokumentation mit dem Titel "Blonder Ehrgeiz" brachte jetzt folgende Geschichte ans Licht: Auf seiner Reise nach Myanmar, die ehemalige britische Kolonie Birma, besuchte er im Januar auch den berühmten Shwedagon-Tempel in Rangun. Und weil seine Gastgeber es gut meinten, durfte er die große Tempelglocke schlagen. Da aber stieg aus dem Gestrüpp von Boris Johnsons teurer Bildung das Gedicht "Mandalay" von Rudyard Kipling hoch. 

Leider es blieb nicht im Hinterkopf, wo die staubigen Verse aus der Schulzeit hingehören. Lustvoll begann Boris die Ode an vergangene Kolonialherrlichkeit zu rezitieren, die in den Zeilen gipfelt: "Die Tempelglocke schlägt und ruft, komm doch zurück du britischer Soldat". Hatte der Außenminister vorher seine Generäle gefragt, was sie von einer Invasion Myanmars halten? Total geschockt griff der britische Botschafter ein und zischte, das Gedicht sei hier gänzlich unangebracht. Johnson guckte irritiert. Unangebracht, Kipling? Den hatten sie in Oxford doch immer nach der dritten Flasche Wein aufgesagt, wenn der Realitätsinn ganz dahin war.

Seine politischen Freunde behaupten,  Boris würde noch einen Anlauf auf die Downing Street machen. Wenn er es jetzt aber nicht schaffe, Theresa May abzusägen, würde er aufgeben und sich einen Job in der City suchen. Bisher hat Boris Johnson effektiv Mays Florenz-Rede unterminiert, und am Sonntag kam er in der "Sun" mit weiteren roten Linien zum Brexit.

Seitdem ist die meist gestellte Frage in Interviews mit führenden Tories: "Kann man Boris rauswerfen?" Die Kollegen Amber Rudd und Philip Hammond meinen, das müsse theoretisch möglich sein. Wenn er nicht den Mund hält. Endlich seine Klappe schließt. Total still ist. Wozu er nicht fähig ist, wie alle wissen. Fortsetzung folgt.

Exporteure Brexit Studie (picture alliance/dpa/G. Fuller)

Britische Autos könnten nach dem Brexit einfach auf der Halde bleiben

Harte Wahrheiten

Die Realität kollidiert manchmal schmerzhaft mit den Träumen der Brexiteers. So, als die große Anwaltskanzlei Baker McKenzie eine Studie über die Auswirkungen eines harten Brexit auf Großbritannien veröffentlichte. Die Wirtschaft würde um 40% schrumpfen und WTO-Zölle und andere Handelshemmnisse zu einem Verlust von 20% aller britischen Exporte weltweit führen. Die Autoindustrie wäre besonders schwer betroffen mit einem Minus von acht Milliarden Pfund jährlich, gefolgt von Verbrauchsgütern. Und auch die umfassendsten Handelsverträge mit den USA, China oder Kanada könnten mit maximal 25% Zuwachs den Gesamtverlust nicht ausgleichen.

Was so ein Handelsvertrag mit einem speziellen Partner wie den USA bedeuten kann, zeigte sich in der vergangenen Woche. Da belegten die USA den kanadischen Luftfahrtkonzern Bombardier wegen angeblicher Staatshilfen mit riesigen Strafzöllen. Die Kanadier haben auch eine Fabrik mit 4000 Arbeitsplätzen in Nordirland. Der britische Handelsminister Liam Fox reagierte wütend und drohte den USA mit Vergeltungszöllen gegen Flugzeugbauer Boeing. So beginnen Handelskriege, und man wünscht der Regierung in London dabei alles Gute.

Aber war das ein Grinsen auf dem Gesicht des irischen Premiers Leo Varadkar, als er beim Gipfel in Tallinn  sagte: "Jedes Land in Europa ist ein kleines Land. Zusammen sind wir als Handelsblock stärker"? So etwas nennt man "das Messer in der Wunde rumdrehen".  

Schweinohren in China

Tierzucht in Sauenanlage (picture alliance/dpa/J. Büttner/dpa-Zentralbild/ZB)

Sind so hübsche Öhrchen...

Michael Gove ist einer der Brexiteers, die immer das Positive im Leben sehen. Bei einer Veranstaltung auf dem Parteitag in Manchester tröstete er sich mit neuen Exportchancen von Schweineohren. In der EU ist vorgeschrieben, die Ohren zur Identifizierung mit einer Kennzeichnung zu versehen. Nach dem Brexit aber könne man darauf verzichten. Nun ist das Interesse für Schweineohren in vielen Ländern übersichtlich, in China allerdings gelten sie als Delikatesse. Und sie bringen mehr Geld, wenn sie nicht durchlöchert sind. Hier öffnen sich große neue Exportchancen. 

UK - Protest gegen Brexit (Getty Images/AFP/O. Scarff)

Welch multiples Ungeheuer!

Und sonst noch?

Die konservativen Delegierten wurden in Manchester von einer großen und lauten Anti-Brexit-Demonstration begrüßt. Damit sie die anderen 48% in Großbritannien nicht vergessen.

Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sagte, es müsse ein Wunder geschehen, damit noch im Oktober die Verhandlungen über die künftigen Handelsbeziehungen zwischen der EU und Großbritannien beginnen könnten.

Und das Europaparlament wird noch in dieser Woche beschließen, dass ein Wunder nicht vorgesehen ist.

Das letzte Wort aber soll einem anonymen Konservativen gehören, der das ganze Dilemma seiner Partei in zwei Zeilen presste:

"Wenn wir den Brexit absagen, zerstören wir uns. Wenn wir ihn durchziehen, zerstören wir das Land." Könnte man nicht besser formulieren.

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