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Afrika

Bleiben oder gehen? - Filmfestival in Tunis

Zum 5. Mal zeigt das tunesische Filmfestival "Doc à Tunis" Dokumentarfilme, vor allem aus dem arabischen und afrikanischen Raum. 60 meist unabhängige Produktionen sorgten in Tunis für volle Kinosäle.

Ein Senegalese blickt von seinem Boot aus aufs Festland (Foto: dpa)

Flucht in ein vermeintlich "besseres" Leben: Ein Thema auf dem "Doc à Tunis"

La Marsa, ein schicker Vorort von Tunis: die Autos auf den Straßen sind neu, und von den weißen Villen aus hat man einen wunderbaren Blick über die Bucht aufs Mittelmeer. Nachts sitzen die Reichen und Schönen in den Bars und Restaurants, und unten am Strand treffen sich die "Bruleurs", die, die auswandern wollen, mit ihrem Schlepper. 1.500 Dinar, rund 800 Euro kostet die Überfahrt. Doch nicht immer gelingt sie. Leila Chaibi verfolgt in ihrem Film "La Brulure" die Geschichte eines Bootes. Mit 26 Menschen an Bord ist es eines Nachts in See gestochen und noch nahe der Küste gekentert. Doch nur einer der Passagiere wurde am nächsten Morgen gerettet, alle anderen haben die Nacht nicht überlebt.

Dicht drängen sich Besucher vor dem Stadttheater von Tunis (Foto: DW)

Eröffnung des Festivals Doc à Tunis

Die französisch-algerische Regisseurin macht sich auf die Suche nach den Familien der Opfer. In den Armenvierteln der Hauptstadt trifft sie auf Menschen, die beim tunesischen Wirtschaftswunder auf der Strecke geblieben sind. Mit Respekt nähert sich die Regisseurin den Hinterbliebenen und zeigt, wie sie versuchen, damit umzugehen, dass ihre Söhne, ihre Männer, ihre Väter tot sind.

Der einzige Rückkehrer

Während die Tunesier versuchen, nach Italien oder Malta zu gelangen, sind in Senegal die Kanaren das Ziel – und dann irgendwann das spanische Festland. "Barcelone ou la mort" von Idrissa Guiro erzählt eine ähnliche Geschichte: der Traum von Europa, vom besseren Leben, der vom Tod zunichte gemacht wird. Im Englischunterricht diskutiert ein Lehrer mit seinen Schülern: jeder hat hier jemanden in der Familie, der die Überfahrt versucht hat. Doch nur wenige sind auch in Europa angekommen.

Der Lehrer war mit einem Austauschprogramm einmal in den Vereinigten Staaten. Und seine Nachbarn schauen ihn immer noch unverständig an, weil er zurückgekommen ist, erzählt er. Doch sein Traum ist es, das Leben im Senegal zu verbessern. Sein erster Schritt: seinen Schülern gutes Englisch beibringen – und ihnen ein realistisches Bild vom Leben im vermeintlichen Paradies vermitteln. Damit sie vielleicht im Senegal bleiben und sich dort eine Zukunft aufbauen.

Trauma und Therapie

Plakat des Dokumentarfestivals auf dem ein herannahender Hurrikan ein Holzhaus bedroht

Plakat des Dokumentarfilmfestivals Doc à Tunis

Einen Platz und eine Zukunft im eigenen Land finden – das versucht auch Raed Adoni, wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen. Raed Adoni hat Kopfschmerzen. Immer wieder halten ihn seine Migräneattacken vom Arbeiten ab, so lange, bis der Regisseur beschließt, einen Film darüber zu machen: "Fix me". Nach einer kurzen medizinischen Untersuchung am Anfang steht fest: körperlich ist der Regisseur gesund. Also begibt er sich in Ramallah, im Krankenhaus des Roten Halbmondes, in Therapie. Und filmt seine Therapiesitzungen und die Besuche bei seiner Familie.

"Worüber machst du denn jetzt wirklich deinen Film? Wen interessieren denn deine Kopfschmerzen?", fragt Andonis Mutter immer wieder. Das Verhältnis zu seiner Familie kristallisiert sich schnell als die eine Ursache der Schmerzen heraus. Die politische Situation, die immer wieder aufblitzt, die zweite. Offen und mit leichtem Augenzwinkern berichtet der Regisseur von seiner Therapie, die gleichzeitig der Versuch ist, den Zustand der palästinensischen Zivilgesellschaft zu untersuchen. Adoni hat übrigens keine Kopfschmerzen mehr, berichtet er lächelnd nach der Vorführung seines Films. "Palästina schon", flüstert ein Zuschauer.

Autorin: Sarah Mersch

Redaktion: Stephanie Gebert

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