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Fokus Osteuropa

Bahnt sich Bewegung im mazedonisch-serbischen Kirchendisput an?

Zwischen Belgrad und Skopje schwelt seit Jahren ein Kirchenstreit. Mazedoniens Premier hat das Ökumenische Patriarchat in Istanbul um Hilfe gebeten. Der Patriarch reagierte nun mit einem Appell an Kirchen und Politik.

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Ökumenischer Patriarch Bartholomäus I. als Vermitter erwünscht

Vor einem Monat hat sich der Disput zwischen beiden Kirchen durch die Verhaftung des Bischofs Jovan, mit weltlichem Namen Zoran Vraniskovski, zugespitzt. Vraniskovski wird vom Oberhaupt der Serbisch-Orthodoxen Kirche, Patriarch Pavle, als Bischof Jovan von Ohrid anerkannt, nicht aber von der kanonisch nicht anerkannten Mazedonisch-Orthodoxen Kirche. Diese versetzte Vraniskovski in den Laienstand, nachdem dieser dem Aufruf des Belgrader Patriarchen, sich der Serbisch-Orthodoxen Kirche wieder anzuschließen, gefolgt war. Die Mazedonisch-Orthodoxe Kirche wiederum beschuldigt Vraniskovski, durch seine Tätigkeit ethnischen Hass und religiöse Intoleranz verbreitet und Kircheneigentum der Mazedonisch-Orthodoxen Kirche veruntreut zu haben. Er wurde wegen Verbreitung von ethnischem Hass und religiöser Intoleranz zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt und verbüßt zurzeit in Skopje seine Haftstrafe.

Appell des Patriarchen aus Istanbul

Der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus I., hat sich nun in einem Schreiben an den mazedonischen Premierminister Vlado Buckovski gewandt. Er ruft darin die zerstrittenen Seiten dazu auf, sich an den Verhandlungstisch zu setzen und den Disput friedlich beizulegen. Bartholomäus folgt damit einer Bitte des mazedonischen Premierministers Vlado Buckovski um Unterstützung im Kirchendisput. Er appelliert aber auch an Buckovski, sich für die Freilassung des Geistlichen einzusetzen.

"Der Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus I. nimmt keine Position in dem Kirchenstreit ein, sondern ruft beide Kirchen auf, einen Dialog zu führen. In seinem Brief an den mazedonischen Premierminister nennt er unsere Kirche 'die Heiligste' genauso, wie er die Serbisch-Orthodoxe Kirche bezeichnet hat. Was Zoran Vraniskovski betrifft, jeder, der ihn verteidigen will, wird ein großes moralisches Risiko übernehmen, weil dieser für seine Untaten verurteilt wurde. Bereits 2002 wurden ein Prozess gegen ihn eröffnet wegen finanziellen Missbrauchs in drei Bistümern der Mazedonisch-Orthodoxen Kirche, wo er als Erzpriester tätig war." So erklärte der Sprecher der Mazedonisch-Orthodoxen Kirche, Bischof Timotej, die Position des Synods dieser Kirche, der sich am 22. August getroffen hatte.

Buckovski: Exekutive und Judikative getrennt

Das Kabinett von Premierminister Vlado Buckovski bestätigte, dass Bartholomäus die Freilassung von Zoran Vraniskovski verlangt hat. Der Premierminister hatte sich am Montagabend (22.8.) mit dem Oberhaupt der Mazedonisch-Orthodoxen Kirche, Erzbischof Stefan, getroffen. Am Donnerstag (25.8.) hat Buckovski auf das Schreiben von Bartholomäus geantwortet. Er begrüßte den Appell des Patriarchen an beide Seiten, den Dialog wiederaufzunehmen, allerdings unter Vermittlung eines neutralen Dritten.

Hinsichtlich des Aufrufs des Patriarchen, die Freilassung von Vraniskovski zu erwirken, erinnerte der mazedonische Premier Bartholomäus daran, dass die Judikative und die Exekutive in diesem Land getrennt seien. Daher könne Buckovski als Vertreter der Exekutive keinen Einfluss auf die Freilassung eines mazedonischen Staatsbürgers nehmen, der gegen das Gesetz verstoßen habe. Im September ist ein neuer Gerichtsprozess gegen Vraniskovski in Veles vorgesehen, in dem ihn die Mazedonisch-Orthodoxe Kirche der Veruntreuung von 200.000 Euro beschuldigt.

Zurückhaltung in Belgrad

In Skopjoter Kirchenkreisen erwartet niemand, dass Bartholomäus den Streitschlichter in dieser Auseinandersetzung spielen kann. Der mazedonische Premierminister hatte ihn bei seinem letzten Besuch in Istanbul darum gebeten.

Belgrader Politiker lehnten es indes ab, das Schreiben des Ökumenischen Patriarchen zu kommentieren, mit der Begründung es handle sich um eine rein kirchliche Angelegenheit. Im Belgrader Patriarchat wird hingegen der Appell von Bartholomäus für die Freilassung Vraniskovskis als direkte Unterstützung interpretiert.

Folgen für andere offene Kirchenfragen

Der Belgrader Publizist und Kirchenexperte Zivica Tucic sagte der Deutschen Welle, der Fall des Bischof Jovan habe Dimensionen angenommen, die man weder in Mazedonien noch in Serbien-Montenegro erwartet habe. Tucic zufolge ist der Appell des Ökumenischen Patriarchen an die mazedonischen Politiker, auf die Lösung des Kirchenstreits einzuwirken, von großer Bedeutung: "Ich glaube, das Problem besteht eher unter den mazedonischen Politikern als unter dem Klerus der Mazedonisch-Orthodoxen Kirche. Falls sie tatsächlich ihren Bischöfen Verhandlungen mit dem Belgrader Patriarchat empfehlen würden, würde dies sicherlich zu einem Erfolg führen, der in einer weitläufigen Autonomie und in absehbarer Zeit auch die Autokephalie dieser Kirche nicht ausschließen würde".

Tucic weist darauf hin, dass es in der Orthodoxie mehrere delikate offene Kirchenfragen gebe. "Keine dieser Kirchenfragen wie die mazedonische kann geklärt werden, ohne an die möglichen Folgen zu denken und ohne an die weitaus größere Kirchenfrage in der Ukraine zu denken. Bis eine allgemein gültige Lösung sowohl für Mazedonien als auch für Kiew gefunden ist, besteht keine Möglichkeit, dass Skopje die Autokephalie erhält und von allen orthodoxen Ortskirchen anerkannt wird", meint der Kirchenexperte. Daher besteht ihm zufolge die Lösung für diese Fragen in einem gesamtorthodoxen Konzil.

Aleksandar Comovski, Skopje, Ejub Stitkovac, Belgrad
DW-RADIO/Mazedonisch, DW-RADIO/Serbisch, 25.8.2005, Fokus Ost-Südost

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