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Sport

Brasilien ist nicht fertig, aber bereit

Keine einzige WM-Stadt hat alle Projekte abgeschlossen. Abgesehen von den Stadien ist nur wenig fertig geworden. Spaß werden die Menschen trotzdem haben, denn die Brasilianer selbst sind bereit für die WM.

"Brasilien auf dem Fußballplatz ist die eine Sache. Brasilien abseits des Platzes ist eine andere", rief Fausto Silva den Brasilianern am vergangenen Sonntag zu. "Faustão" moderiert seit 25 Jahren die dreistündige Sonntagnachmittags-Sendung "Domingão". Wenige Tage vor der WM-Eröffnung nutzte er seine Show, um gegen die Politik der Regierung zu wettern.

Gleichzeitig rief er seine Landsleute aber auch dazu auf, ihren Ärger nicht an den 600.000 erwarteten Fans aus dem Ausland auszulassen: "Die Meisterschaft um Bildung, Gesundheit und gegen Vorurteile müssen wir im Oktober gewinnen!" Dann wählt Brasilien Parlament und Regierung.

Angst vor Gesichtsverlust

Der Ärger, den Show-Master Faustão anspricht, richtet sich gegen die Milliarden-Ausgaben der Regierung für die WM-Projekte und gegen Fehler in der Bildungs-, Gesundheits- und Infrastrukturpolitik.

Bauarbeiten am Itaquerao 11.06.2014 (Foto: DW / Marina Estarque)

In vielen WM-Städten wird noch am Tag vor der WM gebaut, wie hier am Stadion Itaquerao in Sao Paulo

Der Unmut entlud sich schon vor einem Jahr beim Confederations Cup in Brasilien, als sich spontan hunderttausende Brasilianer den Kundgebungen anschlossen, die politische Gruppen initiiert hatten. "Die Protestkultur hat sich im Rampenlicht der Großereignisse rasant entwickelt", sagt Nora Jacobs, die für die Humboldt-Stiftung in São Paulo arbeitet. Dass es zur WM vereinzelte Demonstrationen geben wird, gilt als sicher. Doch inzwischen kommt bei vielen Brasilianern auch die Angst vor einem Gesichtsverlust hinzu, falls die WM komplett schief geht.

Als die FIFA im Jahr 2007 Brasilien als Austragungsort bestimmte, verfielen die fußballverrückten Brasilianer in kollektiven Freudentaumel. Aber es ging ihnen nicht nur um den Sport. Viele sahen auch eine große Möglichkeit, der Welt zu zeigen, dass Brasilien mehr als Fußball und Samba ist. Doch diese Chance hat das Land des fünffachen Weltmeisters gründlich verspielt, meint Roberto Rivellino, Weltmeister von 1970: "Probleme wird es immer geben, aber wenn man schon das Geld ausgibt, hätte wenigstens alles fertig sein können. Wir hatten sieben Jahre."

Keine WM-Stadt ist fertig

In São Paulo, Curitiba und Porto Alegre sind wenige Tage vor WM-Start noch Bauarbeiter in Aktion zu beobachten. 13 Flughäfen sollten zur Weltmeisterschaft ausgebaut werden, nur an dem in Brasília sind die Bauarbeiten bisher abgeschlossen. Keine der zwölf WM-Städte hat alle WM-Projekte zum Anpfiff abgeschlossen.

Bauarbeiten am Itaquerao 11.06.2014 (Foto: DW / Marina Estarque)

Baugerüste werden kurz vor dem Anpfiff mit Planen verhängt

In Fortaleza wird die Straßenbahn zwischen Hafenviertel und Stadion zur WM nicht fahren, die in Cuiabá wird voraussichtlich erst 2015 ihren Betrieb aufnehmen, und der Trassenbau in Brasilia wurde wiederholt auf unbestimmte Zeit gestoppt, bevor er richtig losging. In jeder WM-Stadt finden sich Mobilitätsprojekte, die sich verzögert haben oder einfach ganz aus der WM-Planung gestrichen wurden. So wie in Porto Alegre, wo außer dem Stadion und seinem direkten Umfeld überhaupt nichts für die WM gebaut wurde.

Es sind genau diese Infrastrukturprojekte, die die Regierung einst als "Erbe der Weltmeisterschaft" beworben hatte. Entsprechend tief sitzt in der Bevölkerung der Frust darüber, dass sich die Kosten auch noch, im Vergleich zur ersten Planung, inzwischen auf das Neunfache - fast zehn Milliarden Euro - belaufen.

Brasilianer sind bereit

All das werden aber wohl die wenigsten WM-Touristen direkt zu spüren bekommen. Die Verbindungen zu den Stadien werden notfalls durch Ersatzbusse sichergestellt, und die Flughäfen sind zumindest provisorisch hergerichtet, um mit dem Ansturm fertig zu werden. Dennoch: Bauzäune an Terminalzugängen und offenen Straßendecken an Zufahrtswegen hinterlassen nicht eben den Eindruck, dass da fähige Projektmanager am Werk waren.

Straße in Brasilien dekoriert mit Nationalflaggen zur WM (Foto: picture-alliance / AP)

Viele Brasilianer sind in der Woche vor dem Eröffnungsspiel doch noch in WM-Stimmung gekommen und haben die Straßen geschmückt

Genau deshalb könnten viele Brasilianer sich aber erst recht ins Zeug legen, um den Gästen positive Erinnerungen an ihr Land mit nach Hause zu geben. Die Nahverkehrsgewerkschaft von São Paulo hat einen Tag vor der WM ihren Streik beendet. Und die Straßen verwandeln sich nach und nach in ein grün-gelb-blaues Farbenmeer: "Gerade jetzt in den letzten Tagen vor der WM sieht man überall die brasilianische Flagge: an Fenstern, Balkonen, Autos oder auch direkt auf den Asphalt gemalt", berichtet Humboldt-Repräsentantin Jacobs. Den Aufruf von Show-Master Fausto Silva hätten die meisten dafür wohl nicht gebraucht.

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