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Deutschland

Auf der Jagd nach Kriegsverbrechern

Noch immer sind längst nicht alle Verbrechen aufgeklärt, die unter der Herrschaft des faschistischen Deutschland in Europa begangen wurden. Und noch immer leben viele der Täter unerkannt und unbehelligt unter uns.

Regalreihen im Ludwigsburger Archiv (Foto: AP)

Täter und Opfer zwischen Aktendeckeln - in den Regalen der "Zentralstelle" sind Millionen Schicksale archiviert

Um Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufzuklären, die in den Jahren von 1933 bis 1945 begangen wurden, hat die damalige Bundesregierung 1958 eine Behörde geschaffen. Die "Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen" wurde in Ludwigsburg, in der Nähe von Stuttgart angesiedelt. Ihre Aufgabe bestand darin, Beweismaterial zu sammeln und es den zuständigen Staatsanwaltschaften zu übergeben.

Erwin Schüle war acht Jahre lang der erste Leiter der sogenannten Ludwigsburger Zentralstelle. Für ihn hatte die Arbeit seiner Behörde eine wichtige grundsätzliche Bedeutung. Ein Rechtsstaat wie die Bundesrepublik müsse das Unrecht des NS-Regimes so lange verfolgen, wie er der Täter habhaft werden kann. Oder, wie er sagte, "die Hauptverantwortlichen, soweit sie noch leben und verfolgbar sind, zur Verantwortung zu ziehen".

Unselige Verstrickungen

Amtsleiter Schüle selbst musste 1966 allerdings zurücktreten, nachdem bekannt geworden war, dass auch er Mitglied der NSDAP und der SA gewesen war. Die Zentralstelle hatte sich eigentlich darauf beschränken sollen, jene Verbrechen aufzuklären, die in Konzentrationslagern und Ghettos von Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes begangen worden waren.

Auf eigene Initiative untersuchte man dort aber auch Vorwürfe gegen Angehörige der Wehrmacht. Das waren mehr als 1000 Fälle, die aber nie zu einer Anklageerhebung geführt haben. Der ehemalige Amtsleiter Alfred Streim sagte dazu, die Wehrmachtsverbrechen seien "insbesondere aus politischen Gründen" nicht verfolgt worden. Insgesamt gilt für die Arbeit der Ludwigsburger Behörde, dass rund sechs Prozent der Ermittlungen zu Prozessen führten, an deren Ende eine Verurteilung stand.

Schienenweg vor dem Konzentrationslager Auschwitz (Quelle: AP)

Auschwitz Birkenau - die Konzentrationslager des NS-Regimes waren der Schauplatz millionenfachen Mordes

Es waren aber nicht immer politische Gründe, die die Aufklärung von Nazi-Unrecht verhinderten. Auch die deutsche Justiz selbst schlug oft genug Verfahren gegen NS-Verbrecher nieder. Die sogenannte Entnazifizierung hatte in den Reihen deutscher Richter und Staatsanwälte nicht oder nur unzureichend funktioniert. So saßen dort an vielen Stellen Juristen, die auch unter dem Unrechtsregime der Nationalsozialisten gearbeitet hatten. Für viele von ihnen galt, dass das, was gestern Recht gewesen sei, heute nicht unrecht sein dürfte. Aus diesem Grund sind über Jahrzehnte hinweg viele Ermittlungen nur schleppend verlaufen oder gar eingestellt worden.

Private Nazi-Jäger

Neben den offiziellen Stellen haben sich auch immer Privatpersonen der Aufgabe gestellt, Nazi-Verbrecher ihrer Strafe zuzuführen - wie der Wiener Student Andreas Forster. Er hatte im Rahmen eines Forschungspraktikums ein Verbrechen im österreichischen Burgenland untersucht. Kurz vor Kriegsende hatten dort SS-Männer 60 jüdische Zwangsarbeiter erschossen. Durch Recherchen in der Fachliteratur, in Gerichtsakten und Telefonbüchern gelang es ihm, einen mutmaßlichen Täter ausfindig zu machen. Mehr als 60 Jahre lang lebte der inzwischen 89-jährige Mann unbehelligt im Ruhrgebiet, jetzt wird gegen ihn ermittelt.

Er war einer der hartnäckigsten Verfolger untergetauchter NS-Verbrecher: Simon Wiesenthal (Foto: DPA)

Er war einer der hartnäckigsten Verfolger untergetauchter NS-Verbrecher: Simon Wiesenthal

Die bekannteste private Institution, die sich der Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen verschrieben hat, ist das nach seinem Gründer benannte "Simon-Wiesenthal-Center" in Wien. Der 2005 verstorbene Wiesenthal war selbst Verfolgter des Regimes und hatte in verschiedenen Konzentrationslagern gesessen. Doch es war nicht Rache, die der Antrieb für seine Arbeit als sogenannter Nazi-Jäger war. Simon Wiesenthals Motive lagen tiefer. Er sah den Sinn seiner Arbeit in einer Warnung an die Mörder von Morgen, die vielleicht schon geboren sind. Sie könnten so nie in Ruhe leben. Denn davon war überzeugt: "Wenn wir diese Warnung nicht aussprechen können, dann sind die Millionen für nichts gestorben."

Die Mörder sind unter uns

Der ehemalige KZ-Arzt Aribert Heim (Foto: DPA)

Der ehemalige KZ-Arzt Aribert Heim: Er steht auf der Liste der meistgesuchten Nazi- Verbrecher ganz oben

Das "Simon-Wiesenthal-Center" gibt auch eine ständig aktualisierte Liste jener mutmaßlichen Kriegsverbrecher heraus, die noch auf freiem Fuß sind. Darauf stehen neben John Demjanjuk auch Aribert Haim, Arzt im Konzentrationslager Mauthausen, Alois Brunner, der 180.000 Menschen hat deportieren lassen, die dann ermordet wurden und Soeren Kam, der in Dänemark wegen Mordes angeklagt ist. Seine Auslieferung hat ein bayerisches Gericht verhindert.

Fälle wie der des Kriegsverbrechers Erich Priebke, der erst in jüngerer Vergangenheit dingfest gemacht und verurteilt wurde, zeigen, dass die Suche nach den Tätern von damals noch nicht abgeschlossen ist. Noch immer leben NS-Verbrecher unbehelligt unter uns, die für ihre Taten nicht zur Rechenschaft gezogen worden sind.

Autor: Dirk Kaufmann

Redaktion: Kay-Alexander Scholz

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