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Kultur

Bibel-Stunde auf Persisch

Wer als Muslim geboren wird, bleibt es auch, zumindest nach islamischem Recht. Ein Muslim, der einen Glaubenswechsel - etwa zum Christentum - wagt, lebt oft in Gefahr. Nicht nur im Iran, sondern auch in Deutschland.

Eine Moschee neben einer Kirche in Mannheim.

Moschee und Kirche: Im Islam erkennen nicht alle die Religionsfreiheit an

Gottesdienst in einer Gemeinde in Köln: Eine Frau steht auf einem Podest und betet mit ruhiger Stimme das Vaterunser. Rund zwei Dutzend andere Gläubige haben sich in den Bankreihen hinter ihr versammelt und sprechen das Gebet in Gedanken mit - auf Farsi. Denn in dieser Gemeinde treffen sich persische Christen: ehemalige Muslime, die zum Christentum übergetreten sind.

Jahre lange Entscheidung

Bibel und Koran, Quelle: Foto, dw

Konvertiten: Koran gegen Bibel eingetauscht

Die meisten persischen Gemeindemitglieder haben ein schwierige Zeit hinter sich, denn sich vom Islam abzuwenden, ist ein schwieriger Prozess. Viele haben diese Entscheidung Jahre lang mit sich herum getragen, wie zum Beispiel Mina. Seit zwei Monaten kommt sie in die Kölner Gemeinde. "Wenn ich die Bibel lese, dann bekomme ich so eine Ruhe in mir, aber wenn ich den Koran lese, dann bekomme ich Angst", sagt sie. Immer habe sie sich Gedanken machen müssen, ob sie etwas dürfe oder nicht, gerade als Frau. Solche und ähnliche Erfahrungen haben die meisten persischen Konvertiten in der Kölner Gemeinde gemacht.

In Deutschland gibt es nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen und Kirchen rund 6000 Konvertiten, die vom muslimischen Glauben zum Christentum gewechselt sind. Mehr als die Hälfte von ihnen, so wird vermutet, sind Iraner.

"Du bist nicht mehr mein Sohn"

Logo der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte in Frankfurt

Internationale Gesellschaft für Menschenrechte engagiert sich für Konvertiten

Pfarrer Hans-Jürgen Kutzner ist Seelsorger persischer Christen in Deutschland. Bei seiner Arbeit bekommt er immer wieder mit, wie hart die Entscheidung für einen Iraner ist, den Glauben zu wechseln: "Ein Iraner, der zum Christentum übergetreten war, hat seine Eltern im Iran angerufen und ihnen davon erzählt", erinnert sich Kutzner, "seine Mutter hat ihm dann gesagt: du bist nicht mehr mein Sohn!"

In der islamischen Republik Iran sind Glaube und Religion wie in anderen muslimischen Ländern öffentliche Angelegenheiten: Wer vom Islam als Staatsreligion abfällt, der begeht Staatsverrat.

Regierung und geistliche Gelehrte im Mullah-Regime Iran verweisen dabei auf den Koran, denn dort steht ihrer Ansicht nach geschrieben: „Und wenn sie sich abwenden, dann greift sie und tötet sie, wo immer ihr sie auffindet.“ Die Scharia als „Gesetz Gottes“ fordere demnach die Todesstrafe für Konvertiten. Folglich darf ein Muslim nach islamischem Recht einen Konvertiten töten.

Glauben im Stillen

Buchcover: der Koran. Quelle, Foto: dw

'Konvertiten töten' - eine Forderung des Koran?

Konvertiten im Iran können daher ihren Glauben nur im Stillen leben. Die meisten halten den Glaubenswechsel auch vor der Familie und den Freunden geheim. Denn wenn er bekannt wird, hat das meist schwere Konsequenzen, wie bei Babak, der vor 14 Jahren im Iran vom Islam zum Christentum gewechselt ist. Als das herauskam, verlor er seinen Job und wurde von Regierungsbeamten ausgepeitscht. Irgendwann war Babak klar, dass er nicht mehr in seinem Land bleiben konnte: "Ich glaube, wenn ich geblieben wäre, würde ich heute nicht mehr leben."

Wie viele Konvertiten ist Babak aus dem Iran ins Ausland geflüchtet - nach Deutschland. Diejenigen, die in der Heimat bleiben, können ihren christlichen Glauben nur sehr begrenzt praktizieren. Sie können sich nur in geheimen Untergrundkirchen treffen, so genannten Hausgemeinschaften, meist eine Privatwohnung eines Konvertiten. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen gibt es mittlerweile rund 100 christliche Hausgemeinschaften im Iran. Hier halten die Muslime Bibel-Gespräche, üben das freie Gebet und singen christliche Lieder in ihrer Landessprache.

Beschimpfungen, Drohungen, Morde

Mounir Azzaoui vom Zentralrat der Muslime in Deutschland

Mounir Azzaoui: Der Zwang zum Islam ist nicht zeitgemäß

Die Konvertiten in der persischen Gemeinde in Köln haben sich fast alle erst in Deutschland taufen lassen. Doch auch sie müssen Vorurteile und Drohungen von religiösen Fanatikern ertragen. Die meisten von ihnen wurden schon oft beschimpft und müssen stets erklären, wie sie den Islam verlassen konnten. Konvertit Babak wurde schon oft am Telefon bedroht: "Einer hat auch schon mal zu mir gesagt, dass ich meinen Glauben verkauft hätte und deshalb in die Hölle kommen werde. Vorher aber solle ich das Übel noch auf Erden erleben."

Die Todesstrafe für Konvertiten wird heute von den Gerichten im Iran kaum noch verhängt. Häufig wird sie von strenggläubigen Muslimen vollzogen oder von den eigenen Familienangehörigen, die so die Schande von der Familie abwenden wollen. Auch in Deutschland hat es trotz Religionsfreiheit Morde an Konvertiten gegeben. Sie seien jedoch für Staatsanwaltschaften nicht greifbar, sagt ein Mitarbeiter der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt: "Solche Morde werden, ähnlich wie die so genannten Ehrenmorde, vertuscht und als häusliche Unfälle oder Autounfälle ausgegeben". Wieviele Morde an Konvertiten es gebe ,wisse daher keiner genau.

Moderate Muslime: Kein Zwang zum Islam

Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad, Quelle: Foto: AP

Seit dem Amtsantritt Ahmadinedschads verschlechtert sich die Lage für Konvertiten

Trotz ihrer Angst halten die Konvertiten in Deutschland an ihrem Glaubenswechsel fest. Von den Muslimen fordern sie, Religionszugehörigkeit als Privatsache anzuerkennen. Unterstützung erhalten sie in dieser Forderung auch durch den Zentralrat der Muslime in Deutschland. Für Mitarbeiter Mounir Azzaoui ist der Zwang zum muslimischen Glauben nicht zeitgemäß: "Wir leben heute ein einer ganz anderen Situation als die Menschen zur Zeit des Propheten. Da muss es durchaus möglich sein, den Islam freiwillig zu praktizieren oder auch abzulegen."

Im Iran hingegen hat sich die Situation für Konvertiten seit dem Amtsantritt des streng konservativen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad verschärft. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen häufen sich seitdem Gewalt, Verhaftungen und Schikanen an Konvertiten.

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