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Bücher

Breslau, Weltstadt des Buches: Literatur in den Gassen

Wovon handeln Romane aus dieser Stadt? Breslau ist nicht nur Europäische Kulturhauptstadt sondern jetzt auch UNESCO Weltstadt des Buches. Eine Literatursuche mit der Autorin Agnieszka Kłos.

Auf der Suche nach Breslaus Literatur-Orten geht es zunächst in eine bunte Gasse: Agnieszka Kłos strahlt etwas stolz, als sie auf das meterlange Graffiti und die alten Neon-Leuchtschilder aus kommunistischen Zeiten zeigt. "Für mich ist das hier wie eine Art Mini-Kreuzberg. Mein liebster Ort in Breslau." Die junge Autorin ist fürs Studium nach Breslau gekommen und hat die Stadt seitdem nicht mehr verlassen. In dieser Gasse befindet sich die Redaktion von "Rita Baum", eine Literaturzeitschrift, die Kłos mit aufgebaut hat. Der merkwürdige Name verrät, welches Thema literarisch tief mit Breslau verwurzelt ist: die Suche nach Identität. "Rita Baum existiert nicht. Sie ist ein Sinnbild für das, was einmal war."

Agnieszka Klos Copyright: DW/N. Wojcik

"Wo soll ich sonst leben?" Agnieszka Klos liebt und lebt Breslau

Erinnerungsorte und Identitätsfragen seien heute moderne Forschungsfelder, sagt Agnieszka Kłos, die unter anderem auch als Dozentin an der hiesigen Kunstakademie arbeitet. "Früher wurde über so etwas aber nicht gesprochen. Meine Generation ist die erste, die sich damit ernsthaft auseinandersetzt", so Kłos. Das Erbe ist gewaltig: Mit Ende des Zweiten Weltkrieges wurden die Deutschen aus Breslau vertrieben - in die Wohnungen zogen Polen ein, wiederum vertrieben aus der heutigen Ukraine, Weißrussland und Litauen. Eine Stadt im Vakuum: Eine multiethnische Bevölkerung aus den unterschiedlichsten polnischen Ostgebieten versucht Fuß zu fassen in der Stadt des Feindes. Welche Auswirkungen diese Ent- und Neuverwurzelungen haben - das können am besten die Literaten festhalten, sagt Agnieszka Kłos, und verweist noch im selben Atemzug auf die zeitgenössische Schriftstellerin Olga Tokarczuk, die sowohl mit polnischen als auch deutschen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. "In Breslau kommt jeder irgendwo her - aber keiner von hier. Und so ist es bei Olga auch. Sie sucht in ihren Romanen immer, ist in Bewegung, findet für jedes Buch eine neue Sprache."

Jüdische Spurensuche

Synagoge Zum Weißen Storch Copyright: DW/N. Wojcik

Lange vergessen, jetzt erstrahlt sie wieder im alten Glanz: die Synagoge zum Weißen Storch

Wenige hundert Meter von der Gasse entfernt betritt Agnieszka Kłos einen schick restaurierten, kleinen Platz, in dessen Mitte strahlend weiß die wiederhergestellte Synagoge steht. "Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen, aber dieser Platz war fürchterlich verwahrlost. Als Studentin hatte ich wirklich Angst, hier lang zu laufen", erzählt Kłos. Für sie ist der Wiederaufbau der Synagoge ein wichtiges Zeichen. 25.000 Juden lebten einst in Breslau, heute sind es 300. Kłos hat darin sowohl ihr literarisches als auch ihr wissenschaftliches Thema gefunden. Gerade veröffentlichte sie ihr zweites Buch "Spiele in Birkenau" ("Gry w Birkenau").

Auf dem Weg zum Marktplatz kommen wir an einem kleinen schwarz-weißen Gemälde auf einer Hauswand vorbei: Bruno Schulz, einer der bedeutendsten Schriftsteller Polens. 1942 von der Gestapo ermordet, hinterließ er nur zwei dünne Bände, die es jedoch in sich hatten. Für viele Autoren wie Jonathan Safran Foer, John Updike oder David Grossmann ist das Werk bis heute eine wichtige Quelle der Inspiration. Geboren und ermordet wurde Bruno Schulz in Drohobycz, heute Ukraine. Da jedoch ein Großteil der damaligen polnischen Bevölkerung vertrieben und nach Breslau umgesiedelt wurde, reiste auch die literarische Erinnerung mit: Heute findet jährlich im Herbst ein mehrtägiges Festival zu seinen Ehren statt. Ein Highlight für Kłos: "Wir haben viele Veranstaltungen in Breslau, aber die ist mir besonders wichtig. Es kommen viele Autoren, auch internationale, ein wirklich toller Austausch."

Schmierige Angelegenheiten

Wir erreichen den Salzmarkt, ein kleiner Vorläufer des großen Breslauer Marktplatzes. Agnieszka Kłos zeigt auf eine Treppe, die nach unten führt: "Und das ist die Breslauer Metro", schmunzelt sie. Natürlich habe die Stadt keine Metro, das sei ein lokaler Scherz. Dort unten befinden sich vielmehr Toiletten. Darauf hinweisen wolle sie vor allem deswegen, da Breslau in der Tat eine Vielzahl an unterirdischen Gängen hat, wie eine Stadt unterhalb der Stadt. "Viele Legenden drehen sich um diese Unterwelt." Einer, der das besonders gut recherchiert hat, ist der Schriftsteller Marek Krajewski, einer der erfolgreichsten polnischen Krimiautoren. Sein Romanheld ist ein schmieriger Kommissar namens Eberhard Mock, der im Breslau der 30er Jahre ermittelt. Ein deutscher Kommissar also - daran scheint sich in Polen heutzutage keiner zu stören, seine Romane sind Bestseller.

Eingang zum Rathaus-Keller, der sogenannte Schweidnitzer Keller Copyright: DW/N. Wojcik

Seit Jahrhunderten Literatentreff: der Schweidnitzer Keller

Ebenfalls eine Etage tiefer, diesmal aber auf dem großen, atemberaubenden Marktplatz, befindet sich der Schweidnitzer Keller. Obwohl er ein Touristenmagnet ist, ist Kłos stolz auf das Restaurant aus dem 13. Jahrhundert. Auf einer Tafel neben dem Eingang sind frühere Gäste eingraviert: Gerhart Hauptmann, der in Breslau zur Schule ging, Joseph von Eichendorff und Johann Wolfgang von Goethe.


Bücherrettung

Ossolinski Bibliothek Copyright: DW/N. Wojcik

Auch die Ossolinski-Bibliothek hat eine bewegte Geschichte hinter sich

Ruhig und idyllisch liegt hingegen das Ossolineum - Agnieszka Kłos' Zufluchtsort. Auch diese Bibliothek ist eine Geflohene - als einst wichtigste polnische Bibliothek in Lemberg, heute Ukraine, wurde sie gemeinsam mit den polnischen Vertriebenen ins 600 Kilometer entfernte Breslau verfrachtet. In direkter Nachbarschaft, in der Universitätsbibliothek, befindet sich im Übrigen der größte deutsche Barockbestand des deutschsprachigen Raumes. Nach der Vertreibung wurden die Bestände der niederschlesischen Privatbibliotheken hier zusammengeführt.

Powodzianka Denkmal: Eine Frau trägt Bücher auf der Schulter Copyright: DW/N. Wojcik

"Powodzianka" - das Denkmal an der Oder erinnert nicht nur an die Flut von 1997, sondern auch an die damalige Bücherrettung

Ein deutsch-polnischer Literaturschatz - von großem Wert für die Breslauer. "Während der Oder-Flut 1997 gerieten die Bibliotheken in Panik. Und während die Wassermassen stiegen und stiegen, haben wir Menschenketten gebildet oder die Bücher auf dem Kopf durch das Wasser getragen", sagt Agnieszka Kłos. Damals sei die ganze Stadt pausenlos im Einsatz gewesen. Rückblickend ein wichtiger Moment: "Wir, die neuen Bewohner Breslaus, haben erstmals für unsere Stadt gekämpft." Heute, fast 20 Jahre später, erinnert nur noch die "Powodzianka" an diese Naturkatastrophe: Auf einer vielbefahrenen Brücke über die Oder steht eine Frauen-Skulptur, auf der Schulter Bücher tragend.

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