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Wirtschaft

Brasilien holt auf

In den vergangenen zwei Jahren hat das größte Land Lateinamerikas seine Windkraftkapazität verdreifacht. Da brasilianischer Windsstrom eine der günstigsten Energiequellen ist, wird der Boom voraussichtlich anhalten.

Sonnenuntergang über einem Windpark in Tramandai/Brasilien (Foto: Copyright Imago Photo)

Windpark in Tramandai Brasilien

Mehr als 8000 Kilometer Küste und kaum ein Windrad. An Brasiliens mit Palmen gesäumten Stränden profitieren bisher hauptsächlich Wellenreiter von den frischen Winden des Atlantiks. Doch das könnte sich nun ändern. Stromerzeuger sind auf die günstigen Passatwinde aufmerksam geworden und wollen sie nutzen, um den Energiedurst der aufstrebenden Wirtschaftsmacht in Südamerika zu stillen. Das Potenzial ist riesig und hat bereits internationale und einheimische Investoren auf den Plan gerufen.

"Die Windkraft ist inzwischen die preiswerteste Energiequelle in Brasilien," erklärt Everaldo Feitosa, Vize-Präsident der World Wind Energy Energy Association (WWEA) und Geschäftsführer des brasilianischen Anlagenbauers Eólica. Auch weltweit erzeuge keine andere Energiequelle so niedrige Kosten wie Windkraft in Brasilien.

Noch steckt die Produktion von Windenergie im größten Land Lateinamerikas in den Kinderschuhen. Drei Viertel des wachsenden Strombedarfes werden dort mit Wasserkraft abgedeckt. Die installierte Windkraftleistung von gerade einmal 2,5 Gigawatt (GW) entspricht etwa der Kapazität eines britischen Off-Shore-Parks bei halber Last.

Wachstum ohne Subventionen

Dennoch blickt die Branche gebannt auf Brasilien: Laut jüngstem WWEA-Bericht hat sich die installierte Kapazität zwischen Ende 2010 und Ende 2012 nahezu verdreifacht. Sowohl einheimische als auch internationale Firmen wollen auf dem Wachstumsmarkt präsent sein. "Wir haben Windparkprojekte für insgesamt 1,5 Gigawatt ausgearbeitet, mit denen wir uns an öffentlichen Ausschreibungen beteiligen wollen", kündigt Anlagenbauer Feitosa an.

Winkraftanlage in Rio Grande do Sul (Foto: Imago Photo Arena)

Experiment im Süden: Windkraftanlage neben einer Autobahn im Bundesstaat Rio Grande do Sul

In Brasilien kommt der Ausbau der Windenergie praktisch ohne Subventionen aus. Bis auf günstige Kredite der staatlichen Förderbank BNDES gibt es keine Zuschüsse. Der Physiker Heitor Scalambrini, Professor an der Bundesuniversität von Pernambuco, wo auch Feitosa lehrt, führt dies auf die Standortvorteile zurück: "Vor allem im Nordosten weht der Wind sehr konstant: kaum Stürme, kaum Flauten." Die mittlere Windgeschwindigkeit eigne sich hervorragend, um Windräder anzutreiben.

Das Potenzial der brasilianischen Winde wurde erst kürzlich entdeckt. "Ältere Untersuchungen hatten den Wind in 50 Metern Höhe gemessen", erklärt Physiker Scalambrini. Vor zwei Jahren haben nun neuere Studien ein theoretisches Gesamtpotenzial in Höhe von 350 GW ausgemacht. "Das wäre ungefähr das Dreifache der gesamten elektrischen Energie, die das Land bisher zu erzeugen in der Lage ist", so Scalambrini.

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Windmühle in Canoa Quebrada (Foto: Werner Rudhart/dpa/ef)

Eine alte Mühle am Strand von Canoa Quebrada im Nordosten Brasiliens erinnert an den traditionellen Einsatz von Windenergie

Windkraft-Unternehmer Feitosa hätte gerne schon früher den Ausbau der Windkraft in seiner Heimat vorangetrieben. Aber bis vor zwei Jahren war Windenergie in öffentlichen Ausschreibungen zur Stromerzeugung nicht einmal zugelassen. Und tatsächlich finden sich in den beiden nationalen Energieplänen der brasilianischen Regierung von 2020 bis 2030 kaum Hinweise auf ein gesteigertes öffentliches Interesse an dieser Form erneuerbarer Energien. Noch 2007 setzte das Energieministerium in Brasilia eine Kapazität von 1,4 GW für 2015 an, 2030 sollte der Wind-Anteil am Energiemix demnach auf ein einziges Prozent steigen.

Nun wurden die staatlichen Planer von der Wirklichkeit überholt. Das für 2015 angepeilte Ziel wurde bereits 2011 erreicht. Die staatliche Entwicklungsbank BNDES unterstützt inzwischen ein Projekt für 3,8 GW mit Krediten. Öffentliche Ausschreibungen für weitere 4,2 GW sind fest geplant.

Lärmende Rotoren

Trotz aller Euphorie gibt es auch kritische Stimmen. Eine von ihnen ist Heitor Scalambrini, der sich mit seinen Fachkenntnissen gleich in mehreren Organisationen engagiert, etwa im "Brasilianischen Netzwerk für Umweltgerechtigkeit" (Rede Brasileira de Justiça Ambiental - RBJA) und der "Brasilianischen Stimme gegen Atomkraft" (Articulação Antinuclear Brasileira - AAB). Viele Parks seien außerhalb der gesetzlichen Vorschriften gebaut worden, lautet sein Vorwurf, obwohl er die Windkraft eigentlich als hervorragende Ergänzung zur Wasserkraft schätzt.

Strand von Jericoacoara (Foto:Cmon)

An der von Palmen gesäumten Nordostküste Brasiliens bläst der Wind konstant

Seine Mitstreiterin von der AAB, Cecília Mello, wird konkreter und berichtet von zerstörten Mangrovenwäldern und Dünen: "Das betrifft auch Fischergemeinden, deren einziges Trinkwasser das Süßwasser ist, das die Dünen aus dem Meerwasser filtern." In anderen Fällen rotierten die Flügel direkt über Wohnhäusern: "Die Menschen dort haben das Gefühl, dass sie unter einem Flugzeug leben, das niemals landet."

Auch Everaldo Feitosa räumt ein, dass es in der Vergangenheit "falsche Projekte" gegeben habe. Heute würden Windparks aber nur noch im Hinterland gebaut, wo sie keinen ästhetischen Schaden anrichten könnten. Die brasilianischen Gesetze seien eigentlich sehr streng.

Doch auch die, glaubt Feitosa, werden Brasilien nicht davon abhalten, in der Weltrangliste der WWWA aufzusteigen. Schon 2020 sieht er sein Land unter den fünf größten Produzenten von Windstrom weltweit, dicht hinter Vorreiter Deutschland, das mit 31 Gigawatt den dritten Platz belegt.

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