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Digitales Leben

Ballern und Feiern auf der Gamescom

Schlangestehen, spielen, feiern: Die Gamescom 2012 war besser besucht denn je. Vier Tage lang waren die Kölner Messehallen im Ausnahmezustand: Die Gamescom ist die größte Messe für interaktive Spiele und Unterhaltung.

Gamescom 2012: Starwars the Old Republic (Foto: DW / Silke Wünsch)

Gamescom 2012

“Kampfgebiet! Ab diesem Punkt wird scharf geschossen“, warnt ein Schild vor einer gemauerten Kulisse. Eine junge Frau im Tarnanzug, eine MP im Anschlag, patrouilliert. Es wummert gewaltig. Explosionen, Schüsse, Schreie. Ein Blick hinter die Kulisse zeigt einen dunklen Raum, darin ungefähr 30 Leute, die mit blinkenden Kopfhörern vor Bildschirmen sitzen und Tastaturen und Controller bedienen. Man spielt "Doom 3" - eine Neuauflage des Egoshooter-Klassikers. Bis man hier allerdings spielen darf, muss man viel Geduld mitbringen.

Besucheransturm

Als die Gamescom am Donnerstag (16.08.2012) ihre Pforten für den Publikumsverkehr öffnete, gab es für die Besucher kein Halten mehr. Sie sprudelten geradezu in die Hallen, wo die großen Blockbuster-Spiele präsentiert wurden. Bis zu vier Stunden Wartezeit an den Ständen der Hersteller sind auf der Gamescom keine Seltenheit. Wer die endlosen Schlangen überwunden hat, kann auf der Messe die neuesten Versionen der Spiele ausprobieren - von Kriegssimulationen über Sport- und Rennspiele bis hin zu Abenteuer- und Fantasy-Games.

Besucher testen das Spiel Starcraft (Foto: DW / Silke Wünsch)

Besucher testen das Spiel "Starcraft"

Bis ins kleinste Detail

Der Handel mit Computerspielen ist in Deutschland ein Milliardenmarkt. Die beliebtesten Spiele sind und bleiben dabei Fantasy- und Kriegsspiele. Und die werden mittlerweile auch immer mehr von Frauen gespielt: "Ich mag das, wenn man in eine völlig andere Welt eintauchen kann und andere Rollen übernimmt", sagt eine 25-jährige Besucherin, die sich als eine ihrer Lieblingsfiguren verkleidet hat.

Gamescom 2012: Aliendame Cass aus dem Fantasy-Thriller Defiance, das Spiel ist einer TV-Serie nachempfunden und erscheint 2013 (Foto: DW /Silke Wünsch)

Aliendame Cass aus dem Fantasy-Thriller "Defiance"

Die Plattformen, auf denen die Spiele laufen, sind der klassische PC und Konsolen wie Sony Playstation, die X-Box 360 von Microsoft oder die Nintendo Wii. Mit immer schnelleren Grafikkarten sind auch für die Spieleentwickler immer mehr Gestaltungsmöglichkeiten hinzugekommen.

Dass die Spiele in HD-Qualität und als 3D-Version zu haben sind, ist mittlerweile State of the Art. Die Programmierer haben auch in den neuesten Ausgaben ganze Arbeit geleistet: In den verschiedenen Spielszenen wird kein Detail ausgelassen; da spiegelt sich auch schonmal ein Protagonist in der Sonnenbrille eines anderen Spielers, wobei das Spiegelbild die Bewegungen absolut synchron mitgeht. Fasern von Kleidungsstücken sind deutlich zu sehen, Mimiken der Spielfiguren sind lebendig. Bewegungen sind rund und flüssig. Die Spielesoftware geht das Tempo der Animationsfilme locker mit. Wo hört es auf? “Die Entwicklung ist so erstaunlich schnell, dass wir kaum voraussehen können, was in zwei oder drei Jahren sein wird", meint Martin Lorber von Electronic Arts.

Plattformen

Man konzentriere sich jetzt erst einmal mehr auf neue mobile Plattformen wie das iPad. "Das kannten wir vor zwei Jahren noch gar nicht", so Lorber, und das zeige ja deutlich, wie rasant die Entwicklung ist. Electronic Arts ist einer der größten Spielehersteller der Welt und entwickelt Computerspiele für 17 verschiedene Plattformen - vom iPhone bis zur High-End Konsole. So läuft auch eine aufwändige Fußballsimulation wie die Fifa-Reihe bereits auf einem Tablet - ob das Bedienen dabei auch so komfortabel ist wie auf PC oder Konsole, sei dahin gestellt. Ziel der Spielehersteller ist es, so Lorber, "dass auf allen technischen Geräten mit Prozessor und Bildschirm gespielt werden kann."

Besucher spieln auf der Gamescom 2012 (Foto: DW / Bamdad Esmaili)

Mobile Spielplattformen sind im Trend

Um nicht nur die Nerds zu erreichen, sondern jedem, der ein Smartphone besitzt, auch mal einen kleinen Pausenspaß zu gönnen, gehen die Hersteller verstärkt auf den Markt mit den Spiele-Apps. Bei Electronic Arts sieht man das ganz pragmatisch: "Wir begreifen uns als Plattform-Agnostiker", so Martin Lorber, "überall, wo gespielt werden kann, werden wir auch Software dafür anbieten." Damit die Kompatibilität zwischen den verschiedenen Plattformen gewährleistet ist - schließlich will man Spiele, die man zu Hause auf dem PC spielt, vielleicht in der Mittagspause auf dem Smartphone weiter spielen - arbeiten die Teams, die für die unterschiedlichen Oberflächen verantwortlich sind, eng zusammen. Eine Rundumversorgung - und damit auch eine gelungene Kundenbindung.

Casemodder

Vieles bietet die Gamescom, Stars und B- bis D-Promis tummeln sich hier, es gibt Battles und Veranstaltungen, in denen sich Spieleentwickler vorstellen oder bei denen Jugendliche ihren Eltern beibringen, was ein PC eigentlich so alles kann. Einen sehenswerten Wettbewerb gibt es auch: Sogenannte Casemodder treten gegeneinander an. Es sind Bastelfreaks, denen ihr normales PC-Gehäuse irgendwann einmal zu langweilig wurde.

Die Szene entwickelte sich in den 1990ern, als viele Computerfreaks sich auf LAN-Partys trafen, um gegeneinander Netzwerkspiele zu spielen. Da musste man seinen eigenen PC mitbringen, und alle liefen erstmal mit ihren langweiligen grauen Gehäusen dort auf. Jan Kratel, der Mitorganisator der Casemodding-Meisterschaft, erinnert sich: "Dann wollte man etwas Besonderes sein, man wollte auffallen. Und so ging das dann los, die ersten haben Plexiglas eingebaut oder haben ihren PC mit LEDs aufgepimpt." Danach gab es kein Halten mehr. Heim-PCs wurden in ihre Einzelteile zerlegt und in Bierkästen oder Blumentöpfen zu neuen Computern zusammengefügt.

Die Hauptfigur aus dem Animationsfilm Wall.e war mal ein ganz normales PC-Gehäuse; Case-Modder bauen auf der gamescom PC-Gehäuse pantasievoll um (Foto: DW / Silke Wünsch)

Die Hauptfigur aus dem Animationsfilm "Wall.e" war mal ein ganz normales PC-Gehäuse

Die Modder (von Modification) sind meistens auch im richtigen Leben Bastler: Mechatroniker, Designstudenten, Feinmechaniker. Die Ergebnisse sind erstaunlich. Aus langweiligen PC-Türmen werden Raumschiffe, Panzer, kleine Roboter. Ganze Skelette werden aus Holz gearbeitet, die einzelnen Komponenten kunstvoll integriert. Manche Gebilde scheinen nur aus Plexiglas und Licht zu bestehen, andere sehen aus wie alte Radios. Die Modder scheinen eine grenzenlose Phantasie zu haben - belohnt wird das Ganze am Ende der Gamescom mit einem Pokal und einem exzellenten Ruf in der Szene.

Computersucht?

Beim Messerundgang wird eines besonders deutlich: Die aktuelle Diskussion um Bildschirm- oder Onlinesucht findet auf der Gamescom nicht statt. Hier wird gespielt, geworben, hier werden Geschäfte gemacht. Viele Stände haben große Bühnen, es läuft laute Musik, Popstars werfen Geschenke in die Menge, das Publikum wird angeheizt - alles wirkt wie eine Riesenparty. Die Branche feiert sich, und das Publikum feiert die neuesten Spiele.

Oben auf der Hitliste stehen das Action-Rollenspiel "Diablo 3", Kriegs- und Schießspiele wie "Battlefield 3" oder "Call of Duty" und auch das familienfreundliche Rollenspiel "Die Sims". Viele Spiele, die auf der Gamescom präsentiert werden, kommen erst im Herbst auf den Markt. Für die Besucher der Messe ist genau das der besondere Kick, für den sie eben auch gerne anstehen. Echten Gamern ist es eine Ehre, zehn Minuten lang "Medal of Honor - Warfighter" gespielt zu haben, zwei Monate bevor es die breite Masse kaufen kann.

Gamescom 2012: Kleine Pause vor der Kulise von Simcity (Foto: DW / Silke Wünsch)

Kleine Pause vor der Kulise von "Simcity"

Auch die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, selbst Mutter eines Sohnes im Alter der Gamescom-Zielgruppe, hat erkannt, dass Computerspiele zum Leben dazu gehören wie Internet und Handys. “Wir wissen in der Politik um die Bedeutung dieses Marktes“, sagte sie zur Eröffnung der Messe, hob aber auch warnend den Zeigefinger: "Wir müssen junge Nutzer vor möglichen Gefahren schützen." Damit auf keinen Fall passiert, was 2002 einem jungen Koreaner in einem Internetcafé passiert sein soll: Er war nach 86 Stunden Nonstop-Daddeln ohne Essen und Schlaf vom Stuhl gekippt und konnte nicht mehr reanimiert werden.

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