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Russland

Aus für St. Petersburger Europa-Universität?

Die Studenten der Europäischen Universität Sankt Petersburg machen sich Sorgen über ihre Zukunft. Vor kurzem wurde der Hochschule die Lizenz entzogen. Was sind die Gründe für das Vorgehen der Behörden?

Erst um 10 Uhr öffnet die Europäische Universität Sankt Petersburg ihre Türen, ein Traum für viele Studenten. Am Eingang muss man im Gegensatz zu anderen Bildungseinrichtungen der Stadt an der Newa keinen Ausweis vorzeigen. Man wird nicht gefragt, warum man gekommen ist und wohin man will. Doch nach der Entscheidung des Petersburger Schiedsgerichts vom 20. März, der Universität die Lizenz zu entziehen, wissen die rund 200 Studenten nicht, wie es mit ihnen weitergehen soll und ob sie ihr Studium überhaupt abschließen können.

Die 1994 gegründete Europäische Universität nahm mit Unterstützung der Stadt Sankt Petersburg 1996 als Graduiertenschule in Sozial- und Geisteswissenschaften ihren Betrieb auf. Die Universität ist eine von wenigen russischen nichtstaatlichen Hochschulen, die vom Bildungsministerium des Landes die Berechtigung bekommen hat, Abschlüsse zu verleihen. In den letzten 20 Jahren hat sich die Universität einen guten internationalen Ruf erworben.

Studenten sind verunsichert

Viele Studenten der Universität wollen nicht mehr auf Fragen von Journalisten antworten. Manche haben Angst, andere sind es einfach nur leid, denn in Medienberichten wurden Äußerungen von Studenten oft verdreht. Der Doktorand Dmitrij Schukow beeilt sich zu einem Seminar. "Ich befasse mich mit der Problematisierung des Begriffs Terrorismus im Zusammenhang mit der Hegel-Rezeption der Periode der Terrorherrschaft in Frankreich", sagt er kurz und fügt hinzu, er wisse nicht, wo er in Russland zu diesem Thema weiter forschen könne, sollte die Europäische Universität Sankt Petersburg geschlossen werden.

Russland - Europäische Universität in Sankt-Petersburg: Stimmung vor der Schließung (DW/W. Ryabko)

Angelina Schukowa fürchtet um ihre Forschungsarbeit an der Europäischen Universität

Die Doktorandin Angelina Schukowa kann einfach nicht glauben, dass es im Streit um die Lizenz der Universität so weit gekommen ist. "Ich weiß nicht, was hinter den Kulissen passiert. Es gibt nur Gerüchte, keine Informationen. Ich mache mir weniger Sorgen um meinen Abschluss als um meine Forschungsarbeit, die von der Europa-Universität unterstützt wird", sagt sie. Angelina hat sich auf die Entwicklung von Kindern in der heutigen Zeit von Smartphones und Tablets spezialisiert. Sie bekommt ein Stipendium von der Universität. "Früher war mir gar nicht bewusst, wie wertvoll das ist, was ich verlieren könnte", stellt sie fest.

Kontrollen der Behörden

Die Probleme bei der Europäischen Universität Sankt Petersburg begannen mit Prüfungen verschiedener Behörden. So führte im Herbst 2016 das Petersburger Liegenschaftsamt mehrere außerplanmäßige Kontrollen durch, wobei insgesamt 120 Verstöße festgestellt wurden. Unter anderem seien im Gebäude ohne Genehmigung marode Fensterrahmen ausgetauscht und mehrere Wände eingezogen worden. Die Behörden bemängelten auch einen fehlenden Fitnessraum und fehlende Informationsstände gegen Alkoholismus. Das Liegenschaftsamt reichte beim Petersburger Schiedsgericht Klage ein und forderte die Aufhebung des Mietvertrages und die Räumung des Gebäudes - mit der Begründung, die Universität habe die Vertragsbedingungen in puncto Nutzung und Denkmalschutz missachtet.

Russland Europäische Universität in St. Petersburg (DW/W. Ryabko)

Das Gebäude der Universität ist als Palais der Fürstin Jekaterina Dolgorukowa bekannt

Im Dezember 2016 setzte der "Russische Föderale Dienst für die Überwachung des Verbraucherschutzes und das Wohlergehen der Menschen" (Rospotrebnadsor) die Lizenz für die Universität aus. Daraufhin wandte sich die Hochschulleitung an Präsident Wladimir Putin. Eine Woche später stoppte das Moskauer Schiedsgericht die Aussetzung der Lizenz. Doch am 20. März entzog das Schiedsgericht von Sankt Petersburg die Lizenz gänzlich. Über die Gründe wird viel spekuliert. Vermutet wird, dass Investoren Interesse an dem Gebäude haben.

"Studenten helfen ihrer Uni"

"Innerhalb eines Monats können wir Berufung einlegen. Sollte ihr nicht stattgegeben werden, was wir uns gar nicht erst vorstellen wollen, dann werden wir eine neue Lizenz beantragen müssen", sagt Alla Samoletowa, die das Büro des Rektors leitet. Das Lizenzverfahren würde zur Folge haben, dass der Lehrbetrieb eingestellt werden müsste. "Für die Doktoranden sind schon Examina geplant. Sie müssen ihre Doktorarbeiten verteidigen. Es ist eine Situation, in der sie kurz vor dem Ziel plötzlich alles ändern müssen", klagt Samoletowa.

Russland - Europäische Universität in Sankt-Petersburg: Stimmung vor der Schließung (DW/W. Ryabko)

Julia Jeremenko: Die Studenten arbeiten selbständig an ihrem Studium weiter

Julia Jeremenko, Leiterin der Studentenvertretung an der Europäischen Universität, betont, dass die Studenten ihrer Hochschule helfen und ihre Forschungsarbeiten fortsetzen wollen. "Für sie bedeutet eine Einstellung des Lehrbetriebs nicht, dass sie ihre wissenschaftliche Tätigkeit beenden", sagt sie. Als im Dezember schon einmal die Lizenz ausgesetzt wurde, seien die Studenten trotzdem zur Universität gekommen und hätten selbstständig in der Bibliothek und in den Seminarräumen gearbeitet. Im Falle einer völligen Schließung der Uni würde das natürlich nicht mehr möglich sein.

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