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Politik

Auslieferung in letzter Minute gestoppt

Der frühere KZ-Wächter John Demjanjuk war schon auf dem Weg zum Flughafen, als ein US-Gericht seine Abschiebung doch noch stoppte. Der 89-Jährige soll sich in Deutschland wegen Kriegsverbrechen verantworten.

Demjanjuk im Rollstuhl umgeben von Sicherheitskräften (Foto: ap)

John Demjanjuk wurde in seinem Haus in Ohio abgeholt

Laut US-Medien sollte Demjanjuk eigentlich am Mittwoch (15.04.2009) in München ankommen. Er war bereits von Beamten aus seinem Haus in Seven Hills nahe Cincinnatti im US-Bundesstaat Ohio abgeholt worden. Doch das zuständige Berufungsgericht ordnete den einstweiligen Stopp des Auslieferungsverfahrens gerade noch rechtzeitig an, bevor Demjanjuk nach Deutschland geflogen werden konnte.

Auch Demjanjuk selbst und seine Familie hatten offenbar nicht mehr mit dieser neuerlichen Wende in dem schier endlosen Gezerre um die Auslieferung des mutmaßlichen Kriegsverbrechers gerechnet. Seine Angehörigen verabschiedeten sich unter Tränen, als der alte Mann am Dienstag von der US-Einwanderungsbehörde mit einem weißen Kleintransporter abgeholt wurde. Die Beamten hievten ihn in seinem Rollstuhl die Treppe vor seinem Haus hinab. Kurz zuvor hatte er bei einem Priester die Beichte abgelegt, wie ein TV-Sender berichtete.

Nun muss das Berufungsgericht in Cincinnati entscheiden, ob dem Verdächtigen eine weitere Anhörung eingeräumt wird und ob weitere Rechtsmittel zulässig sind. Wie lange dies dauern wird, war zunächst offen. Die Münchner Staatsanwaltschaft will Demjanjuk wegen Beihilfe zum Mord an 29.000 Juden zur Zeit des Nationalsozialismus den Prozess machen. Der gebürtige Ukrainer soll 1943 als KZ-Aufseher im Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen Menschen aus Zügen in die Gaskammern getrieben haben.

"Weitere Erwägungen nötig"

In der vergangenen Woche hatte ein Gericht im US-Bundesstaat Virginia geurteilt, dass Demjanjuk nach Deutschland ausgeliefert werden könne. Im März war in München Haftbefehl gegen den gebürtigen Ukrainer erlassen worden.

Das Berufungsgericht begründete die Aussetzung des Abschiebeverfahrens damit, dass der jüngste Einspruch Demjanjuks gegen die Auslieferung "weitere Erwägungen" der Justiz nötig mache. Der Anwalt des ehemaligen KZ-Wächters hatte am Dienstagmorgen (Ortszeit) einen Eilantrag eingereicht, um eine neuerliche Prüfung des Verfahrens per einstweiliger Verfügung zu erwirken.

Die Verteidiger Demjanjuks argumentieren, aufgrund seines Alters und seiner Gesundheit verstoße eine Auslieferung des 89-Jährigen gegen das völkerrechtliche Verbot von Folter und unmenschlicher Behandlung.

Zuerst in der Roten Armee

Demjanjuk in den 80er Jahren in Israel (Foto: dpa)

Demjanjuk stand bereits in Israel vor Gericht

Demjanjuk hatte im Zweiten Weltkrieg zunächst auf Seiten der Roten Armee gedient. Im Jahre 1942 ließ er sich dann jedoch wie Tausende anderer junger Männer aus der Ukraine und den baltischen Ländern von der SS als Freiwilliger Helfer anwerben und wurde dann als Aufseher in verschiedenen Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nazis eingesetzt.

Demjanjuk tauchte in den 50er-Jahren in Bayern unter und wanderte nach Amerika aus. Seine wahre Identität wurde bereits in den 70er-Jahren bekannt, die USA lieferten ihn 1989 an Israel aus. Dort wurde er zunächst zum Tode verurteilt, dann aber freigesprochen - wegen Zweifeln an seiner Identität. (gri/ako/qu/dpa/ap)

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