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Europa

Brüssel goes Social Media

Sie sind für Europa, aber europäische Wahlen interessieren sie kaum: Europas Jugend ist Brüssels neue Zielgruppe. Mit Hilfe von Social Media, Bloggern und digitalen Meinungsmachern will die EU jetzt ihr Image verbessern.

Fast im Sekundentakt flackern Foto-Collagen über den Bildschirm des Smartphones. "Der neue Präsident!", steht quer über dem Bild von Antonio Tajani, Chef des Europäischen Parlaments (EP). Nach wenigen Sekunden ist das Bild wieder weg. Ihm folgt eine Aufnahme des Europaparlamentes in Straßburg, daneben eine Comicfigur mit Brille. Sekunden später folgt ein kurzer Videoclip mit winkenden Teenagern.

"Das ist fantastisch! Das ist sicher der beste Weg mit jungen Leuten zu kommunizieren", strahlt William Shears, wenn er über den 'Snapchat'-Kanal des Europaparlaments spricht. Auch die EU-Institutionen nutzen den Instant-Messaging-Dienst für Smartphones und Tablets, um mit Fotos und Videoclips kurze Geschichten über Europapolitik zu erzählen. Damit sollen insbesondere Jugendliche und Erstwähler angesprochen werden.  

"Influencer" als Werbemotor

Blogger William Shears auf dem Weg nach Brüssel (Joseph O'neil )

"Effektiver als Hochglanzkampagnen", Blogger Shears über seine Zusammenarbeit mit dem Europaparlament

William Shears ist Blogger. Neben seinem Studium betreibt der 20-jährige einen YouTube-Kanal. Seine Videos werden über 100.000 Mal geklickt. Leute wie der junge Brite werden im Werbejargon "Influencer" genannt. Neuerdings lädt das Europaparlament ihn und seine jungen Blogger-Kollegen nach Brüssel ein.

"Wir suchen den Kontakt zu unseren Zielgruppen. Das hilft uns herauszufinden, was sie interessiert, und wie wir sie ansprechen können", sagt Thibault Lesencal, Chef der Abteilung für Online-Kommunikation im Europaparlament. Das sei der beste Weg um aus der berüchtigten Brüsseler "Blase" auszubrechen. 

In Shears Video spielt Europapolitik allerdings gar keine große Rolle. Mit seinen Freunden geht er stattdessen zwei Tage lang auf die Suche nach Belgiens Nationalgericht Miesmuscheln mit Pommes. Am Ende geben die Jugendlichen sich mit dem 'europäischen Kompromiss' und italienischer Pasta zufrieden. 

Nicht alle "Influencer" aus dem Social Media Universum sind Spaßvögel: Madeleine Alizadeh sprach für ihren Eintrag mit zwei Europaabgeordneten über Umweltschutz. Die 26-jährige Wienerin ist eine der erfolgreichsten Bloggerinnen Österreichs. In ihren Blog "Dariadaria" schreibt sie über nachhaltige Mode, soziale Ungerechtigkeit und Umweltschutz. Auch sie kam auf Einladung des Europaparlaments nach Brüssel. 

Videos statt Hochglanzbroschüren 
 

"Wir geben Bloggern den gleichen Zugang zum Europaparlament wie Journalisten", erklärt Lesencal. "Wir wollen zeigen, dass wir transparent arbeiten und in Zeiten der 'alternativen Fakten' eine vertrauensvolle Quelle für Informationen sind." "Influencer" würden helfen, diese Botschaft möglichst vielen Menschen nahe zu bringen.

"Mein Video über das Europaparlament wurde 140.000 Mal angesehen", sagt William Shears stolz. "Das zeigt doch, dass die Zusammenarbeit mit Bloggern ein großartiger Weg ist, um die Arbeit des Europaparlaments zu bewerben. Um junge Leute für die EU zu begeistern, ist das viel effektiver als Hochglanzkampagnen", findet er.

Potenzial Jugend

Nach wie vor sind junge Leute in Europa überwiegend pro-europäisch: In einer Eurobarometer-Umfrage hielten sieben von zehn jungen Europäern die EU für politisch wichtig. Trotzdem ging nur ein gutes Drittel aller unter 24-Jährigen bei der Europawahl 2014 tatsächlich zur Abstimmung. Auch beim Brexit-Referendum im Juni 2016 fiel die Wahlbeteiligung junger Briten weit hinter die der Älteren zurück. 

Um 'Likes' und Klicks in handfeste politische Überzeugung zu verwandeln und so dem EU-Verdruss bei den Jungen erst gar keine Chance zu geben, setzen die Institutionen jetzt auf die Kombination von Online-Kampagnen und realen Programmen. Thibaut Lesencal hofft, so Aufmerksamkeit zu schaffen. "Etwa wenn junge Leute Nachrichten über das Europaparlament hören und sich denken: 'Oh ja, das kenne ich ja schon von Snapchat.'" 

Pablo Perez Armenteros von der Europäischen Kommission (DW/D. Pundy)

Die EU-Kommission wirbt auf Social Media für ihre realen Programme, so Pablo Perez Armenteros.

Pablo Perez Armenteros arbeitet im kleinen Social Media-Team der EU-Kommission. Auch er glaubt, dass junge Menschen in die Politik einbezogen werden müssen. "Wir versuchen, im Netz präsent zu sein und auf ihre Fragen und Sorgen einzugehen. Ziel ist, zu zeigen, was wir in der realen Welt für sie tun, zum Beispiel auf Facebook,"  

Das neueste Flaggschiff der EU-Kommission ist das "Europäische Solidaritätskorps". Junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren können sich hier zum Freiwilligendienst in einem anderen Mitgliedsland melden, beispielsweise für den Wiederaufbau nach Umweltkatastrophen oder zur Betreuung Asylsuchender. Diese Einsätze sollen die Solidarität und das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der EU stärken. Die ersten Freiwilligen fangen schon im Frühjahr mit ihren Dienst an. "Seitdem wir auf Facebook dafür werben, ist das Interesse enorm", sagt Perez Armenteros.

"Wir wissen, wir müssen liefern"

EUCouncil Instagram-Profil des Rates der Europäischen Union (Instagram/DW/D. Pundy)

Die drei größten EU-Institutionen Kommission, Parlament und Rat sind auf sozialen Netzwerken aktiv.

"Es ist wichtig, EU-Politik in sozialen Netzwerken präsenter zu machen", findet Bloggerin Madeleine Alizadeh. Politik sei aber weiterhin ein Nischen-Thema und Präsenz in den sozialen Netzwerken alleine reiche nicht aus. "Um wirklich das Interesse für Europapolitik zu wecken, haben wir noch einen weiten Weg vor uns", meint die Kommunikationsexpertin.

Das räumt auch Perez Armenteros von der EU Kommission ein: "Wir wissen, dass soziale Medien alleine nicht viel ausrichten können. Sie helfen uns zwar, unsere Arbeit verständlicher und transparenter zu machen, aber am Ende geht es doch darum, jungen Leuten in der realen Welt durch Arbeitsplätze eine Perspektive zu geben."

YouTube-Blogger William Shears will sich seinen Enthusiasmus aber nicht nehmen lassen. "Ich war schon immer ein Fan der EU. Aber erst in Brüssel wurde mir bewusst, was für einen riesigen Beitrag die EU leistet, um in Europa Länder und Leute zusammen zu bringen." Als Brite bedauert den Brexit ganz besonders: "Es ist einfach so schade, dass wir eine Institution verlassen, die so viel Gutes für so viele Menschen leistet."

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