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Welt

Auf der Flucht vor dem "Islamischen Staat"

Die Lage für die rund 200.000 Jesiden, die vor den islamistischen IS-Terroristen flüchten, wird immer bedrohlicher. Auch gegen die kurdischen Peschmerga-Kämpfer erhebt die religiöse Minderheit schwere Vorwürfe.

Seit Tagen kann der Dortmunder Student Hussein Koban nicht mehr ruhig schlafen. Die Familie des Jesiden befindet sich momentan mit weiteren rund tausend Menschen an der irakisch-türkischen Grenze. "Ich telefoniere jede Stunde mit meinen Verwandten", sagt der junge Mann. "Sie warten darauf, von der Türkei aufgenommen zu werden. Aber da sie keinen Ausweis dabei haben, dürfen sie die Grenze nicht überschreiten. Sie haben kaum etwas zu essen. Diese Menschen sind ihrem Schicksal überlassen", erzählt der Student aufgewühlt. Laut der kurdischen Nachrichtenagentur ANF seien rund 300 Jesiden bereits in der türkischen Stadt Silopi angekommen.

Jesiden fühlen sich verraten

Zuflucht sucht die hauptsächlich im Irak lebende religiöse Minderheit nicht nur in der Türkei, sondern auch auf dem Berg Sindschar an der türkisch-irakischen Grenze sowie in kurdischen Gebieten im benachbarten Syrien.

Christen und Jesiden auf der Flucht nach Erbil (Foto: Picture alliance/AA)

Christen und Jesiden auf der Flucht nach Erbil

Der kurdische Journalist Barzan Iso befindet sich zurzeit an der syrisch-irakischen Grenze und hat mit mehreren Jesiden gesprochen. Im Interview mit der Deutsche Welle erklärte der Reporter, dass sich viele Jesiden von den kurdischen Peschmerga-Kräften in Nordirak verraten fühlten. Die Peschmerga sollen eigentlich für Sicherheit in der kurdischen Autonomieregion im Nordirak sorgen. Doch viele Flüchtlinge werfen ihnen nun vor, die jesidische Hochburg Sindschar ohne Kampf den IS-Terroristen überlassen zu haben. "Eine jesidische Frau erzählte, dass lediglich vier Fahrzeuge mit IS-Kämpfern in den Ort fuhren und die kurdischen Peschmerga vor ihnen flüchteten." Jesiden hätten nun kein Vertrauen mehr in sie und fühlten sich im Stich gelassen, erzählt der Journalist.

Er fügt hinzu, dass kurdische Peschmerga anfangs solche Anschuldigungen dementiert hätten. Doch schließlich hätten sie zugegeben, einer falschen Strategie gefolgt zu sein. Die dafür verantwortlichen Befehlshaber hätten die entsprechenden Konsequenzen zu tragen.

"Die Lage in Erbil ist katastrophal"

Jesidische und christliche Flüchtlinge befinden sich indessen weiter auf der Flucht. Viele von ihnen sind in der nordirakischen Großstadt Erbil angekommen. Vor Ort ist der deutsch-kurdische Menschenrechtsaktivist Fuad Zindani. Zindani beschreibt gegenüber der DW die humanitäre Lage in Erbil als fürchterlich: "Christen und Jesiden müssen sich in umliegenden Kirchen verstecken. Sie haben nichts zu essen oder zu trinken. Und die hygienischen Zustände nehmen langsam katastrophale Ausmaße an."

Die IS-Terroristen hätten den Jesiden ein Ultimatum gesetzt, wonach sie entweder innerhalb von zwei Stunden ihre Dörfer verlassen oder zum Islam konvertieren müssten. Die Menschen seien in Panik geraten und hätten fluchtartig ihre Häuser verlassen. Mehrere Frauen sollen vergewaltigt worden sein, Dutzende Männer enthauptet. Auf dem Fluchtweg hätten laut Augenzeugen IS-Milizen Menschen angehalten und sie gezwungen, ihr Geld und ihre Wertsachen abzugeben, so Zindani. Noch während des Telefoninterviews sagte der Aktivist, dass gerade Panik in der Kirche ausgebrochen sei. Kurz darauf brach die Telefonverbindung ab.

Schutzkorridore nach Syrien

Mehrere tausend Jesiden befinden sich zudem auf der Flucht nach Syrien. Sie suchen Zuflucht in dem dortigen kurdischen Autonomiegebiet Rojava. Der Journalist Barzan Iso berichtet, dass die sogenannte YPG Schutzkorridore für Flüchtlinge errichtet hätte. Bei der YPG handelt es sich um bewaffnete kurdische Einheiten in Syrien. Der rund 40 Kilometer lange Korridor beginne in der irakischen Stadt Zaxo und führe bis in die von syrischen Kurden kontrollierte Stadt Al-Yarubiyah in Syrien. Neben der YPG hilft die PKK aus der Türkei und Peschmerga-Kräfte aus dem Irak beim Sichern der Strecke. "Bis heute haben bereits mehr als 20.000 Jesiden Syrien über diesen Schutzkorridor erreicht“" sagt der Journalist Barzan Iso.

Tausende Jesiden auf Sindschar Berg warten auf humanitäre Hilfe

Laut der kurdischen Nachrichtenagentur ANF harrten weitere tausende Jesiden auf dem Berg Sindschar unweit der irakisch-türkischen Grenze aus. Einer von ihnen ist der 27-jährige Jeside Xalit Tsuko. Er beschrieb der Agentur, dass er nach dem Angriff von IS-Terroristen sofort sein Heimatdorf verlassen habe. "Meine Frau, meine sechs Kinder und ich flohen aus unserem Haus. Wir hörten mehrere Schüsse der IS-Milizen. Es brach Panik in unserem Dorf aus. Meine Frau und ich hielten zwei meiner Kinder auf dem Arm." In dem Chaos sah er nur noch, wie seine Töchter Selwa (7) und Xalide (8) von der panischen Menschenmenge überrannt wurden und starben. "Später verloren wir zwei weitere Kinder auf dem Weg zum Berg Sindschar. Ich weiß nun nicht, ob sie gestorben sind oder noch am Leben sind."

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