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Wirtschaft

Barclays-Skandal: Nur die Spitze des Eisbergs

Der Skandal um manipulierte Zinsen in Großbritannien zieht immer größere Kreise. Nun ist auch der Vorstandsvorsitzende von Barclays zurückgetreten. Weitere Banken stehen unter Verdacht.

Das Logo der Barclays Bank an einer Filiale (Foto: dapd)

Barclay's bank LOGO Schild

Der Vorstandsvorsitzende von Barclays, Bob Diamond, ist mit sofortiger Wirkung zurückgetreten, teilte die britische Bank am Dienstagmorgen mit. Der Druck auf Barclays habe ein Niveau erreicht, das die Zukunft des Unternehmens bedrohe, sagte Diamond in einer Mitteilung. "Das durfte ich nicht geschehen lassen."

Damit zieht der Skandal immer größere Kreise. Erst in der vergangenen Woche war Barclays zu einer Strafe von rund 360 Millionen Euro verdonnert worden, weil es die ermittelnden Behörden in Großbritannien und den USA als erwiesen ansahen, dass das Institut Zinsen im Interbankenhandel manipuliert hat. Die britische Bank hat als erstes Geldhaus ein Fehlverhalten einiger Händler eingeräumt. Am Montag hatte bereits der Chef des Verwaltungsrates, Marcus Agius, seinen Rückzug angekündigt. Er soll den Angaben nach die Geschäfte aber vorerst weiterführen, bis ein Nachfolger für Diamond feststeht.

Bob Diamond (Foto: dapd)

Den Hut genommen: Bob Diamond

Der 60-jährige Diamond war seit rund sechzehn Jahren bei Barclays. Er wurde Chef der hauseigenen Investmentbank und machte aus Barclays Capital eine gut laufende Sparte. Seit Anfang 2011 war er Vorstandsvorsitzender bei Barclays. In der Öffentlichkeit ist er allerdings eine Reizfigur. Denn ebenfalls im Januar 2011 musste er sich vor dem Parlamentsausschuss im Zusammenhang mit Gehältern, die in der Finanzbranche gezahlt wurden, äußern. Bei dieser Gelegenheit rief er die Banker dazu auf, die "Zeit der Demut" zu beenden.

Barclays könnte nur die Spitze des Eisbergs sein

Der derzeitige Skandal um Zinsmanipulationen könnte sich noch ausweiten, denn neben Barclays stehen weitere Banken in den USA und Europa unter Verdacht. Schon seit Monaten laufen Untersuchungen gegen mehr als ein Dutzend Großbanken, darunter auch die Deutsche Bank und die UBS. "Das hier, glaube und fürchte ich, ist nur die Spitze des Eisbergs. Das geht gar nicht anders, denn dieser Zinssatz wird nicht von einer, sondern von mehreren Banken festgelegt. Deshalb ist es ganz unmöglich, dass dieser Skandal auf Barclays beschränkt bleibt", meint auch David Buick, Analyst von BGC Partners. Die britische Finanzaufsicht FSA machte ebenfalls am Montag deutlich, dass es sich bei Barclays nicht um einen Einzelfall handele.

Die Behörden hatten sowohl beim europäischen Zinssatz Euribor (Euro Interbank Offered Rate) als auch beim Londoner Libor (London Interbank Offered Rate) - den Zinssätzen, zu denen sich Banken untereinander Geld leihen - in den Jahren zwischen 2005 und 2008 Unregelmäßigkeiten entdeckt. Der Satz beeinflusst außerdem Geschäfte im Derivatehandel, bei denen Billionen bewegt werden. Barclays wird vorgeworfen, den Interbanken-Zinssatz Libor manipuliert zu haben. Der Libor wird täglich in London fixiert und dient auch als Referenz für Kredite von Privatleuten und Unternehmen, Derivate sowie andere Finanzprodukte im Gesamtvolumen von 360 Billionen Dollar. Er basiert auf Daten, die mehrere Großbanken täglich abliefern.

Den Instituten wird vorgeworfen, dass sie in der fraglichen Zeit absichtlich falsche Angaben gemacht haben, um die eigenen Handelsgewinne in die Höhe zu treiben und die wahren Refinanzierungskosten zu verschleiern. Ein schwerwiegender Vorwurf. "Libor ist das Fundament für alle anderen Zinssätze. Jeder kleine Kredit hängt am Ende davon ab. Diesen Zinssatz zu manipulieren ist ernst. Das ist ein wirklicher Abgrund, der sich hier auf tut", meint Stefan Stern von der Cass Business School.

Untersuchungsausschuss soll eingerichtet werden

Dieser Abgrund hat in Großbritannien erneut Rufe nach grundlegenden Reformen im Bankensektor laut werden lassen. Das System sei am Herzen krank, heißt in den Medien.

Bürotürme von Banken im Londoner Geschäftsviertel Canary Wharf (Foto: dpa)

Banken im Londoner Geschäftsviertel Canary Wharf

Der britische Premierminister David Cameron reagierte mit der Ankündigung einer neuen Untersuchung des Bankensektors. Dabei sollen auch Themen wie Ethik und Transparenz angesprochen werden. Er plant, einen Untersuchungsausschuss einzurichten, vor dem die beteiligten Bankmanager unter Eid aussagen sollen. Das Gremium soll aus Vertretern beider Parlamentskammern bestehen und vollen Zugang zu sämtlichen Unterlagen erhalten. Großbritannien solle die "härtesten und durchsichtigsten Regeln aller Finanzplätze" haben. Banker, die sich falsch verhalten hätten, sollten zur Verantwortung gezogen werden, so Cameron.

Doch die oppositionelle Labour-Partei argumentiert, dass das nicht ausreicht - die Öffentlichkeit wolle ein von Politikern und Bankern unabhängiges Gremium, das den Problemen auf den Grund gehe. So kündigte Labour eine Abstimmung im Parlament an. Dort soll entschieden werden, ob die Skandale im Bankensektor nicht besser von einem unabhängigen Ausschuss unter dem Vorsitz eines Richters untersucht werden sollen.