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Welt

Ausharren im belagerten Kobane

Seit mehr als drei Monaten tobt der Kampf um Kobane. Kurdische Kämpfer verteidigen die syrische Grenzstadt gegen die Belagerung der IS - ein gefährliches Unterfangen. Hermione Gee hat sich in Kobane umgeschaut.

Am Stadtrand von Kobane steht ein Kämpfer der Kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) Wache, und späht trotz der in diesen Kriegstagen fast völlig verdunkelten Stadt in die Nacht.

"Da drüben sind die Kämpfer des IS", meint er und zeigt nach Süden. "Nicht mal einen Kilometer entfernt."

Der Mann verbirgt seine Zigarette in der hohlen Hand ,damit gegnerische Scharfschützen die glühende Spitze nicht sehen. Die Luftschläge der internationalen Koalition, erklärt er, habe der YPG eine dringend benötigte Atempause gegeben - gerade noch rechtzeitig.

"Wir hatten noch Munition für ein, zwei Tage als die Luftangriffe anfingen", räumt er ein.

Bis zu dem Tag Anfang Oktober hatte die YPG die IS-Miliz allein bekämpft, 45 Tage lang. Die Islamisten waren waffentechnisch und zahlenmäßig überlegen, die Türkei verhinderte den Nachschub weiterer kurdischer Kämpfer über die Grenze: niemand glaubte, dass die Stadt standhalten würde.

Kobane, zerstörte Häuser und Kämpfer

Kobane, Dezember 2014: Eine wehrhafte Geisterstadt

"Die Tapferkeit und der Mut unserer Einheiten haben den "IS" aufgehalten", ist sich Anwar Muslim sicher. Dann begannen die Luftschläge, die kurdischen Peschmerga aus dem Nordirak boten ihre Unterstützung an, und das habe den YPG-Kämpfern einen Schub gegeben, so der Chef der Regionalregierung von Kobane weiter. "Praktisch und psychologisch gesehen ist der [IS] jetzt vernichtet."

Vorsichtiger Optimismus

Bei den Einwohnern von Kobane macht sich angesichts der anhaltenden Erfolge der YPG vorsichtiger Optimismus breit. Mitte Dezember kontrollierten die Kurdischen Volksschutzeinheiten bereits 70 Prozent der Stadt, meldet Kobanes Verteidigungsminister Ismat Sheikh Hasan.

"Die Luftangriffe haben IS-Ziele in Kobane getroffen, und sie nehmen auch die anrückende Verstärkung ins Visier", meint er. "Letztlich ist es egal, wie heftig sie aus der Luft bombardiert werden, ohne Bodentruppen würde sich nichts ändern." Um die Islamisten zu besiegen brauche die YPG allerdings mehr schwere Waffen, auch müsse es mehr Luftangriffe auf die Nachschubwege des IS geben, mahnt Hasan.

Anwar Muslim ist dennoch zuversichtlich. "Wir werden es schaffen", prophezeit er. Der IS könne Kobane nicht mehr kontrollieren, diese Schlacht werde man gewinnen. "Aber wir müssen Geduld haben."

Harte Lebensumstände

Letfiya Aberkali Zelema kauert an einem kleinen Lagerfeuer vor ihrem Haus im Westen der Stadt. "Wir haben keine Heizung und kein Brennmaterial", erklärt die 30-jährige. "Wir müssen draußen über einem Feuer kochen."

Kobane, Frauen am Lagerfeuer

Letfiya und ihre Familie wärmen sich so gut es geht an dem kleinen Lagerfeuer

Die junge Frau ist nur eine von hunderten von Zivilisten, die in Kobane ausharren. Tausende flohen über die Grenze in die Türkei als die Kämpfe ausbrachen, aber Letfiyas Familie beschloss zu bleiben.

"Wir wollen nicht weggehen", sagt sie. "Was sollten wir auch in einem anderen Land? In der Türkei behandelt man uns wie Zigeuner. Das hier ist unser Land, warum sollten wir es verlassen? Es wäre besser, hier zu sterben."

Geschäfte gibt es in Kobane zwar nicht mehr, aber die örtlichen, von der kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) geleiteten Behörden organisieren täglich die Ausgabe von Lebensmitteln, Kleidung und Medikamente an die Einwohner. Selbst die Müllabfuhr funktioniert noch: in der einen Hand eine Schaufel, das Gewehr umgehängt, wirft der Müllfahrer die Abfallsäcke auf einen kleinen Laster.

Neben der Sorge um Brennmaterial gelte ihre größte Sorge ihren fünf Kindern, sagt Letfiya. Das jüngste ist erst 18 Monate alt, das älteste 12. "Sie haben Angst. Wir versuchen, ihnen zu erklären, dass alles in Ordnung ist, aber wenn sie eine Granate hören, bekommen sie Angst."

Aber heute laufen die Kinder lachend auf dem kargen Stück Land vor dem Haus umher, sie fahren abwechselnd mit einem kleinen Fahrrad, und kommen nur ab und zu ans Feuer, um sich zu wärmen. Sie lassen sich in ihrem Spiel nicht von nahen Granateinschlägen und dem Geknatter von Geschützfeuer stören.

"Irgendwie haben wir uns daran gewöhnt", stellt Letfiya fest. "Seit Monaten sieht unser Leben so aus."

Kämpfende Familien

Während Letfiya sich um ihre Familie kümmert, beteiligen sich die meisten Zivilisten aktiv am Kampf.

"In den drei Jahren haben unsere Leute, selbst die kleinen Kinder, kämpfen gelernt", meint Ahmed Ismael. "Jeder hat gelernt, wie man mit einer Waffe umgeht." Vor vier Monaten schloss sich der 22-jährige Schreiner der Widerstandsbewegung an.

Von seiner Basis in einem kleinen Haus in der mittlerweile zerstörten Marktgegend Kobanes bringt er den Kämpfern an der Front Essen und Munition, oder transportiert verletzte Soldaten ins Krankenhaus.

Die Mitglieder der örtlichen Widerstandsgruppe haben Löcher in die Wände der Reihenhäuser geschlagen, um sich im Schutz der Gebäude sicherer durch die Stadt bewegen zu können. Manche Straßen sind mit großen Laken zugehängt, um die Menschen vor den nahen IS-Scharfschützen abzuschirmen.

"Wir kämpfen um unsere Freiheit", sagt er. "Wir kämpfen, damit wir wieder ein normales Leben führen können."

Kobane, Frau in schlammigem Gelände

Die Bürger von Kobane lassen sich nicht vom IS vertreiben

Mahmoud Salih, 50, und seine Frau Khadija Yusef, 40, sind auch in Kobane geblieben. Zunächst wollten auch sie in die nahe Türkei fliehen, kehrten aber um.

Kleine Stadt, großes Herz

"Als wir in die Nähe der Grenze kamen, war die Gegend unter IS-Beschuss, und die türkische Armee rührte sich nicht." Also hätten sie beschlossen, es sei ehrenvoller zurückzukehren, erzählt Mahmoud. Er sitzt auf dem Bürgersteig vor seinem Haus und kocht für sich und die Nachbarn Tee auf einem Gaskocher. Von Geburt an körperbehindert, kann Mahmoud nicht ohne Hilfe gehen.

Seine Frau habe er gebeten, in die Türkei zu gehen, damit sie in Sicherheit sei. Aber sie sei bei ihm geblieben: "Wenn Du stirbst, sterbe ich mit Dir", habe sie gesagt. "Der IS hat schon zu viele Leben zerstört.'"

"Es ist schwierig, aber wir kommen zurecht", erklärt Mahmoud. "Kobane mag eine kleine Stadt sein, aber wir haben ein großes Herz."

Im Laufe der Wochen hat die Stadt einen grimmigen, mühsam erkämpften Stolz entwickelt.

Nur in Kobane hätten sich die Menschen nicht dem IS ergeben wollten, meint Anwar Muslim. "Wir werden kämpfen, haben die Leute gesagt, und viele wurden zu Flüchtlingen, aber wir weigern uns, mit dem IS und seiner Ideologie zu leben." Sie hätten gezeigt, so der Verwaltungschef von Kobane, dass der IS besiegt werden kann, wenn die Menschen kämpfen und sich widersetzen.

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