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Kampf gegen Extremismus

Außenpolitik-Experte: EU sollte Imam-Ausbildung in Afrika unterstützen

Einigen Golfstaaten wird vorgeworfen, den Sahel durch die Entsendung radikaler Prediger zu destabilisieren. Im Kampf gegen Extremismus sollte Europa mit islamischen Ländern kooperieren, sagt Diplomat Bernhard Kampmann.

Seit Jahrzehnten engagieren sich islamische Staaten im Sahel. Ursprünglich ging es dabei um die Unterstützung ärmerer muslimischer Staaten durch den Bau von Moscheen und die Entsendung von Predigern - also mehr religiöse Pflicht als politisches Kalkül. In den vergangenen Jahren mehren sich jedoch Vorwürfe, dass zum Beispiel saudi-arabische Prediger extreme Auslegungen des Islam wie den Wahhabismus verbreiten. Dadurch würde islamischer Extremismus gefördert, der staatliche und religiöse Institutionen in Frage stellt - oder sogar Aufstände wie 2012 in Mali befeuert.

DW: Herr Kampmann, Staaten wie Saudi Arabien, Ägypten, Marokko, der Iran oder die Türkei versuchen auf die eine oder andere Weise Einfluss zu nehmen in den Ländern der Sahel-Zone. Droht dadurch eine Destabilisierung oder Radikalisierung der Region?

Ich glaube, sagen zu können: von staatlicher Seite nein. Aber es gibt unterhalb dieser Ebene durchaus Kräfte, die sich eine Destabilisierung, vielleicht sogar eine Revolutionierung zum Ziel gesetzt haben.

Was meinen Sie konkret?

Den Menschen wird suggeriert, dass ihre Art zu leben, die die Sufi-Bruderschaft ihnen als moralisch richtig mitgibt, zweifelhaft sei. Der rechte Glaube sei ein anderer. Damit hat man zum Beispiel schon an den Universitäten im Senegal erhebliche Spaltungen erreichen können. Und auch die Bruderschaften bekommen damit mindestens Konkurrenz und müssen sich stärker engagieren, um zum Beispiel Beschäftigung zu schaffen, Ausbildung zu organisieren und so weiter. Das ist deutlich zu spüren.

Sie haben es angesprochen: Der Islam ist in vielen Ländern der Sahel-Zone traditionell in Sufi-Bruderschaften organisiert. Inwieweit sind diese Bruderschaften ein stabilisierender Faktor in der Region?

Sie sind nach allem, was ich lernen konnte, ein außerordentlich stabilisierendes Element. Sie haben sich immer an die Seite der Staatlichkeit gestellt. Vielleicht tun sie es auch deshalb, weil sie wissen, dass diese besondere Form des Islam vor allem dann eine Chance hat, wenn sie sich an die Staaten anlehnt. Im Senegal zum Beispiel haben die Sufi-Bruderschaften an der Seite der staatlichen Organisationen sehr zur Stabilität beigetragen. Das gilt auch in anderen Ländern der Region.

In vielen dieser Länder stehen die Sufi-Bruderschaften derzeit aber unter Druck. Warum?

Das liegt erstmal natürlich an der wirtschaftlich schwierigen Lage, vor allem für die jungen Menschen. Es gibt wenige Beschäftigungsmöglichkeiten selbst für gut ausgebildete Menschen, so dass überhaupt die Staaten, ihre Institutionen und auch die Bruderschaften unter Druck geraten, mehr für ihre Anhänger und Mitglieder zu tun. Das gilt allgemein. Es gibt auch Kräfte auf religiöser Ebene innerhalb des Islam, die diese Art der Organisation für unangemessen halten und versuchen, dagegen mobil zu machen. Dazu gehörten zum Beispiel die Extremisten in Mali, die sich die Bruderschaften zum Ziel genommen hatten. Diese Zielsetzung bei einigen Extremen muss man verstehen, um dagegen in geeigneter Weise vorgehen zu können.

Ganz konkret schlagen Sie Dreieckskooperationen vor, die stabilisierend in der Region wirken sollen: Die Europäische Union sollte mit islamischen Staaten zusammenarbeiten. Wie könnte das aussehen - soll die EU künftig Moscheen bauen und gemäßigte islamische Theologen ausbilden?

Das kann die EU natürlich nicht selber tun. Gerade deshalb plädiere ich dafür, offen zu sein gegenüber solchen Partnerschaften und sie nicht von vornherein auszuschließen. Sie können, wenn wir sie mit guten Partnern durchführen, in der Tat zur Folge haben, dass islamische Staaten, die die Reputation und Autorität haben, um auf diesem Gebiet zu wirken, mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Union tätig werden. Es gibt solche Modelle: Marokko zum Beispiel engagiert sich für die Professionalisierung der Imam-Ausbildung in Westafrika. Mein Plädoyer ist, dass die EU solche Dinge verfolgt und dort, wo sie sich engagieren kann, sinnvollerweise mitwirkt.

Inwieweit können die in Europa lebenden Muslime in so eine Kooperation eingebunden werden?

Das halte ich für ein wichtiges Element, gerade deshalb, weil es in europäischen Staaten viele Diaspora-Mitglieder zum Beispiel der Tidschaniya-Bruderschaft gibt. Eine faktische Zusammenarbeit besteht schon, insofern sie zum Beispiel Geld für ihre Gemeinden spenden oder sich in Berufsbildungsprojekten engagieren. Die werden gewiss eine besondere Rolle spielen.

Der Diplomat Bernhard Kampmann ist vom Auswärtigen Amt ans Hamburger Forschungsinstitut GIGA entsandt. Für das GIGA-Institut für Nahost-Studien verfasste er einen Aufsatz über die Außenpolitik islamischer Länder gegenüber den Sahel-Staaten. Von 2013 bis 2016 war Kampmann Botschafter von Deutschland in Dakar, der Hauptstadt des Senegal.

Das Interview führte Aarni Kuoppamäki.

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