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Welt

Boko Haram: Al-Kaida-Terror made in Nigeria?

Die islamistische Sekte "Boko Haram" hat mit mehreren Anschlägen in Nigeria seit Weihnachten wieder international für Aufsehen gesorgt. Sie arbeitet vermutlich mit Gruppen zusammen, die Al Kaida nahestehen.

Zerstörte Autos in der Stadt Madala (Foto: AP)

Madala wurde am Ersten Weihnachtstag Opfer von Anschlägen

Die extremistische Gruppe, die heute unter dem Namen "Boko Haram" bekannt ist, wurde vermutlich schon 2002 im Nordosten Nigerias gegründet. "Boko Haram" bedeutet in der Haussa-Sprache "moderne Bildung ist Sünde". Ihr Anführer Mohammed Yussuf predigte zunächst friedlich gegen jeden vermeintlich westlichen Einfluss auf die Gesellschaft im muslimisch dominierten Norden Nigerias. Er versammelte vor allem enttäuschte junge Männer um sich, die trotz Schul- oder Studienabschluss keine Arbeit finden konnten, erklärt der Jurist und Kommentator Solomon Dalung: "Wer Mitglied von 'Boko Haram' werden wollte, musste seine Schulzeugnisse abgeben und vernichten lassen." Die "Boko Haram" sei deshalb keineswegs eine Gruppe von Herumtreibern oder von Ungebildeten.

Historische Vorbilder

Ein Tor aus Eisen in verschiedenen Farben und dahinter liegt ein verbranntes Gebäude. (Bild: Ute Schaeffer, 15.06.2011, Maiduguri / Nigeria)

Ausgebrannte Polizeiwache in Maiduguri / Nigeria

Mit ihrer Ideologie, die alles Moderne als westlich und unislamisch ablehnt, steht die Gruppe in einer Tradition ähnlicher Bewegungen in Nordnigeria, die auch schon früher in gewaltsamen Aufständen gemündet waren. Die bekannteste war die so genannte Maitatsine-Bewegung, die sich Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre in den Großstädten Kano und Maiduguri mehrfach heftige Kämpfe mit Polizei und Militär geliefert hatte.

Hinzu kommt, dass in Nordnigeria ein militärischer "Dschihad" - also ein "heiliger Krieg" - mit positiven Erinnerungen verbunden ist. Mit einem Dschihad begründete Usman dan Fodio Anfang des 19. Jahrhunderts das Sultanat von Sokoto, das bis zur Eroberung durch die Briten den gesamten Norden des heutigen Nigeria und angrenzende Gebiete beherrschte. Für die meisten Beobachter ist deshalb "Boko Haram" zunächst eine lokale Reaktion auf die enormen sozialen Ungerechtigkeiten und die Korruption der politischen Klasse.

Erster Höhepunkt der Gewalt 2009

(Foto:Felix Onigbinde/AP/dapd) Ein Hochhaus, Rauch

Anschlag in der Hauptstadt Abuja am 16.06.2011

Schon wenige Jahre nach ihrer Gründung geriet die "Yussufiya", wie die Gruppe nach ihrem Anführer Mogammed Yussuf auch genannt wird, mit der Polizei in Konflikt. Im ländlichen Bundesstaat Yobe, im Nordosten Nigerias, hatten sich die Fundamentalisten in einigen Dörfern festgesetzt und von dort Polizeiwachen angegriffen. Den ersten großen Kampf mit den Sicherheitskräften lieferten sich Mohammed Yussuf und seine Anhänger 2009 in ihrer Hochburg Maiduguri, der Hauptstadt des Bundesstaats Borno nahe der Grenze zu Kamerun und Tschad. Nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen verloren dabei 800 Menschen ihr Leben. Yussuf selbst wurde erschossen, nachdem das Militär ihn der Polizei übergeben hatte. Das Massaker und die Exekution ihres Anführers ist die Hauptursache für den gesteigerten Hass der Gruppe auf die Sicherheitskräfte und die politische Führung.

Maiduguri: Stadt in Angst

Seit einem Jahr haben sich Sprecher von "Boko Haram" wiederholt zu politischen Morden sowie Anschlägen auf Polizeistationen und Kirchen bekannt. In der Millionenstadt Maiduguri herrscht seitdem die pure Angst, berichtet zum Beispiel eine Frau, die sich für Mädchenbildung einsetzt: "Wenn es irgendwo einen Bombenanschlag gibt, denkt man: Ist das in meinem Viertel? Was ist mit meinen Kindern in der Schule?"

Ein afrikanischer Mann in Weiß mit roter Kopfbedeckung. (Bild: Usman Shehu, 15.06.2011, Maiduguri / Nigeria)

Oliver Doeme Dashe, Bischof von Maiduguri

Ab 15 Uhr versucht jeder nach Hause zu kommen, denn gegen Abend verstärken Polizei und Militär ihre Kontrollen. Oft drangsalieren sie dabei Unschuldige, berichten viele in Maiduguri. Ihre Namen wollen die meisten Interviewpartner nicht in den Medien sehen, denn die Terroristen haben schon öfter Menschen umgebracht, die sich über sie vermeintlich negativ geäußert haben.

In Angst lebt auch die kleine christliche Minderheit. Die katholische Kathedrale wurde im Juni gleich zwei Mal bombardiert. Bischof Oliver Doeme Dashe lobt, dass der Gouverneur von Borno danach die Kirche besucht habe. Das sei ein wichtiges Signal gewesen, betont Doeme Dashe. "Aber es bleibt noch viel zu tun. Denn wir haben ja schon sehr viele Sicherheitskräfte hier und diese Leute schlagen immer noch zu." Offensichtlich bekämen Polizei und Militär die Lage nicht in den Griff. "Das macht uns große Sorgen", erklärt der Bischof die Stimmung in seiner Gemeinde.

Dialog noch nicht in Sicht

Ob Christen oder Muslime, Vertreter der Zivilgesellschaft oder Politiker – wer sich zu dem Thema äußert, setzt auf eine politische, möglichst friedliche Lösung. Neben Präsident Goodluck Jonathan hat auch der im April 2011 neu gewählte Gouverneur von Borno, Kashim Shettima, den Islamisten einen Dialog angeboten. "'Boko Haram' ist ein politisches Problem. Und ein politisches Problem braucht eine politische Lösung", betont Shettima im Gespräch mit der Deutschen Welle. Eine ausschließlich militärische Strategie drohe in einen endlosen Kampf zu münden. Doch für Shettima ist klar: "Wir können mit ihnen aber nur aus einer Position der Stärke verhandeln, nicht aus einer Position der Schwäche."

Ein afrikanischer Mann mit einer schwarzen Kopfbedeckung. Bild: Usman Shehu)

Kashim Shettima, Gouverneur des Bundesstaats Borno

Diese Position der Stärke soll offenbar eine neue gemeinsame Einsatztruppe aus Militär und Polizei bringen, die noch vor einem schweren Anschlag in Abuja am 16. Juni vergangenen Jahres mehrere hundert zusätzliche Soldaten nach Maiduguri brachte. Zeitgleich erklärte der oberste Polizei-Chef des Landes, Hafiz Ringim, die Tage von "Boko Haram" seien nunmehr gezählt. Dialogbereite Mitglieder der Sekte lehnten daraufhin jedes Gespräch ab. Zwei Tage später explodierte die Bombe in Abuja. Gespräche könne es nur geben, wenn in Nordnigeria das islamische Sharia-Recht zu hundert Prozent umgesetzt würde und Gouverneur Shettima zurücktrete, verkündeten die Terroristen.

Ihre Sprecher reden inzwischen offen davon, dass Kämpfer von den Al-Kaida-nahen As-Shabab-Milizen in Somalia ausgebildet würden. Einer erklärte der Deutschen Welle am Telefon: "Ich bin selbst vor Kurzem von dort zurückgekommen und habe eine solche Ausbildung mitgemacht." Viele Beobachter der Islamisten-Szene in Nigeria halten dies für glaubwürdig. Außerdem haben sich in den letzten Jahren offenbar viele andere Unzufriedene in Nordnigeria der Sekte "Boko Haram" angeschlossen, so dass ihr Einfluss weit über den ursprünglichen Kern hinausgeht.

Autor: Thomas Mösch
Redaktion: Lina Hoffmann

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