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Europa

Auslaufmodell Bankgeheimnis auch in der Schweiz?

Der Europäischen Union gehen pro Jahr eine Billion Euro durch Steuerflucht verloren. Ein Großteil des Geldes wird in der Schweiz vermutet. Doch das Nicht-EU-Land hält (noch) an seinem Bankgeheimnis fest.

A safe box is pictured at the safe room of the Zuercher Kantonalbank (ZKB) at the Bahnhofstrasse in Zurich January 19, 2009. Picture taken January 19, 2009. To match Special Report SWISS-BANKS/ REUTERS/Christian Hartmann/Files (SWITZERLAND - Tags: BUSINESS)

Symbolbild Bank Schließfach Bankgeschäfte

Seit mehr als zwei Jahrhunderten ist Genf eines der weltweit führenden Zentren zur Verwaltung von Reichtum. In den Straßen reiht sich eine Bank an die nächste. Geld - und vor allem der diskrete und vertrauenswürdige Umgang damit - hat die Stadt erfolgreich gemacht.

Die Staatschefs Pedro Passos Coelho (Portugal), Dalia Grybauskaite (Litauen), Angela Merkel (Deutschland), Francois Hollande (Frankreich), Jyrki Katainen (Finnland) und EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (Foto: picture alliance / dpa)

EU-Staatschefs kämpfen gegen Steuerflucht

Ursprünglich sollte mit dem Bankgeheimnis lediglich die Privatsphäre der Kunden geschützt werden. Mittlerweile ist es jedoch nach Ansicht der Nachbarländer ein Instrument, um fremde Steuergelder in Milliardenhöhe auf Schweizer Konten anzuhäufen.

"Jedes Jahr entgeht den EU-Staaten etwa eine Billion Euro durch Steuerflucht und Steuerhinterziehung", sagt EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy. "Das ist hundertmal mehr als der Kredit, den wir vor kurzem Zypern gewährt haben."

Die meisten Nachbarn der Eidgenossen sind verärgert, dass offenbar jeder, der Geld verstecken will - französische Politiker genauso wie deutsche Fußballmanager - auch in Schweizer Banken ein Schließfach dafür findet. Die Europäische Union und die Vereinigten Staaten fordern einen automatischen Austausch der Bankdaten - das komplette Gegenteil vom Bankgeheimnis.

Strafe für Erfolg?

Schweizer Parlamentarier sind entsetzt. "Es scheint heute überall in der Welt in Mode zu sein, böse Worte über die Schweizer und ihre Banken zu sagen", klagt Yves Nidegger von der rechtspopulistischen Schweizer Volkspartei (SVP). Er glaubt, dass sein Land für den wirtschaftlichen Erfolg bestraft wird: "Schweizer Banken verwalten ein Viertel des weltweiten Vermögens. Das ist nach Ansicht von London, New York und Brüssel offenbar zu viel für ein so kleines Land. Deshalb haben sie uns den Krieg erklärt."

Auch Genfer Bankiers fühlen sich belagert, doch manche zeigen sich verhandlungsbereit: "Es ist klar, dass wir mit unseren Nachbarn keinen Krieg über diese Themen führen dürfen", sagt Michel Derobert im Gespräch mit der DW. Der Vorsitzende der Vereinigung Schweizer Privatbanken ist überzeugt, dass das Problem nur gemeinsam mit der Europäischen Union gelöst werden kann.

Stadtansicht von Genf mit der Fontäne im Genfer See (Foto: ddp images/AP Photo/Anja Niedringhaus)

Genf ist berühmt für seine Fontäne - wie lange noch für seine Banken?

Allerdings besteht in der Schweiz Uneinigkeit über die Frage, wie eine Lösung aussehen könnte. Laut einer aktuellen Umfrage spricht sich die Hälfte der Bevölkerung für ein Ende des Bankgeheimnisses aus. "Das Bankgeheimnis steht vor dem Ende", bestätigt auch der Jurist Philippe Mastronardi.

Im DW-Interview zeigt auch er sich überzeugt, dass es für die Schweiz unvermeidbar sei, sich früher oder später vom Bankgeheimnis zu verabschieden: "Es kommt immer mehr Bewegung in die Diskussion. Und alles bewegt sich auf einen automatischen Austausch von Bankdaten zu." Außerdem habe die Schweiz als kleine Nation kaum Möglichkeiten, seinen Standpunkt anderen Ländern aufzuzwingen, so der Rechtsexperte.

Eine gespaltene Nation

Die andere Hälfte der Schweizer will das Bankgeheimnis jedoch behalten. Die politische Diskussion darüber heizt sich immer mehr auf. Yves Nidegger ist nicht zu einem Einlenken bereit. Seiner Ansicht nach hat die Schweiz noch einige Trümpfe im Ärmel: zum Beispiel, dass es für die griechischen Staatsschulden bürgen könnte. "Wir sind die Einzigen, die dazu in der Lage sind. Die griechische Staatsbank bekäme das Gütesiegel AAA, wäre wieder marktfähig und unsere Garantie würde so lange aufrecht erhalten, wie unser Bankgeheimnis respektiert wird." Auf diese Weise könnte die Schweiz zeigen, dass sie nicht nur eigennützig agiere, ohne anderen zu helfen, so Nidegger. "Wir wollen kooperieren, aber wir wollen dafür auch respektiert werden."

Bankenviertel in Genf (Foto: Picture-Alliance/KEYSTON)

Schweizer Banken sollen ihr Geheimnis lüften

Die Schweiz mag zwar genug Geld haben, um für das griechische Staatsdefizit bürgen zu können, aber es ist unwahrscheinlich, dass sie es als Gegenleistung für das Privileg des Bankgeheimnisses wirklich tut. Denn angesichts des wachsenden Drucks beginnen auch die Schweizer Geldexperten damit, das einst Undenkbare zu akzeptieren: "Die gesamte Welt bewegt sich auf einen gemeinsamen Standard zu", so Michel Derobert. "Und es ist uns klar, dass wir uns dem nur schwer werden verweigern können, wenn es dazu kommt."

Deshalb werden die Banken in Genf, Zürich und der gesamten Schweiz neue, offenere Wege finden müssen, ihre Geschäfte zu führen. Denn wie es scheint, sind anonyme Nummernkonten nicht mehr aktuell und die Tage des Bankgeheimnisses gezählt.

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