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Amerika

Fluchtpunkt Lateinamerika

Verschärfte Einwanderungsgesetze und die neue EU-Grenzschutzagentur FRONTEX: die 'Festung Europa' riegelt sich weiter ab. Nun nehmen Migranten aus Afrika vermehrt Kurs auf Lateinamerika. Vor allem Brasilien reizt.

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'Festung Europa': Grenzzaun zwischen der spanischen Enklave Melilla und Marokko

Wohin, das ist in den meisten Fällen erstmal zweitrangig. Das Wichtigste ist, das Land zu verlassen – und das so schnell wie möglich. So beschreibt das brasilianische Büro des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) die Flucht von politischen Emigranten. Die Gründe, warum diese Menschen ihr Heimatland verlassen, sind normalerweise Krieg oder politische Verfolgung. Doch manchmal geht es ums nackte Überleben.

Ein solcher Flüchtling plant seine Reise nicht unbedingt: Weil ein Flugticket oft unerschwinglich ist, wagt er sich als blinder Passagier auf ein beliebiges Containerschiff. Von den so genannten „spontanen Flüchtlingen“ spricht da Renato Zerbini Leão vom brasilianischen Flüchtlingskomitee. Höchst interessante Fälle gäbe es da, „Migranten, die in Schiffe eingestiegen sind und glaubten, dass sie in die Nordhalbkugel fuhren. Aber dann landeten sie in Brasilien.“

(Foto: AP)

Sudanesische Einwanderer am 12. Juli 2004 an Deck des deutschen Rettungsschiffs "Cap Anamur"

Europas Außengrenzen immer undurchlässiger

Europa ist – geographisch gesehen – nahe liegendes und zudem attraktives Ziel für Menschen, die Afrika auf der Suche nach besseren Einkommensmöglichkeiten verlassen. Täglich gelangen Wirtschafts-Flüchtlinge mit Booten, per Schiff oder Flugzeug nach Europa. Doch spätestens seit im Jahr 2005 die ‚Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen’, kurz FRONTEX, ihre Arbeit aufgenommen hat, sind Kontrollen und Überwachung verschärft worden. Seitdem unterstützen sich die EU-Mitgliedstaaten gegenseitig bei Abschiebungen von Menschen aus anderen Staaten.

Ein italienischer Grenzschutzexperte kontrolliert am Flughafen Frankfurt einen Pass (Foto: AP)

Schaut genauer hin: Die EU-Grenzagentur FRONTEX

Brasilien wichtigstes Zufluchtland

Das ließ Migranten vermehrt Kurs auf andere Ziele nehmen - auch auf Lateinamerika. Dort angelangt, steuern die meisten Flüchtlinge weiter nach Guatemala und Mexiko, um von dort aus in die USA zu gelangen. Diese Route schlägt die Mehrzahl der Flüchtlinge aus Somalia, Eritrea und Äthiopien ein. Doch immer mehr bleiben in dem lateinamerikanischen Land, in dem sie angekommen sind. So lebten in Argentinien vor acht Jahren offiziell nur ein paar Dutzend afrikanische Migranten, heute sind es mehr als 3.000. Ein anderes beliebtes Ziel ist das Nachbarland Brasilien. Aus 74 verschiedenen Ländern kommen die Migranten, so Renato Zerbini Leão. Die meisten stammen aus Angola, gefolgt von Kolumbien, der Demokratischen Republik Kongo und Liberia.

Unbürokratische Verfahren

Schon während des Bürgerkriegs im portugiesisch-sprachigen Angola bis 2002 war Brasilien ein wichtiges Zufluchtsland. Dass nun auch viele Menschen aus anderen Konfliktländern nach Lateinamerika auswandern, kommt nicht von ungefähr. So bietet Brasilien Flüchtlingen erhebliche Vorteile, sagt Renato Zerbini Leão.

Wer einen Flüchtlingsstatus beantragt, bekommt automatisch eine vorläufige Arbeitserlaubnis, so der Vertreter der Flüchtlingskomitees. "Wird der Flüchtlingsstatus bestätigt, hat der Migrant dieselben Rechte und Pflichten wie ein gebürtiger Brasilianer. Er kann wie jeder Brasilianer die öffentlichen Dienstleistungen nutzen, Krankenhäuser etwa und Schulen.”

(Foto: dpa)

Die Grenze der USA zu Mexiko - immer mehr afrikanische Migranten bleiben in den Transitländern südlich des Rio Grande

Während in Europa Asylanträge von Herkunftsland oder Einreisestaat abhängen und sich die bürokratischen Verfahren oft lange hinziehen, versucht die brasilianische Regierung die Dokumentation zu vereinfachen.

Doch eine Arbeitsberechtigung bedeutet längst nicht, auch Arbeit zu finden. Zudem ist Brasilien für Gewalt und Unsicherheit in den Großstädten berüchtigt. Der Alltag ist nicht einfach, warnt Renato Zerbini. „Ein Flüchtling trifft auf dieselben Schwierigkeiten, mit denen auch Brasilianer konfrontiert werden. Sie werden im Krankenhaus warten oder Schlange stehen müssen, um ihre Kinder in öffentlichen Schulen anmelden zu können.“

Und trotzdem bleibt das Land für Flüchtlinge aus Afrika interessant. Allein wegen seiner offeneren Einwanderungspolitik. Und nicht zuletzt auch, weil ein Großteil der Bevölkerung Brasiliens afrikanische Wurzeln hat.

Autorin: Marta Barroso

Redaktion: Sven Töniges