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Amerika

Brasiliens Duell mit der Fifa

Die WM ist willkommen, die Fifa allerdings nicht: Das Verhältnis zwischen Brasilien und dem Weltfußballverband ist nachhaltig gestört. Trotzdem bereitet sich das Land mit Freude auf das große Fußballfest vor.

Staatspräsidentin Dilma Rousseff kam nicht. Und auch der Gouverneur des Bundesstaates São Paulo und der Bürgermeister der gleichnamigen Megametropole ließen sich entschuldigen. Zwei Tage vor Anpfiff des Eröffnungsspiels der Weltmeisterschaft in São Paulo eröffnete Fifa-Präsident Joseph Blatter den Kongress des Weltfußballverbands ohne jegliche politische Prominenz aus Brasilien.

Blatters einsame Performance in São Paulo sagt viel aus über die Stimmung im Land. Unmittelbar vor Beginn der WM verspürt die Mehrheit der Brasilianer eine Abneigung gegenüber der Fifa. Niemand spricht es aus. Doch Spott und stiller Widerstand gegen den Weltfußballverband sind in Südamerikas größtem Land zu einem neuen Volkssport geworden.

Fifa schickt Rechnung über 10.000 Dollar

"Wir wollen mit der Fifa nichts zu tun haben, unser Fest ist zu 100 Prozent brasilianisch", sagt Ricardo Ferreira. Der Händler aus Rio de Janeiro organisiert seit 1978 bei jeder WM das Straßenfest "Alzirão" im Stadtteil Tijuca in Rio de Janeiro. In diesem Jahr schickte die Fifa ihm eine Rechnung in Höhe von umgerechnet rund 10.000 US-Dollar - für die Übertragungsrechte der Spiele auf einer Großleinwand.

Erst nachdem der Bürgermeister von Rio, Eduardo Paes, bei der Fifa intervenierte, wurde die Rechnung zurückgezogen - schließlich diente die berühmte Fanmeile aus Rio als Modell für die offiziellen Fifa Fan-Feste, die seit der WM 2006 in Deutschland organisiert werden. "An uns hat die Fifa für die Benutzung unseres geistigen Eigentums nichts bezahlt, sie hat halt eine Vorliebe für ehrenamtliches Engagement", kommentiert Ferreira ironisch die Lage.

Viel Ehre, wenig Geld

FIFA WM 2014 Kellner Valdo Cardoso mit seinen Kollegen vor dem Maracana (Foto: Astrid Prange)

Fiebern ihrem Einsatz bei der WM entgegen: Kellner Valdo Cardoso (2.v.l.) und Kollegen

Auch die Kellner, die im Maracanã-Stadion in Rio Getränke servieren werden, hätten sich etwas mehr Großzügigkeit vom Weltfußballverband gewünscht. "Natürlich ist es toll für den Lebenslauf, einmal bei einer WM gearbeitet zu haben", meint Valdo Cardoso. "Aber gemessen an der Größe des Ereignisses zahlt die Fifa eher wenig." Für den Kellner steht fest, dass er nach seinem Einsatz im Maracanã bei neuen Arbeitgebern künftig mehr Gehalt fordern wird.

Das Verhältnis zwischen Brasilien und der Fifa befindet sich seit März 2012 auf dem Tiefpunkt. Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke hatte damals angesichts der Verzögerungen beim Bau der Stadien erklärt, Brasilien bräuchte einen "Tritt in den Hintern". Erst nach einer öffentlichen Entschuldigung war man in Brasilien bereit, überhaupt wieder mit einem Fifa-Funktionär zu reden.

Wer austeilt, muss einstecken

Doch ausgerechnet die hohen Anforderungen der Fifa an die Qualität der Stadien in Brasilien richten sich nun immer mehr gegen den Weltfußballverband selbst. "Beim Thema Korruption scheint die Fifa gegen die Qualitätsmaßstäbe, die sie von anderen einfordert, selbst zu verstoßen und sich unserer politischen Praxis anzunähern", spottet die Tageszeitung "Folha de São Paulo" in ihrem Leitartikel.

Seit den Enthüllungen über den Korruptionsverdacht bei der WM-Vergabe an Katar fordere kein Demonstrant mehr Schulen und Krankenhäuser auf "Fifa-Niveau", heißt es in dem Artikel weiter. Das der Fifa zugeschriebene Qualitätssiegel sei schlicht ein "Irrtum".

Auf dem Fifa-Kongress am 10. Juni in São Paulo war der schlechte Ruf des Verbands ein Grund für die 54 Uefa-Mitglieder, die Wiederwahl von Fifa-Präsident Blatter für das kommende Jahr in Frage zu stellen.

Kulturkampf in Salvador

Auch einen Tag vor WM-Beginn macht die Fifa sich bei vielen Brasilianern weiter unbeliebt. Grund ist ein neuer Streit im Nordosten des Landes mit den "Acarajé"-Verkäuferinnen aus dem WM-Austragungsort Salvador. Die weiß gekleideten Frauen, die normalerweise das brasilianische Gericht aus gemahlenen Bohnen, Zwiebeln und Krabben verkaufen, sollen ausgerechnet während der WM vom Platz des Fifa Fan-Festes in Salvador verwiesen werden. Die Besucher könnten sich an dem heißen Frittier-Öl verbrennen, lautete die Begründung für das Verbot der Fifa.

Der Platzverweis für die Verkäuferinnen ist nicht der erste Konflikt in dieser Kategorie. Auch der Verkauf von "Acarajé" im Stadion von Salvador war aus Rücksicht auf die Sponsoren der Fifa zunächst verboten. Erst nach heftigen Protesten und der Intervention der Landesregierung ließ die Fifa den Verkauf der brasilianischen Spezialität, die seit sieben Jahren als nationales Kulturgut gilt, schließlich doch noch zu.

"Wir sind in Feierlaune"

Team posiert mit Flagge (Foto: Astrid Prange)

Ricardo Ferreira (3.v.l.) und sein Team freuen sich auf die WM-Spiele

Trotz aller Probleme mit der Fifa sowie Streiks und Protesten wollen sich brasilianische und auswärtige Fußballfans den Spaß an der WM nicht verderben lassen. Die Anzahl der gelb-grünen Fahnen und Aufkleber auf Autos im Stadtbild von Rio hat in den letzten Tagen merklich zugenommen.

Und vor dem Maracanã-Stadion in Rio ist die Verbrüderung bereits im vollen Gange. Ein als Maradona verkleideter Fußballfan aus Argentinien - Brasiliens Erzrivale Nummer eins - schaffte es mit seinen Show-Einlagen, Spenden für seinen WM-Aufenthalt einzusammeln.

Auch Ricardo Ferreira vom Fanfest "Alzirão" gibt sich optimistisch. "Bei uns gibt es keine WM-Verdrossenheit. Wir sind in Feierlaune und feuern die brasilianische Mannschaft an", sagt Ferreira. Politische Forderungen sollten nicht während der WM, sondern bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen im Oktober gestellt werden, so Ferreira.

Rund 30.000 Fans erwartet Ferreira zu der brasilianischen Fußballparty am Donnerstag (12.06.2014). Die Straßen im "Alzirão" sind geschmückt, Bühne und Lautsprecherboxen aufgebaut. Einen kleinen Seitenhieb auf die Fifa kann sich der Fußballfanatiker dann aber doch nicht verkneifen. "Zum offiziellen Fifa Fan-Fest an der Copacabana werden wohl rund 20.000 Zuschauer kommen", meint er. Schon jetzt also steht es eins zu null für Brasilien.

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