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Reise

Böhmer: Wir sind dem Schutz des Welterbes besonders verpflichtet

Seit Sonntag tagt das UNESCO-Komitee in Bonn und bestimmt neue Welterbestätten. Doch die drohende Zerstörung Palmyras könnte die Konferenz überschatten. Maria Böhmer, Präsidentin der Tagung, im Interview.

Staatsministerin im Auswärtigen Amt Dr. Maria Böhmer

Staatsministerin Maria Böhmer ist die amtierende Vorsitzende des UNESCO-Welterbekomitees

DW: Während Sie die Bestimmung neuer Welterbestätten vorbereiten, droht einer alten der Untergang. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" hat die antike Oasenstadt Palmyra in Syrien vermint und wohl erste Grabmäler dort zerstört. Was kann die UNESCO der aktuellen Bedrohung durch Krieg und Terror entgegensetzen?

Maria Böhmer: Wir sind alle in großer Sorge, was Palmyra betrifft. Es ist nicht die erste Welterbestätte, die von Zerstörung durch "ISIS" bedroht ist und deshalb wissen wir, dass wir solche Drohungen sehr ernst nehmen müssen. Ich glaube alle, die in dieser Region zu Hause sind und die gesamte Welt müssen hier zusammenstehen und mit einer Stimme sprechen. Die religiöse Begründung des "IS" für die Zerstörung wird von keinem Staat der Welt akzeptiert. Es ist ein terroristischer Akt, ein Kriegsverbrechen. Ich hoffe, es kommt nicht dazu.

Stadt Palmyra, Copyright: Robert Harding World Imagery/C. Rennie

Die syrische Oasenstadt Palmyra gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe

Die Welterbeidee ist der Schutz und die Bewahrung herausragender Kulturgüter. Wird Palmyra jetzt dieses Gütesiegel zum Verhängnis? Zerstört der "IS" gezielt, was der UNESCO erhaltenswert erscheint?

Wir haben eine ähnliche Erfahrung machen müssen in Afghanistan, in Mali… leider immer wieder. Es ist eine Kriegsstrategie, die das kulturelle Gedächtnis von Menschen zerstören will. Man muss dagegen angehen. Das geht nicht immer militärisch. Es geht mit der Solidarität aller Staaten weltweit. Wir sind diesem Schutz des Welterbes ja besonders verpflichtet.

Was tut die UNESCO, um Welterbestätten zu schützen?

In Gebieten, die vom Terrorismus bedroht sind, stärken wir die Kräfte, die dafür sorgen, dass man Kulturgüter schützt. Beispielsweise arbeiten das Deutsche Archäologische Institut oder die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hier in Berlin mit Archäologen und Experten im Irak oder Syrien zusammen. Wir haben eine digitalisierte Aufnahme der Kulturgüter in Syrien vorangetrieben. Sollte es wirklich zu Zerstörungen kommen, können wir Hilfestellung geben bei der Wiederherstellung. Das trifft auch dort zu, wo Naturkatastrophen Welterbestätten zerstört haben. Wir sind nicht hilflos, wir können etwas tun. Und das müssen wir auch.

Speicherstadt Hamburg, Copyright: dpa/Kay Nietfeld

Wahrscheinlich das 40. deutsche Welterbe: die Hamburger Speicherstadt

36 Anwärter möchten dieses Jahr Welterbestätten werden. Darunter die Speicherstadt in Hamburg und der Naumburger Dom. Haben die es in diesem Jahr besonders leicht, weil die Tagung in Deutschland stattfindet?

Das ist vielleicht die erste Reaktion, die man hat. Jetzt muss man aber schauen, wie die Regeln aussehen, auch wenn sie teilweise ungeschrieben sind. Für mich als Präsidentin bedeutet es beispielsweise, dass ich in dem Moment, wenn die deutschen Bewerbungen anstehen, nicht als Präsidentin fungieren werde. Ich werde dann meiner Stellvertreterin die Leitung der Sitzung übertragen. Aber ich darf Ihnen sagen: Ich bin guten Mutes, dass wir eine 40. Welterbestätte in Deutschland erreichen werden.

Das Bewerbungsverfahren für die Welterbestätten ist sehr anspruchsvoll. Warum nehmen die Kandidaten das auf sich?

Zum einen glaube ich, verbindet sich damit ein großer Stolz. Man kann das Erbe, die Schätze, die man in seiner Stadt oder seiner Region hat, zeigen. Sie alle sind wirklich von außergewöhnlichem, universellem Wert. So lautet die Definition von Welterbe. Und das heißt, dass man dann zu dem Kreis derjenigen zählt, die in der Welterbestätteliste eingetragen sind und damit zum Erbe der Menschheit. Es ist dann nicht mehr nur ein kultureller Schatz oder ein Naturschatz einer Region oder eines Landes - sei es Sachsen-Anhalt oder Deutschland - sondern es findet weltweit Beachtung. Das zweite Moment ist sicherlich, dass Welterbestätten Identifikationsmöglichkeiten sind. Sie stiften Identität. Und sie verbinden auch weit über Grenzen hinaus. Und das dritte Moment, und das wird uns auch immer wieder als Erfahrung mitgeteilt, ist der große Reiz, eine solche Welterbestätte zu besuchen. Damit ist es ein touristischer Anziehungspunkt. Das kann sich auch wirtschaftlich auswirken. Aber ich würde dieses Argument erst an dritter Stelle bringen. Die anderen beiden sind die entscheidenden.

Beim Aufwand der Verfahren sind die armen Länder nicht benachteiligt?

Ich finde, mittlerweile ist der Aufwand wirklich enorm und das bedeutet auch für diejenigen, die finanziell nicht so gut ausgestattet sind oder auch nicht über den Erfahrungsschatz verfügen, dass sie nicht ganz so gute Karten haben. Das ist aber eine Herausforderung für uns alle. Wir, die wir über das entsprechende Wissen und die finanziellen Möglichkeiten verfügen, sollten diesen Ländern Unterstützung geben. Das geschieht ja auch in der Realität, so dass sich Partner zusammenfinden. Deutschland praktiziert das, und ich glaube, damit geben wir auch ein gutes Beispiel, was wir durchaus auch in Bonn noch einmal in den Vordergrund rücken sollten.

Das Interview führte Christian Hoffmann.

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