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Sport

Brasilien hat den WM-Blues

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien ist zum Politikum avanciert. Die Massenproteste gegen teure WM-Stadien haben nicht nur die Stimmung in der Bevölkerung gedämpft. Sie haben auch das Land verändert.

Es ist eine ungewöhnliche Szene: Als die brasilianischen Nationalspieler am internationalen Flughafen in Rio de Janeiro landen, warten keine begeisterten Fußballfans in grün-gelben-T-Shirts auf sie. Stattdessen halten wütende Lehrer den Kickern ihre Pamphlete entgegen: "Glaube mir, Bildung ist mehr wert als Neymar" und "Wir brauchen keine WM" lauten die Willkommensgrüße.

Nicht nur Neymar, den 22-jährigen Superstar der Mannschaft, verstört dieser Empfang. Normalerweise kann sich die brasilianische Nationalmannschaft vor Anhängern kaum retten. Und auf einmal sieht sie sich von protestierenden Obdachlosen umringt. Damit sich ihr Bus einen Korridor durch die Demonstranten bahnen kann, ist die "Seleção" sogar auf Polizeischutz angewiesen.

Brasilianische Streiklust

Keine ausgelassenen Fans, keine Trommler, keine Sambatänzerinnen - Brasilien hat den WM-Blues. Wenige Tage vor dem Anpfiff des Fifa-Turniers macht sich eine neue Protestwelle gegen teure Stadien und vernachlässigte Schulen und Krankenhäuser im Land breit. Nicht nur Lehrer befinden sich im Ausstand, auch Busfahrer und Polizisten wollen streiken.

Brasilien/Ureinwohner/ Demonstration in der Haupstadt Brasilia (Foto: Reuters)

Aufgebrachte Indigene fordern in Brasilia mehr Schutz für Reservate

"Eigentlich haben Fußball und Politik nichts miteinander zu tun, aber das ändert sich gerade", sagt der Meinungsforscher Valeriano Mendes Ferreira Costa von der Universität Unicamp in der Stadt Campinas nahe São Paulo: "Für Brasilien ist dies die erste wirklich politische WM."

Und das sieht dann so aus: In der Hauptstadt Brasília stiegen Indios der Regierung im wahrsten Sinne des Wortes aufs Dach. In Kriegsbemalung stürmten 300 Indigene am Dienstag (27.5.2014) mit Pfeil und Bogen die Rampe des brasilianischen Kongresses, um auf den mangelnden Schutz ihrer Reservate aufmerksam zu machen.

Brasilianer bleiben unter sich

Die WM ist nicht nur zum Politikum avanciert, sie entwickelt sich auch zu einem rein brasilianischen Ereignis. Nach Angaben des Tourismusministeriums in Brasília stammen 80 Prozent der Stadionbesucher aus dem eigenen Land. Von den bisher 2,7 Millionen verkauften Eintrittskarten befinden sich 500.000 in der Hand von ausländischen Touristen. Insgesamt wird mit rund 600.000 Besuchern aus dem Ausland gerechnet. Zum Vergleich: Zur WM nach Deutschland reisten rund 1,3 Millionen Zuschauer aus dem Ausland an.

Brasilianische Schüler in kargem Klassenzimmer (Foto: picture-alliance/dpa)

Grund für Ärger: Während die Schulen verfallen, baut Brasilien neue Stadien

Die Besucherstatistik in Rio de Janeiro, Brasiliens touristischem Aushängeschild, belegt den Trend zum nationalen Großereignis. Selbst am Zuckerhut stammt die Mehrheit der Besucher während der WM aus dem eigenen Land. Nach Angaben der städtischen Tourismusbehörde Riotur kommen von insgesamt 950.000 Gästen rund 400.000 aus dem Ausland.

"Weil zu dieser WM nicht so viele internationale Besucher kommen, ist auch der Druck, dass alles funktionieren muss, nicht so groß", sagt Meinungsforscher Valeriano Costa. Brasilianer seien schließlich an das alltägliche Chaos gewöhnt und würden sich nicht darüber wundern, wenn nicht alles reibungslos läuft.

Nicht nur die großen Erwartungen an die WM als Katalysator für Wirtschaftswachstum und den Ausbau der nationalen Verkehrsinfrastruktur sind inzwischen auf ein Minimum zusammengeschrumpft. Auch die Begeisterung für das Fußballturnier selbst ist verflogen. Von der Euphorie, die das Land bei der WM-Vergabe im Jahr 2007 ergriffen hatte, ist nichts mehr zu spüren.

Die Euphorie ist verflogen

Knapp 80 Prozent der brasilianischen Bevölkerung unterstützten damals laut einer Meinungsumfrage der brasilianischen Tageszeitung "Folha de São Paulo" die WM im eigenen Land. Beim Confed-Cup im Juli 2013 lag die Zustimmung noch bei 65 Prozent. Mittlerweile ist dieser Anteil auf 48 Prozent zurückgegangen.

Dilma Rousseff und Sepp Blatter (Foto: Roberto Stuckert Filho/PR)

Wird Brasiliens Präsidentin die Allianz mit FIFA-Chef Sepp Blatter bereuen?

In einem Beitrag für die spanische Zeitung "El Pais" machte Brasiliens Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva Mitte Mai die Opposition für die schlechte Stimmung im Land mit verantwortlich. "Die WM wird für den Wahlkampf missbraucht", schreibt der 69-Jährige. "Gewisse Leute scheinen auf das Scheitern der WM zu setzen, als ob sich dadurch ihre Chancen bei den Wahlen verbessern würden."

Für die Kolumnistin Dora Kramer von der Tageszeitung "O Globo" ist klar, dass der Sieg diesmal vor allem jenseits des Spielfeldes errungen werden muss."Wenn alles gut läuft, wird dies der Regierung angerechnet", prophezeit sie. "Wenn nicht, bekommt Staatspräsidentin Dilma Rousseff bei den Wahlen im Oktober dieses Jahres die Quittung."

Meinungsforscher Valeriano Costa betrachtet die Proteste gegen die WM über den Wahlkampf hinaus als Wegbereiter für eine neue Epoche. "Die WM verliert als kommerzielles Großereignis zunehmend an Rückhalt", prognostiziert er. "Ich glaube, die Fifa wird künftig Länder meiden, in denen mit Protesten zu rechnen ist. Dieses Risiko wird sie nicht mehr eingehen wollen."

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