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Fokus Osteuropa

Beispiel Landwirtschaft: Wie Belarus Unternehmergeist im Keim erstickt

Die belarussische Landwirtschaft ist hochsubventioniert, die Preise werden künstlich niedrig gehalten. Geld von Investoren könnte helfen, doch deren Interesse scheint gering.

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Flachsernte in einem Staatsbetrieb bei Minsk

Eigentlich stellt der Vertreter des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) in Belarus, Antonius Broek, dem Agrarsektor von Belarus ein gutes Zeugnis aus. Die Landwirtschaft sei ein wichtiger Teil der Wirtschaft und habe einen Anteil von neun Prozent am Bruttoinlandsprodukt. Die Chancen, Investoren anzulocken, seien gut, vor allem im Lichte der Tatsache, dass viele Länder unter Nahrungsmittelmangel litten. Zudem sieht er tendenziell steigende Lebensmittelpreise, nachdem sie zu Beginn der weltweiten Wirtschaftskrise gefallen waren. Voraussetzung sei aber, dass es Belarus gelinge, seine Nische zu finden, meint der UNDP-Vertreter.

"Vollstrecker statt Eigentümer"

Belarussische Experten bezweifeln allerdings, dass die inländischen Produzenten in der Lage sind, die Preisveränderungen auf dem Weltmark positiv für sich zu nutzen. Der Wirtschaftsexperte Leonid Slotnikow erläuterte, dass die belarussischen Unternehmen dafür nicht selbständig genug seien. Vieles werde von oben diktiert: der Einkaufspreis, die Produktionsmenge und die Lieferungen an den Staat. Der agroindustrielle Komplex ist dem Wirtschaftswissenschaftler zufolge ineffektiv, weil es "keine Eigentümer, sondern nur Vollstrecker" gibt.

Die Landwirtschaft in Belarus wird vom Staat stärker reguliert als jeder andere Wirtschaftszweig. Die Behörden halten die Preise niedrig, damit Lebensmittel für die Bevölkerung erschwinglich bleiben. Die Entwicklung hängt völlig von staatlicher Unterstützung ab: Die Landwirtschaftsbetriebe erhalten staatliche Kredite und werden subventioniert. Ein Schlüsselproblem sehen die Experten im Mangel von Anreizen: Leistungsstarke und leistungsschwache Unternehmen erhalten die gleichen Zuschüsse.

Der stellvertretende Ministerpräsident der Republik Belarus, Iwan Bambisa, rechtfertigt die Kredite für die Erzeuger. Er sieht den Verschuldungsgrad landwirtschaftlicher Unternehmen keinesfalls kritisch. Experte Slotnikow ist anderer Ansicht. "Viele der landwirtschaftlichen Betriebe werden nie in der Lage sein, ihre Schulden zu begleichen", warnt er. Ein Drittel der säumigen Bankkredite entfallen seinen Angaben nach auf landwirtschaftliche Betriebe.

Vizepremier Bambisa nimmt die Verschuldung unter Verweis auf die besseren Exportchancen landwirtschaftlicher Erzeugnisse in Kauf. Den Wert der Ausfuhren beziffert er auf zwei Milliarden Dollar. Unterdessen verweisen Experten darauf, dass sich die Ausfuhr belarussischer Agrarprodukte im Wesentlichen auf den russischen Markt konzentriert. Slotnikow meint sogar, der Export einer Reihe von Waren sei eher unrentabel. Beispielsweise werde belarussische Butter in Russland weit unter ihrem Selbstkostenpreis verkauft. "Je mehr wir exportieren, desto niedriger ist der Lebensstandard der Belarussen", so der Experte.

Magere Investitionen

Das belarussische Institut für Unternehmertum und Management weist darauf hin, dass die Einbeziehung ausländischer Investoren zur Verbesserung in der Landwirtschaft beitragen würde und belarussischen Produkten neue Märkte eröffnen könnte. Ganz anders die Einschätzung des Direktors der Nationalen Investment-Agentur, Wiktor Kowalenko: Die ausländischen Investitionen in die belarussische Landwirtschaft seien im Jahr 2008 sehr gering ausgefallen. Es habe nur wenige positive Beispiele gegeben. Es gebe aber dennoch Interesse seitens Investoren, nämlich an der Verarbeitung von Raps und Fleisch. Um Geldgeber anzulocken, müsse es aber möglich sein, Grund und Boden zumindest langfristig pachten zu können, meinen Ökonomen. Wirtschaftsexperte Slotnikow kann allerdings keine Bereitschaft bei der belarussischen Führung erkennen, eine Boden- oder Agrarreform durchzuführen.

Autor: Marina Masurkewitsch / Markian Ostaptschuk
Redaktion: Birgit Görtz

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