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Wirtschaft

Banken verzocken sich bei US-Hypotheken

Trotz geringem oder gelegentlich auch gar keinem Einkommen erhielten US-amerikanische Bauherren und Hauskäufer großzügige Kredite, die sie nicht zurückzahlen konnten.

Hypothekenkrise: Zum Verkauf stehende Häuser in Montpellier im US-Bundesstaat Vermont

Preisverfall durch Hypothekenkrise

An der Wall Street grassiert der Galgenhumor, nämlich ein "Spiel der Woche" mit der Frage: Wer ist als nächster dran? Immer geht es um den Fall von Mächtigen aus den obersten Banketagen. Die bisherigen Opfer sind zwar tief, aber zumeist weich gefallen. Stan O’Neal von Merrill Lynch wurde vor zwei Wochen bei seinem Rausschmiss mit 160 Millionen Dollar abgefunden, Charles Prince von der Citigroup wurde der plötzliche Ruhestand mit 95 Millionen Dollar versüßt.

In Europa ist man da knauseriger. Peter Wuffli von der schweizerischen Großbank UBS musste ohne goldenen Handschlag gehen. Stefan Ortseifen von der Düsseldorfer Industriekreditbank wurde ebenso in Schimpf und Schande entlassen wie Herbert Süß von der sächsischen Landesbank. Eines hatten sie gemeinsam, nämlich hohe Anlagen in amerikanische Wohneigentums-Hypotheken an Kreditnehmer mit minderer Bonität. Dabei seien die Ausmaße der Immobilienkrise noch gar nicht absehbar, fürchtet der Wall-Street-Broker Stephen Popora: "Da sind lauter faule Kredite in der ganzen Welt unterwegs in Paketen, die keiner richtig durchschaut."

Fahrlässige Kreditvergabe

Lange hat das Geschäft wunderbar funktioniert. Selbst wer ohne oder nur mit einem Minieinkommen lebte, der bekam großzügig Baukredit. Normalerweise macht das kein Banker, denn das Ende ist ziemlich klar. Über kurz oder lang, spätestens aber bei steigenden Zinsen können die Kreditnehmer ihre Verpflichtungen nicht mehr erfüllen. Die deutsche Festzinshypothek ist nämlich in Amerika wenig bekannt. Doch das machte den Banken nichts, denn sie traten nur als Kreditagenturen auf. Das heißt: Sie kassierten eine Gebühr, bündelten zahllose solcher Kredite und reichten sie an den Kapitalmarkt weiter – etwa an Hochrisikofonds oder an Zweckgesellschaften außerhalb der Bilanz.

Das hatte den Vorteil, dass der Bankaufsicht solch windige Geschäfte nicht auffielen. Doch die Risiken, die sie durch die Vordertür herausreichten, kamen durch die Hintertür wieder in die Bank zurück. Denn die Hedge-Fonds finanzierten ihr Geschäft nur zum kleineren Teil mit Eigenkapital und zum weitaus größeren Teil mit Bankkrediten. Außerdem lief das Geschäft so wunderbar profitabel, dass Banken selbst oder mit den eigens dafür gegründeten Zweckgesellschaften daran mitverdienen wollten. Indem sie die von ihnen eigens dafür gegründeten außerbilanziellen Zweckgesellschaften gründeten, haben sie sich gewissermaßen selbst Kredite gewährt.

Ein Teufelskreis

Alles kam, wie es kommen musste. Als nämlich immer mehr Kreditnehmer ihre Bauhypotheken nicht mehr bedienen konnten, war die Lawine kaum noch aufzuhalten: "Wir sind auf dem Weg in einen Teufelskreis", erklärt David Levy vom Jerome Levy Forecasting Center. "Die Kredite werden teurer, die Immobilien wertloser und das Vertrauen der Verbraucher brüchiger. Das sind alles Faktoren, die ganz klar zu einer Rezession führen können."

Zeitweise trauten die Banken sich untereinander nicht mehr über den Weg. Nur mit vielen hundert Milliarden Dollar und Euro konnten die Zentralbanken ein Austrocknen des Kreditmarktes und den drohenden Zusammenbruch des Bankensystems verhindern. Jetzt kommen die Leichen aus dem Keller: Auf die quasi wertlos gewordenen Papiere musste die Citigroup als zweitgrößte Bank Amerikas knapp 18 Milliarden Dollar abschreiben, Merrill Lynch 8,5 Milliarden Dollar, die schweizerische UBS 3,4 Milliarden Dollar und die Deutsche Bank 2,2 Milliarden Euro. Die Dresdner Bank hat an die 600 Millionen Euro verloren, die Commerzbank fast 300 Millionen Euro.

Nichts geht mehr

Die Industriekreditbank wurde wegen akuter Pleitegefahr von der KfW-Bankengruppe aufgefangen, die sächsische Landesbank aus dem gleichen Grund an die Landesbank Baden-Württemberg verkauft. Fast alle großen Banken zumindest in den USA und in Europa, aber selbst deutsche Sparkassen, haben sich mit amerikanischen Schrott-Hypotheken eine blutige Nase geholt und hohe Verluste eingehandelt. Insgesamt wird die Summe der wertlos gewordenen Engagements auf 200 Milliarden Dollar geschätzt. In England standen Sparer in der Furcht um ihr Geld in langen Schlangen vor den Filialen einer Bank, die ins Gerede gekommen war. Das hatte es in Europa seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben.

Die Risikosysteme in den Banken haben auf dramatische Weise versagt, was der Finanzbranche, die sonst auf sehr hohem Ross sitzt, ein schlechtes Zeugnis ausstellt. Wieder einmal hat die Gier über den Verstand gesiegt – und dies auf den obersten Etagen mit den ganz weichen Teppichen. Nur einer wußte es besser. Der legendäre amerikanische Investor Warren Buffet bezeichnete schon vor zwei Jahren Investitionen in Hypotheken minderer Qualität als "Giftmüll für die Finanzmärkte". Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Der renommierte amerikanische Wirtschaftsprofessor Allan Meltzer bescheinigt den Banken ein gehöriges Maß an Stümperei - und übt sich in Galgenhumor: "So ist das eben. Kapitalismus ohne Fehlschläge ist wie Religion ohne Sünde. Es funktioniert nicht."

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