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Deutschland

Auf einen Kaffee mit zwei "Salafisten"

Der Verfassungsschutz warnt vor einer sich radikalisierenden Salafistenszene in Deutschland. Das Rheinland und insbesondere Bonn gilt als eine ihrer Hochburgen. Eine Spurensuche in der ehemaligen Bundeshauptstadt.

Ein Mann hält ein Buch mit der Aufschrift Koran in den Händen, aufgenommen am 08.10.2010 auf der Buchmesse in Frankfurt am Main. Foto: Arno Burgi

Deutschland Mann mit Koran

Eine Bonner Tankstelle, junge Männer in schlabbrigen Trainingsanzügen lungern hier herum, es nieselt: der Treffpunkt für das Interview mit den zwei salafistischen Predigern. Eine Minute nach 17 Uhr erscheint ein einzelner Mann, um mich in Empfang zu nehmen.

"Ja, wir sind radikal." Der Mann lächelt. Er, Anfang 20, glatt rasiert, fügt nach einer kurzen Kunstpause hinzu: "Also, radikal pünktlich." Aus dem Lächeln wird ein Grinsen. Die Hand reicht er nicht, "das müssen Sie verstehen." In westlichen Ländern jemandem nicht die Hand zu reichen, gilt eigentlich als Affront. Doch seine strenge Auslegung des Korans verbietet es ihm, mir, einer Frau, die Hand zu geben.

Der Mann erklärt, dass er das Gespräch mit den Predigern filmen wird. "Für Dich ist es sicherer, für uns ist es sicherer. Aber du willst wahrscheinlich nicht aufs Bild, oder?" Die beiden Prediger, die sehr wohl aufs Bild sollen, sitzen in einem kleinen Café gegenüber von der Tankstelle. Wir gehen rüber. Aus einem Lautsprecher trällert türkische Musik. Der Ältere, Ibrahim Abu Nagie, rührt in seinem Kaffee, der Jüngere, Abu Dujana, spielt mit seinem weißen iPhone. Sie grüßen freundlich und winken die Bedienung heran: "Schwester, noch einen Kaffee, bitte."

Zurückbesinnung auf den "ursprünglichen" Islam

Die beiden sind "salafistische Prediger, die gefährlich sind" – das hat ein Sprecher des Verfassungsschutzes Nordrhein-Westfalen mir im Vorfeld des Gesprächs gesagt. Ein Experte der Universität Osnabrück hat das relativiert: Ultraorthodox ja, aber gefährlich? "Nicht unbedingt", sagt Elkaham Sukhni. Er ist Doktorand am Osnabrücker Institut für Islamische Theologie. Salafismus sei eine sehr konservative Strömung, die sich auf den frühen Islam zurückbesinnt - aus der Zeit also von Prophet Mohammed und den Altvorderen. "Spätere Rechtsurteile und Auslegungen werden von den Salafisten abgelehnt."

Prediger Abu Dujana aus Bonn; Copyright: privat

Dujana: "Jetzt gleich werden Sie nach der Scharia fragen"

"Der wahre Islam", so nennt es der Bonner Prediger Ibrahim Abu Nagie. Sich selbst bezeichnet er einfach nur als Muslim. Salafist will er nicht genannt werden: Das sei ein Begriff, der von den Medien und der Politik benutzt werde, um die Muslime zu spalten. Der andere Prediger, Abu Dujana, spricht von einer "geplanten Hetze" durch Medien und Politik. "Zionistische Berater" hätten der Regierung dazu geraten, ergänzt Abu Nagie und lächelt. Er ist mit 18 aus Gaza nach Deutschland gekommen. In Gaza, sagt er, habe er von Deutschland geträumt: von der Technik, der Disziplin.

"Jetzt gleich werden Sie nach der Scharia fragen", sagt Abu Dujana. Er streicht über seinen langen schwarzen Bart, der auch zu einem kubanischen Guerillero gehören könnte. Er ist eloquent, schließlich ist er gebildet, eingeschriebener Student, wie er betont. Natürlich hätte er gerne die Scharia in Deutschland, aber das sei nicht möglich. Noch nicht. Bei der Scharia, da würde einem nicht gleich einfach so die Hand abgehackt, es gebe Regeln und Rechtsexperten.

"Wir betrachten das mit Sorge"

Nach aktuellen Schätzungen des Verfassungsschutzes gibt es 3800 Salafisten in Deutschland, davon etwa 1000 im Rheinland, Tendenz steigend. Nur eine Minderheit befürworte Gewalt, aber der Übergang vom politischen zum dschihadistischen, also gewaltbereiten Salafismus ist nach Auffassung des Verfassungsschutzes fließend. "Wir betrachten das mit Sorge", heißt es deshalb bei den nordrhein-westfälischen Verfassungsschützern.

Gewaltbereite Salafisten seien eine "Minderheit innerhalb der Minderheit", betont Islam-Experte Elhakam Sukhni. Von den drei Gruppierungen im Salafismus sei diese Gruppe bei weitem die kleinste. Daneben gebe es noch die Ultraorthodoxen: "Die Frauen tragen Gesichtsschleier, die Männer lange Gewänder". Sie würden - laut Sukhni - kaum in Erscheinung treten, da sie zurückgezogen in einer Parallelgesellschaft lebten. Und schließlich die Gruppierung um Abu Nagie und Abu Dujana, "die in letzter Zeit so stark auffallen, wegen ihrer Missionierungsbestrebungen."

Ein Mitgliedeiner salafistischen Gemeinschaft verteilt kostenlose Exemplare des Korans. Foto: Daniel Kopatsch/dapd

Die Gruppe ist durch die Verteilung von kostenlosen Koranen bekannt geworden

Abu Nagie und Abu Dujana haben sich in einer Moschee in Frechen bei Köln kennengelernt. Seit acht Jahren sind sie auf Missionskurs. Sie nennen das "da'wa", eine Einladung zum Islam. Ibrahim Abu Nagie spricht auch von "Marketing" oder "Nächstenliebe". Zunächst hätten sie Predigten auf CDs verteilt, später auch ins Internet hochgeladen, Korane verschenkt sowie Seminare gegeben - und viel Zulauf bekommen.

Der Islam-Experte Sukhni hat diesen Trend ebenfalls beobachtet: "Da wurde zum ersten Mal auf Deutsch gepredigt, in einer einfachen und verständlichen Sprache, das war natürlich attraktiv."

Ibrahim Abu Nagie erzählt von seiner Telefon-Seelsorge. Täglich würden ihn junge Leute anrufen, manchmal 200 am Tag. Etwa verzweifelte muslimische Schülerinnen, die nicht am Schwimmunterricht teilnehmen wollen. Ihnen rate er, dem Schuldirektor einen Koran zu schenken und geduldig zu sein.

Für junge Menschen attraktiv

Warum ist der Salafismus gerade für junge Leute offenbar sehr attraktiv? Ich klettere eine düstere Treppe in einer unscheinbaren Bonner Hinterhofmoschee hoch, um Antworten zu finden. Eine Schülerin, die dort mit einer Freundin plaudert, steht auf und streckt ihre Hand aus. Händeschütteln unter Frauen ist auch bei Salafisten kein Problem. "Bist du Konvertitin?", fragt sie mich. Sie lächelt sanft. Abgenutzte, ausgeblichene Gebetsteppiche bilden ein Art Mosaik auf dem Boden. Durch das schlecht isolierte Fenster dringen Winterkälte und der Lärm der vorbeirauschenden Autos.

"So Gott will, wird sie die wahre Religion erkennen", raunt eine ältere Frau der Jüngeren auf Arabisch zu und deutet mit dem Kinn auf mich. Die junge Frau nickt, "so Gott will". Der schwarze Stoff, der ihren Körper umhüllt, lässt sie älter erscheinen. Es störe sie nicht, dass die Menschen sie anstarren, dass sie manchmal Probleme in der Schule habe. Allah werde ihr später alle Mühen zurückzahlen, sagt die Schülerin.

"Es sind vor allem Jugendliche, zwischen 15 und 20 Jahren, die sich vom Salafismus mitreißen lassen", so Islam-Experte Sukhni. Sie würden dann oft die absolute Wahrheit für sich beanspruchen. Natürlich bestünde die Gefahr, dass eine winzige Minderheit unter ihnen auch Gewalt befürworte. "Selbstradikalisierung über das Internet", so nennt es Sukhni, wenn junge Menschen über Youtube sich von extremistischen Botschaften, etwa von Al Kaida, mitreißen lassen. Abu Nagie und Abu Dujana würden nicht zur Gewalt aufrufen. Man könne ihnen vielleicht höchstens vorwerfen, dass sie nicht klar genug Stellung dagegen beziehen.

Polizisten bei einer Protestkundgebung gegen eine Wahlkampfveranstaltung der Partei Pro NRW Foto: Henning Kaiser dpa/lnw

Ausschreitungen zwischen Pro-NRW und Salafisten in Bonn

Die Frage nach der Gewalt

Ganz in diesem Sinne geben sich die beiden Bonner Prediger, mit denen ich mich zum Kaffee treffe. Wenn sie merken würden, dass Jugendliche sich für Gewalt interessierten, dann würden sie natürlich mit ihnen reden, sagt Abu Dujana und streicht wieder über seinen Bart. "Das ist kein Tabuthema." Oft aber würden die jungen Menschen, "die so weit fortgeschritten sind", gar nicht zu ihnen kommen.

Vor der Demonstration der rechten Gruppierung "Pro NRW" im Mai vergangenen Jahres, die bewusst mit Karikaturen vom Propheten Mohammed auf Provokation aus war, sei er in die Moscheen gefahren. "Ich habe den Leuten gesagt: Geht nicht raus, lasst euch nicht provozieren." Dennoch gingen damals viele Salafisten in Bonn auf die Straße, um zu demonstrieren. Dabei kam es dann zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Ein Polizist wurde von mutmaßlichen Salafisten niedergestochen und kam schwerverletzt ins Krankenhaus.

"Natürlich gibt es schwarze Schafe", sagt Abu Dujana. In die Stimme schleicht sich ein Hauch Ärger. Jedes Wochenende, beim Fußballspiel oder bei einer Demo von Linken, gäbe es doch auch Gewalt. Aber auf ihnen würden alle immer herumhacken. Er verstehe nicht, warum die Politik sich stattdessen nicht einfach mal mit ihnen an einen Tisch setze, "mit uns redet". Ibrahim Abu Nagie schüttelt den Kopf, nein, er werde sich nicht mit Politikern treffen - nicht einmal mit Angela Merkel. "Außer, sie will zum Islam konvertieren." Die anderen lachen.

Abu Dujana reicht einen Koran über den Tisch: "Für Sie, extra laminiert." Abu Nagie lächelt: "Dass ich Ihnen jetzt Allahs Botschaft ans Herz lege, das ist meine größte Freude." Er zeigt auf sein iPhone: Der Verfassungsschutz höre immer mit, sagt er. Das störe ihn nicht, im Gegenteil: "Das macht richtig Spaß!“. 'Oft rede er mit seinem Handy über Allahs Liebe und meint die Beamten, die mithören. Bestimmt, ist er überzeugt, seien einige bereits zum Islam konvertiert.

Ob ich nicht noch ein paar Korane in der Redaktion verteilen wolle, fragt Abu Nagie zum Abschied. Er habe noch ein paar Exemplare im Auto, die solle ich ruhig mitnehmen.

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