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Deutschland

Braunkohletagebau: Ein Recht auf Heimat

Europas größtes Braunkohletagebau-Revier zwingt tausende Bewohner westlich von Köln, ihr Dorf zu verlassen und anderswo heimisch zu werden. Der Energiekonzern RWE profitiert von den Umsiedlungen. Die Menschen auch?

"Immerath" steht auf dem gelben Ortschild. Immer noch. Aber die Bewohner scheinen längst weg zu sein. In dem mehrstöckigen Krankenhauses am Ortseingang hängen die Fensterläden schief. Nicht nur dieses Gebäude macht einen verwahrlosten Eindruck. Nahezu sämtliche Rolläden im Dorf wurden heruntergelassen, Haustüren sind mit Brettern vernagelt. Auf dem Friedhof sind die Gräber leer. Die Gebeine der Toten wurden umgebettet und sind nun zwölf Kilometer entfernt bestattet. Das Dorf dort heißt "Immerath (neu)".

Friedhof Immerath bei Erkelenz. Die Toten wurden teilweise schon umgebettet auf den Friedhof Immerath (neu). Foto: DW/ Karin Jäger, 22.05.2013

Friedhof Immerath: Selbst die Toten wurden umgebettet

Schilder an Häusern des alten Ortes zeugen davon, dass es hier zwei Bäckereien und eine Apotheke gegeben hat. Einzig der Briefkasten, die gelb markierten Bushaltestellen und der Löwenzahn, der überall wuchert, bringen etwas Farbe in diese Ödnis. Vögel unterbrechen die Totenstille mit Gezwitscher. Beklemmend, das Gefühl, allein in diesem gottverlassenen Geisterdorf zu sein.

Plötzlich prescht ein Lieferwagen aus dem Nichts heran, Warnlampen blinken, die Hupe dröhnt. Da sich nichts regt springt die Fahrerin auf die Straße, klingelt an einem Haus und verschwindet im Laufschritt wieder hinterm Steuer; wartet bis sich, endlich, die Tür öffnet. Fast hätte die Immeratherin, die dort wohnt, den mobilen Bäckerladen verpasst. Es ist nicht viel, was die Frauen sich zu sagen haben, denn beide wollen nur eines: Weg von diesem unheimlichen Ort: "Ich habe so viele Kunden verloren", beklagt Bäckerin Laumanns. "Und viele Alte haben sich mit dem Verlust der Heimat nicht damit abfinden können, sie sind vor der Umsiedlung gestorben. Das ist alles nicht schön."

Eine Region wird umgegraben

Lieber heute als morgen möchte auch die Kundin weg. "Die Atmosphäre hier ist kaum noch zu ertragen. Doch mein Mann ist Dachdecker. Er arbeitet an Häusern im neuen Immerath, wir kommen gar nicht dazu, unser eigenes Haus dort fertig zu bauen." Und dann deutet sie auf das große Tor: "Dahinter lagert sein ganzes Material. Bis das nicht verbraucht ist, können wir nicht weg. Hier wird ja ständig eingebrochen und geplündert. Eigentlich möchte ich keinen Tag länger bleiben." Die Frau reibt sich nervös an den Fingern. Wie viele Menschen noch in Immerath leben, weiß sie nicht. 50 oder 100? Vor Beginn der Umsiedlung 2006 waren es 1200.

Bis 2014 müssen alle raus sein aus dem alten Immerath, weil das Dorf danach abgebaggert wird. Ausgelöscht. Denn unter der Erde lagert die begehrte Braunkohle. Schon jetzt hat der Energiekonzern RWE Sicherheitsfirmen beauftragt, dort zu patrouillieren. Ein Dorfbewohner hat Stacheldraht über seinem hohen Eingangstor angebracht und Hinweisschilder, die Diebe abschrecken sollen.

Überreste des Dorfes Pesch bei Erkelenz. Auf dem Gebiet wird bald Braunkohle abgebaut (Garzweiler II). Foto: DW/ Karin Jäger, 22.05.2013

Reste des Nachbardorfes Pesch: Opfer des Tagebaus

Derweil rücken die gnadenlosen Schaufelradbagger immer näher, die der Erde das schwarze Gold rauben, mit dem sich Strom gewinnen lässt. Und Geld. Soviel Geld macht RWE Power, dass der Gigant es sich leisten kann, ganze Landstriche aufzukaufen - mit Haus und Hof - und umzuwälzen.

Seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts sind Bewohner der Region zwischen Aachen, Mönchengladbach und Köln zu Flüchtlingen geworden, damit woanders Stuben hell und Gefrierschränke kühl sind. Am Ende der Förderung des fossilen Energieträgers um das Jahr 2045 werden mehr als 30.000 Menschen aus 80 Ortschaften ein neues Zuhause gefunden haben. Aber eine neue Heimat?

Vom Heimatdorf in die Siedlung

Die Entwurzelung geht mit einer Vielzahl von Problemen einher. Allein schon die Tatsache, dass die Betroffenen von der zuständigen Stadtverwaltung Erkelenz vor Jahren aufgefordert wurden, sich wegen der Umsiedlung bei RWE zu melden, empfinden Bürger wie Stephan Pütz bis heute als Demütigung. Schließlich wollte ja niemand freiwillig seine Heimat aufgeben. Sie hätten sich gewünscht, dass der Konzern auf die Menschen zugeht.

Stephan Pütz reklamiert sein Recht auf Heimat und hat vor dem Bundesverfassungsgericht Verfassungsbeschwerde eingelegt/ Rheinischer Braunkohletagebau/ RWE. Foto: DW/ Karin Jäger, 22.05.2013

Stephan Pütz: Kampf für das "Recht auf Heimat"

Auch sei es nicht so, dass RWE den Leuten ein neues fertiges Eigenheim zur Verfügung stelle. Vielmehr seien sie gezwungen, vom Standort bis zum Einzug, alles allein zu organisieren. Ein Prozess, der Jahre dauert. Pütz bezweifelt, dass der Staat das Recht hat, sich über einen so langen Zeitraum in die Lebensplanung des Einzeln einzumischen. Gemeinsam mit der Umweltorganisation BUND hat Pütz Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingelegt. Die vorgelagerte Instanz, das Oberverwaltungsgericht (OVG) in Münster, hatte allerdings 2007 entschieden, dass die Umsiedlung mit den öffentlichen Interessen vereinbar ist, Bürger somit faktisch enteignet werden können. Für Stephan Pütz hat die Vertreibung eine Gewaltkomponente, aber die Masse hat sich mit dem Schicksal abgefunden. "Man kann ja doch nichts machen", sagen Bürger und Kommunalpolitiker achselzuckend.

Dorfbild vom Reissbrett und Zerfall der funktionierenden Dorfgemeinschaft

Auch Heidi Terhardt denkt so. Sie führte mit ihrem Mann eine der zwei Bäckereien in Immerath, und zog mit dem festen Vorhaben in den Ersatzort Immerath (neu), um dort ihr Geschäft fortzuführen. Doch dann erkrankte ihr Mann. "Die Schulter", betont Heidi Terhardt, "psychische Belastungen wegen der Umsiedlung waren nicht der Grund." Jetzt hat der Bäcker aus der Not eine Tugend gemacht und in der neuen Backstube einen Hobbyraum eingerichtet. "Unsere neuen Nachbarn sind auch super", schwärmt die Rentnerin.

Die neue Siedlung ist nicht verschachtelt, Häuser nicht aneinander gebaut, die Nachbarn haben mehr Abstand zu einander. Doch fehlt die Mitte in dem "Schlafdorf", es fehlt der Charme eines über Jahrhunderte gewachsenen Dorfes wie Immerath es war. In Immerath (neu) fehlt die imposante neuromanische Basilika mit dem Doppelturm, die das alte Dorf weithin sichtbar machte. Am neuen Ort wird es kein Gotteshaus mehr geben, nur eine Begegnungsstätte. Und auch die 400 Jahre alte Turmwindmühle in Immerath wird dem Bagger zum Opfer fallen.

Heidi Terhardt und ihre Familie ist umgesiedelt von Immerath nach Immerath (neu). Rheinischer Braunkohletagebau. Foto: DW/ Karin Jäger, 22.05.2013

Heidi Terhardt: "Alles super im neuen Zuhause"

Die Umsiedelungsquote ins neue Dorf beträgt nur 50 Prozent, sagt Stephan Pütz. Viele hätten sich auf Grund von Perspektivlosigkeit an anderer Stelle niedergelassen oder eine gebrauchte Immobilie von der finanziellen Entschädigung gekauft, die RWE zahlt. Über die darf aber niemand reden, um keine Neider auf den Plan zu rufen, denn die Verhandlungen zwischen Konzern und Verkäufer verlaufen stets höchst individuell und diskret ab. Jeder will mit einem neuen Haus nach außen demonstrieren, dass er die Umsiedlung bewältigt hat. Deshalb nehmen Hausbauer mitunter Kredite auf, die die Entschädigungssumme übersteigen. Landwirte erhalten zwar neues Land zugewiesen. Dass das aber teilweise in Ostdeutschland liegt, weil in der Nähe kein Boden frei verfügbar ist, wird oft verschwiegen.

Immerath (neu) bei Erkelenz. Der Ort entsteht durch die Umsiedlung infolge des Rheinischen Braunkohletagebaus (Garzweiler II). Foto: DW/ Karin Jäger, 22.05.2013

Immerath (neu): Mehr Platz zum Wohnen

Auf der Straße muss am Ende niemand stehen, doch Stephan Pütz meint, die seelischen Belastungen der Umsiedlung seien enorm. Er beruft sich auf ein Gutachten des Stadtplaners Peter Zlonicky über die Sozialverträglichkeit der Umsiedlung. Seine Heimat will er nicht so einfach aufgeben und dem Lockruf des Energieriesen folgen. Sollte Pütz vor dem Bundesverfassungsgericht eine Niederlage erleiden, wo am 4. Juni 2013 die mündliche Verhandlung stattfand, dann muss auch er sich ein neues Zuhause suchen. Schon jetzt sagt er: "Es nutzt nichts, jahrelang dem alten Ort nachzutrauern. Wie gerne man ihn auch immer gehabt haben muss. Man muss nach vorne schauen und mit sich den inneren Frieden finden."

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