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Deutschland

Berlins verborgene Welt der Obdachlosen

Klaus Seilwinder lebte acht Jahre auf Berlins Straßen. Jetzt führt er Besucher durch die Hauptstadt, durch sein Berlin. Für ihn ist es jedes Mal eine hochemotionale Reise in die Vergangenheit. Daniel Pelz war dabei.

Berlin-Mitte, Niederwallstraße. Kein Ort, an den sich viele Touristen verirren: Ein kleiner Park, wenige Quadratmeter grünes Gras im Häusermeer. Ein paar Spielgeräte, ein Springbrunnen. Das war Klaus Seilwinders Zuhause. "Von 2002 bis 2010 habe ich Platte gemacht", erzählt der schmächtige 59-Jährige.

Nun ist er wieder da. Sechs Mal im Monat zeigt er Besuchern die Stationen seines Straßenlebens. Unscheinbare Orte für Außenstehende. Wie dieser Park, einer von tausenden, von Klaus Seilwinder aber bewusst als Schlafplatz ausgesucht. "Ich hatte einen prominenten Nachbarn hier," sagt er glucksend und zeigt auf das Auswärtige Amt auf der anderen Straßenseite.

Ernste Gesichter

"Das wird am Tag und vor allem nachts von der Polizei bestreift. Polizisten und Obdachlose mögen sich eigentlich nicht. Aber ich dachte, wenn mich jemand hier überfällt, dann werden die rüberkommen und mir helfen." Mit der Polizei klappt es dann sogar ziemlich gut: Die Beamten brachten ihm nach einer kalten Nacht schon mal einen Kaffee. "Da ist die Polizei wirklich mal mein Freund und Helfer gewesen", lächelt er.

Manchen Gästen spielt ein kurzes Lächeln um die Lippen. Sonst bleiben ihre Gesichter ernst, alle Augen blicken auf Klaus Seilwinder. Bis 2002 arbeitete er als Erntehelfer bei einem Tabakbauern in Brandenburg. "Da hätte ich eigentlich alt werden können", sagt er in seinem Berliner Singsang. "Aber ich bin Alkoholiker. Die haben die Angewohnheit, ihre Probleme nicht zu lösen, sondern sie einfach wegzutrinken."

Klaus Seilwinder vor einer Gruppe junger Leute, im Hintergrund ein weißes Hochhaus - Foto: DW/D. Pelz

Sechs Mal im Monat zeigt Klaus Seilwinder Gruppen sein Berlin.

Das tat er auch nach einem Streit mit seinem Bauern. "Ich hab mir die Kante gegeben, hab meine Sachen gepackt und ihm den Schlüssel in den Briefkasten geworfen." Er fuhr nach Berlin, am Bahnhof Zoo traf er auf einer Trinker-Clique. Bald schlief er im Tiergarten.

Erst kam der Magen dran

An einer kleinen Nebenstraße bleibt er neben einem orangefarbenen Mülleimer stehen und blickt kurz hinein. Ergebnislos. "Das hier ist das wichtigste Arbeitsgerät", sagt er und lässt kurz das Licht einer kleinen Taschenlampe aufblitzen. Auch wenn er seit vier Jahren nicht mehr auf der Straße lebt - jede Bewegung wirkt perfekt eingeübt, wie die Schritte eines Profitänzers. "Das war ja mein finanzielles Standbein", sagt Seilwinder. Vom Pfand der ersten acht Flaschen des Tages kaufte er Brötchen, dann kam der Alkohol.

"Ich habe immer nach dem Prinzip gelebt: Erst kriegt der Magen was, dann ist die Leber dran und ganz zum Schluss die Lunge", sagt Seilwinder. Ohne Glucksen diesmal. Stattdessen verschwindet das Lachen von seinem Gesicht, seine Augen fixieren einen Punkt am Boden, die Stimme wird leiser. "Hätte ich der Leber die Oberhand gelassen, wäre ich irgendwann an den Punkt gekommen, wo du ganz unten bist, wo du nicht mehr auf dich achtest, wo du nur noch irgendwie überlebst. Zum Glück habe ich durchgehalten, sonst hätte ich es auf der Straße nicht lange geschafft."

Für ihn seien die Touren Selbsttherapie, erzählt er später. "Es erinnert mich immer wieder daran, wie es mir ging und wo ich nie wieder hin will - das Leben auf der Straße und die Alkohol-Sucht. Mir geht's zwar jetzt nicht rosig, aber immerhin stehe ich mit beiden Beinen auf dem Boden. Und das ist mir wichtig." Seit einem Entzug vor vier Jahren trinkt er keinen Alkohol mehr. "Ich sage immer: Ich bin jetzt seit zwei Europameisterschaften trocken."

"Obdachlose anders wahrnehmen"

Klaus Seilwinder neben einem orangen Mülleimer - Foto: DW/D. Pelz

Klaus Seilwinder lebte acht Jahre auf der Straße.

Weiter geht es zum Gendarmenmarkt. Die öffentliche Toilette in der Ecke war seine tägliche Anlaufstelle zum Waschen. Zwischen kamerabewehrten Touristen und Geschäftsleuten im dunklen Anzug fällt der schmächtige Mann mit der ausgewachsenen Frisur, den tiefen Falten im Gesicht und dem müden Gesichtsausdruck immer noch auf. Seine Erinnerungen an den Platz sind positiv. Hier fand er beim Flaschensammeln mal ein Handy. Die Besitzerin gab ihm 450 Euro Finderlohn. "Ich möchte gerne mal wissen, ob die da geheime Telefonnummern drauf hatte", sagt er und lacht wieder.

Nach zweieinhalb Stunden ist er am Checkpoint Charlie angekommen - Ende der Tour. "Ich werde heute Abend bestimmt noch oft an die Tour denken, es sind viele Gefühle bei mir hochgekommen", sagt Julia Schnoor, eine der Teilnehmerinnen. "Obdachlosigkeit hat jetzt ein Gesicht und auch eine Geschichte für mich." Es gibt eine kurze Runde Applaus, dann verliert sich die Gruppe in den Menschentrauben.

"Ich hoffe immer, dass die Menschen, die an meiner Tour teilnehmen, die Obdachlosen mit einem anderen Blick sehen. Oder dass sie sie überhaupt wahrnehmen. Jugendliche versuche ich auch immer vor dem Alkohol zu warnen. Alkohol kann dafür sorgen, dass man immer tiefer in den Sog kommt", sagt Klaus Seilwinder. Dann geht er mit schnellen Schritten Richtung Bushaltestelle. Zurück in seine Einzimmerwohnung, die er jetzt sein Zuhause nennt.

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