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Kultur

Biblischer Konflikt, beklemmend aktuell

"Samson und Dalila", die berühmte Oper von Camille Saint-Saens’, war lange nicht mehr in Köln zu sehen - doch die jetzige Neuinszenierung von Tilman Knabe sorgte schon vorab für Wirbel unter den Domtürmen.

Abimelech (Wilfried Staber) in der Gewalt von Samson (Ray M. Wade jr.)

Opernbilder von beklemmender Realität: Abimelech (Wilfried Staber) in der Gewalt von Samson (Ray M. Wade jr.)

Ein Pfeifen, ein akustischer Bombeneinschlag, Lichtausfall – und schon war das Kölner Premierenpublikum mittendrin in der beklemmenden trostlosen Welt eines Flüchtlingslagers der heutigen Zeit: Abgegrenzt mit einem groben Holz- oder Betonzaun, Scheinwerfern und Menschen, die zwischen einzelnen geretteten Habseligkeiten, Müll und Trümmern umherirren. Unterstrichen wurde das Ganze noch durch die überaus düstere Musik im Vorspiel zu Camille Saint-Saens’ Oper "Samson und Dalila". In dieser Szenerie spielt sich knapp zwei Stunden lang ein Drama voller Verzweiflung, Hass, Gewalt und Tod ab.

Biblische Kampfstory

Quickie auf der Opernbühne: Der Oberpriester der Philister mit Dalila - er in Straßenkleidung, sie in schwarzer Reizwäsche

Ihren Verführungskünsten widersteht kein Mann: Dalila (Ursula Hesse von den Steinen mit Egils Silins)

Zwar könnte man hinter dem Titel "Samson und Dalila" eine dramatische Liebesgeschichte à la Romeo und Julia vermuten. Doch dem ist nicht so: Als Textvorlage für seine heute bekannteste Oper wählte Saint-Saens eine Geschichte aus dem "Buch der Richter" des Alten Testamentes. Diese erzählt von dem Kampf der Hebräer gegen die Philister - und von dem übernatürlich starken israelischen Anführer Samson und seiner Widersacherin Dalila. Kein Zweifel: Diese biblische Erzählung hat es in Sachen Kampf der Völker und der Geschlechter durchaus in sich. Da Samson sie nicht genügend beachtet hat, will Dalila sich an ihm rächen. Sie gaukelt ihm die große Liebe vor und entlockt den Unbesiegbaren das Geheimnis seiner Stärke: die Haare und die Augen. Darauf haben die Philister nur gewartet: Geschoren und geblendet wird er zum Gespött seiner Feinde und Dalilas. Doch in einem entscheidenden Augenblick erhält Samson seine alte Kraft zurück und reißt die feiernden Philister mit sich in den Tod.

Geschichte aktuell interpretiert

Die zu biblischer Zeit in Gaza spielende Handlung verlegte Regisseur Tilman Knabe in seiner Kölner Inszenierung in den heutigen israelisch-palästinensischen Konflikt mit Flüchtlingselend, fanatisch religiösem Hass und beiderseitigen Gewaltexzessen. Entsprechend drastisch ist Knabes Bildsprache: So gehen die Hebräer unter ihrem Anführer Samson im ersten Akt genauso wenig zimperlich mit ihren Gefangenen um wie am Schluss der Oper die Philister mit den Israeliten. Deren Siegesfeier im dritten Akt, das berühmte Bacchanal, zeigt beispielsweise statt einem Tanz eine Gewaltorgie einer betrunkenen und enthemmten Gesellschaft: Da werden wehrlose Opfer brutal misshandelt, vergewaltigt und ermordet, deren Blut anschließend zum gegenseitigen heiteren Beschmieren dient. In ihrer Gewaltbereitschaft sind alle Seiten gleich; und am Schluss der Oper kommt Samson als mit Sprengstoff umgürteter Selbstmordattentäter, um sich und seine Peiniger ins Jenseits zu befördern - ein irritierend verstörendes Bild und eine beklemmende Vorstellung.

Die Masse der Philister in der Oper 'Samson und Dalila' stürzt sich auf am Boden liegende Opfer

Stein des Anstoßes für viele Darsteller: Gewaltszenen wie im 3. Akt der Oper

Ein konfliktgeladener Opernstoff braucht eine entsprechende Umsetzung, lautete Tilman Knabes Regiekonzept; doch das sahen einige der mitwirkenden Sängerinnen und Sänger anders. Sie traten von ihren Rollen zurück oder protestierten durch Krankmeldungen gegen die Inszenierung. Schließlich entbrannte in Köln eine heftige Debatte darüber, wie viel Gewalt auf der Bühne gezeigt werden dürfe. Nachdem auch noch die am 2. Mai anberaumte Premiere wegen der tatsächlichen Erkrankung der Dalila-Darstellerin ausfallen musste, lagen die Nerven im Opernhaus ziemlich blank.

Gespaltene Reaktionen

Nach der Aufführung am Wochenende kann man eigentlich nur sagen: Die Befürchtungen vor einem handfesten Theaterskandal waren unbegründet. Zwar gab es einige erbitterte Buhrufe und einige skeptische Stimmen. Eine ältere Frau meinte etwa: "Hätte es den Gaza-Krieg nicht gegeben, dann wäre ich nicht einverstanden mit der Inszenierung." Doch der weit überwiegende Teil des Publikums teilte offenbar Knabes Sicht auf "Samson und Dalila": "Uns hat es sehr gut gefallen und die Inszenierung war unglaublich gelungen", urteilte ein Ehepaar nach der Vorstellung. "Es waren mitreißende, packende Bilder, natürlich kein Kindergeburtstag, aber das gibt die Handlung ja auch her", befand ein jüngerer Zuschauer, "und diese Grausamkeit, die da zwischen den Menschen gezeigt wird, die ist ja auch drastisch gezeigt worden, aber auch zu Herzen gehend, das hat mich sehr ergriffen."

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