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Amerika

Kommentar: Brasiliens politisierte WM

Die Massenproteste gegen die Fußball-WM haben das Land verändert. Doch das sportliche Großereignis in Brasilien eignet sich nicht als Wahlkampfhelfer, meint Astrid Prange.

An dieser Weltmeisterschaft scheiden sich die Geister. Wird das FIFA-Turnier als politisches und sportliches Fiasko in die Geschichte Brasiliens eingehen, oder wird es sich wider Erwarten als friedliches Fußballfest erweisen? Spätestens seit den jüngsten Protesten am Donnerstag (15.05.2014) mehren sich die Anzeichen, dass sich die politische Geiselhaft des sportlichen Mega-Events ihrem Ende zuneigt.

Ein Indiz dafür ist die auffällig geringe Beteiligung an den landesweit anberaumten Demonstrantionen. Es sind nicht mehr die Schüler und Studenten, die spontan für politische Reformen im Land demonstrieren. Stattdessen schwenken streikende Lehrer, Polizisten und Busfahrer die Fahnen und nutzen die WM als Druckmittel für ihre Gehaltsforderungen. Auch Obdachlosenvereinigungen dient das Turnier als

Plattform für Proteste

. Ganz zu schweigen von den gewaltbereiten Mitgliedern des Schwarzen Blocks.

Die WM taugt allerdings nicht als Wahlkampfhelfer - weder für politische Bewegungen noch für Parteien. Seit 1994 fallen in Brasilien Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Vierjahresrhythmus mit den Fußballweltmeisterschaften zusammen. Das Abschneiden der brasilianischen Nationalmannschaft hat die Wahlergebnisse bisher nicht beeinflusst.

Wirtschaft statt WM

Als Brasilien bei der WM 1994 in den USA Weltmeister wurde, bestimmte die Hyperinflation den Wahlkampf. Als die "Seleção" 1998 bei der WM im Endspiel gegen Frankreich ausschied, wurde der damalige Präsident Fernando Henrique Cardoso aufgrund seiner erfolgreichen Anti-Inflationspolitik im Amt bestätigt.

Auch der historische Wahlsieg von Luiz Inácio Lula da Silva 2002 weist keinen Bezug zur siegreichen WM in Japan und Korea auf. Gewerkschaftsführer Lula punktete nicht mit dem Pokal, sondern mit einer sozialen Agenda. 2006 kandidierte er erneut erfolgreich für das Präsidentenamt, obwohl Brasilien bereits im Viertelfinale gegen Frankreich verlor.

Bei den nun bevorstehenden Präsidentschaftswahlen in diesem Oktober dürfte die WM ebenfalls nicht zum Entscheidungsfaktor avancieren. Selbst wenn Staatspräsidentin Dilma Rousseff vermutlich für die hohen Ausgaben rund um die WM abgestraft wird, bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass ihre politischen Gegner davon profitieren.

Dennoch ist diese WM alles andere als unpolitisch. Die Proteste, die vor einem Jahr beim Confed Cup entbrannten, haben das Land einer politischen Reifeprüfung unterzogen. Die Zeiten, in denen sportliche Mega-Events als politische und wirtschaftliche Wohltat verkauft werden können, sind auch in Brasilien vorbei, und das ist gut so.

Widerstand gegen die Fifa

Brasilien ist zudem das erste Land, das der FIFA die Stirn bietet. Die Bevölkerung ist nicht mehr bereit, den Herren des Weltfußballverbandes eine heitere Kulisse für ihr Milliardenspektakel zu bieten. Der fünffache Weltmeister hat dies auch nicht nötig. Der Weltjugendtag im Juli 2013, zu dem mehr als drei Millionen Menschen aus der ganzen Welt an die Copacabana strömten, belegen die Fähigkeit des Landes, Großveranstaltungen zu organisieren. Brasilien hat sich verändert - hoffentlich lernt die FIFA daraus.

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