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Amerika

Bosnische Kriegsverbrecher in den USA vor Gericht

In den USA werden jetzt potentielle Kriegsverbrecher aus Bosnien vor Gericht gestellt. Mitte der 90er Jahre kamen sie im Strom der Flüchtlinge dorthin. Die bosnische Community wühlt das auf. Aus Phoenix Gero Schließ.

Gedenkstätte und Friedhof in Potocari bei Srebrenica (Foto: picture-alliance/John Heeneman)

Gedenkstätte und Friedhof in Potocari bei Srebrenica: Bislang wurden hier ca. 2500 identifizierte Tote der rund 8000 Opfer des Massakers von Srebrenica zur letzten Ruhe gebettet.

"It's correction time", sagt Esad Boskailo cool und blickt seinem Gegenüber fest ins Gesicht. Die Bosnier in den USA hätten 21 Jahre lang vergeblich auf Gerechtigkeit gewartet. Nun sei die "Zeit für Korrekturen" gekommen, sagt der Leiter der psychiatrischen Abteilung an der Maricopa Klinik in Phoenix (Arizona) mit Blick auf sich häufende Medienberichte über Verurteilungen und Abschiebungen von Kriegsverbrechern aus dem ehemaligen Jugoslawien.

Retraumatisierung

Porträt von Esad Boskailo (Foto: DW/G. Schließ)

Esad Boskailo ist Leiter der psychiatrischen Abteilung an der Maricopa Klinik in Phoenix

Boskailo ist selber Bosniake (so nennen sich die bosnischen Muslime, d. Red.). Bei manchen seiner Patienten hätten diese Berichte zu einer "Retraumatisierung" geführt, sagt er. Die Bilder der Vergangenheit kommen wieder hoch und lassen die Patienten nicht los.

Viele von ihnen hatten es zeitweise verdrängt: Unter den 150.000 bosnischen Kriegsflüchtlingen, die Mitte der 90er Jahre in den USA eine neue Bleibe fanden, lebt eine unbekannte Anzahl von Kriegsverbrechern, die für Gräueltaten im Bosnienkrieg verantwortlich sind. Der Ort Srebrenica steht wie kein anderer für diese Grausamkeiten. Vor den Augen der Weltöffentlichkeit wurden im Juli des Jahres 1995 insgesamt 8000 Menschen von bosnischen Serben hingerichtet. Aber auch bosnische Kroaten und bosnische Muslime haben damals Kriegsverbrechen begangen.

Ermittlungen und Abschiebungen

Bis zu 300 Verfahren gegen potentielle Kriegsverbrecher aus Bosnien hat die US-Einwanderungsbehörde laut Berichten von New York Times und Washington Post eröffnet. Michael McQueen, der für die US-Einwanderungsbehörde die entsprechenden Nachforschungen leitet, bestätigt im Gespräch mit der Deutschen Welle diese Zahlen. Bis zu 70 Verdächtige seien inzwischen nach Bosnien abgeschoben worden oder geflohen. Einer von ihnen ist Marko Boskic, der nach Angaben von McQueen in einer Einheit kämpfte, die aktiv an den Massenhinrichtungen in Srebrenica beteiligt war. Boskic sei nach Bosnien ausgeliefert worden, habe dort aber wegen Kooperation mit den Strafverfolgungsbehörden nur zehn Jahre Haft bekommen. Immerhin seien aufgrund seiner Aussage vier weitere Täter verhaftet und verurteilt worden.

In Phoenix, wo die größte bosnische Gemeinde in den USA lebt, lösen solche Fälle Unruhe, aber auch Zuversicht, aus. "Die bosnische Community fühlt, dass jetzt Gerechtigkeit kommt", fasst Esad Boskailo im Gespräch mit der Deutschen Welle die Stimmung zusammen.

Torturen in sechs Gefangenenlagern

Boskailo stammt aus Pocitelj, ungefähr 220 km von Sebrenica entfernt. Auch er ist ein Opfer des Kriegs. Der heute 56-jährige Vater von zwei Kindern verbrachte ein Jahr lang in sechs verschiedenen Gefangenenlagern. Boskailo wurde gefoltert und drangsaliert. Bei seiner Entlassung war er so geschwächt, dass er nicht mehr laufen konnte. Seine Familie sah er mit Hilfe der UN und der US-Regierung schließlich in den USA wieder. Seine Erfahrungen hat er in dem Buch "Wounded, I am more awake" aufgeschrieben.

Dass es jetzt Ermittlungen und Gerichtsverfahren gegen die potentiellen Täter gibt, lässt ihn äußerlich kalt. Es sei "ok" meint er nur, ohne eine Miene zu verziehen. Immerhin räumt er ein, dass andere, wie etwa seine 45-jährige Patientin aus Srebrenica, "stärker bewegt" seien. Die Patientin hatte bei dem Massaker ihren Ehemann, zwei Söhne, zwei Brüder und insgesamt 20 Familienmitglieder verloren.

"Es spielt keine Rolle, was man ist "

Seda Turulja arbeitet in der Küche ihres Restaurants (Foto: DW/G. Schließ)

Seda Turulja bereitet bosnische Gerichte zu

Wie viele Bosnier aus Phoenix kommt auch Esad Boskailo gerne zum Dinner ins Restaurant "Old Town Sarajevo", wo Wirtin Seda Turulja bosnische Spezialitäten kocht. Auch sie hat ihre Meinung zu den Festnahmen und Verfahren: "Es spielt keine Rolle, was man ist: Muslim, Kroate oder Serbe", jeder müsse für Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden, "selbst wenn es mein eigener Bruder wäre, und er diese Gräueltaten begangen hätte", sagt die resolute Geschäftsfrau. Wie alle ehemaligen Flüchtlinge aus Bosnien hat sie großes Grundvertrauen in die Gerichtsbarkeit der USA. Hier und nicht in Bosnien müsse ihnen der Prozess gemacht werden.

Bierflaschen mit Bier aus dem ehemaligen Jugoslawien (Foto: Seda Turulja)

Bierflaschen aus verschiedenen Teilen Ex-Jugoslawiens

Unausgesprochen hat sie die Gruppe der bosnischen Serben im Blick, während sie die bosnischen Muslime aus jeglichem Verdacht herausnimmt. Doch das hindert sie nicht daran, alle bosnischen Volksgruppen in ihrem Restaurant willkommen zu heißen und Bier aus vielen Teilen des ehemaligen Jugoslawien auszuschenken. Stolz zeigt sie die Flaschen aus Kroatien, Serbien, der Republik Serbska und aus Montenegro.

Fragwürdige Strafverfolgung

Auch ein anderer Kunde des Restaurants "Old Town Sarajevo" sagt, er habe keine Kriegsverbrechen begangen. Gegen den 43-jährige Vitomir Spiric wird dennoch seit 2005 ermittelt und vor Gericht verhandelt, zunächst wegen Kriegsverbrechen, später nur noch wegen des Vorwurfs der Falschaussage bei der Einwanderung in die USA. Spiric bestreitet beides. "Ich habe keine Verbrechen begangen", erklärt er sich. Nur weil er bosnischer Serbe sei, werde gegen ihn ermittelt. Im Krieg sei er mehrfach aus den serbischen Verbänden desertiert und habe überhaupt nicht gekämpft

Beweisführung schwierig

Vitomir Spiric sitzt auf der Couch in seinem Wohnzimmer (Foto: Seda Turulja)

Vitomir Spiric sagt, er sei kein Kriegsverbrecher

Mehr als 20 Jahre nach dem Ende des Krieges in Bosnien ist es schwierig bis unmöglich, Beweise für Verbrechen zu finden, räumt Michael McQueen im Gespräch mit der DW ein. Und so kommt es in vielen Fällen vor, dass die US-Immigrations-Behörde nur noch wegen Falschaussagen bei der Einwanderung ermittelt. Das betrifft dann vor allem die bosnischen Serben, von denen viele bei der Einreise keine Angaben über ihren Militärdienst gemacht haben. Spirics damaliger Anwalt Thomas Hoidal spricht von "dünnen Beweisen" und findet es fragwürdig, dass sich die Strafverfolgung nach der erfolglosen Anklage wegen Kriegsverbrechen nun auf die "Falschaussage" beim Einwanderungsverfahren fokussiert.

Kein Einzelfall

Spiric ist kein Einzelfall. Hoidals Anwaltskollege Chris Brelje selber hat 25 solcher Fälle vertreten und wirft Michael McQueen und den Strafverfolgungsbehörden vor, mit "zu großem Pinselstrich" gegen Unschuldige vorzugehen. "Es sind furchtbare Dinge passiert", sagt Brelje der Deutschen Welle. "Das heißt aber nicht, dass wir Leute verfolgen sollten, für deren Beteiligung an Gräueltaten es keine Beweise gibt."

Vitomir Spiric hat erst im März 2019 seine Anhörung beim zuständigen Immigrationsgericht. Bis dahin muss der quirlige Mann mit der Angst leben, doch noch ausgewiesen zu werden. "Das ist kein Leben", seufzt er. Doch er hat sich hier eingelebt, wohnt schuldenfrei im eigenen Haus und hat Kroaten und bosnische Muslime als Freunde. "Alle sind bei mir willkommen", sagt er und springt vom Sofa auf. Gerade hat es geschellt. Ein Freund ist vorbeigekommen.

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