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Deutschland

Arbeitskampf mit Nebenwirkungen

Wenn die Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes für mehr Lohn und Gehalt streiken, dann bekommt das praktisch jeder Bürger zu spüren. Vor allem, weil Busse und Bahnen dann nicht mehr fahren.

"Mann der Arbeit, aufgewacht! Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will": Als der Dichter Georg Herwegh im Jahr 1863 das berühmte Lied für die erste deutsche Arbeiterpartei schrieb, dachte er an Dampfmaschinen oder Webstühle - vom öffentlichen Personennahverkehr der Gegenwart konnte er noch nichts ahnen. Aber tatsächlich: Der Warnstreik der Gewerkschaft Verdi lässt zur Zeit in verschiedenen Großstädten alle Räder stillstehen - die von Bussen und Bahnen nämlich.

An diesem Mittwoch (21.03.2012) blieben beispielsweise in Köln von sechs Uhr morgens bis zwei Uhr nachts die Fahrzeuge in den Depots. Das sorgt nicht nur - wie beabsichtigt - für Einnahmeausfälle bei den Verkehrsbetrieben, sondern auch für Sorgenfalten bei der Bevölkerung; jedenfalls bei all den Menschen, die kein eigenes Auto zur Verfügung haben.

Zumutbare Anstrengungen

Und das sind gerade in einer Großstadt mit wenigen Parkplätzen und einem ansonsten gut ausgebauten Transportnetz recht viele. Was also tun, wenn die morgendliche Straßenbahn zum 25 Kilometer entfernten Arbeitsplatz nicht fährt? "Einfach zuhause bleiben, das geht jedenfalls nicht", stellt Jürgen Roters klar. Als Oberbürgermeister ist er sozusagen Chef bei einem der größten Arbeitgeber der Region: der Stadt Köln.

Zwei Mitarbeiter der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) tragen ein Transparent mit der Aufschrift Faire Bezahlung an abgestellten Strassenbahnen vorbei (Foto: Roberto Pfeil/dapd)

"Faire Bezahlung" - darum geht es den Streikenden

"Es steht seit drei, vier Tagen fest, dass an diesem Tag gestreikt werden soll und dass die Verkehrsverhältnisse beengt sind, und dann muss man sich rechtzeitig darauf einstellen," sagt er. Wenn ein Beschäftigter nicht selbst an einem Streik teilnimmt, dann muss er alle zumutbaren Anstrengungen unternehmen, an seinem Arbeitsplatz zu erscheinen. Und notfalls müsse man eben einen Tag Urlaub opfern. Zumindest bei der Kölner Stadtverwaltung wird der in einer solchen Situation dann auch kurzfristig genehmigt, sagt der Oberbürgermeister.

Verständnis für Betroffene

Vom Amtszimmer des Stadtoberhaupts im historischen Rathaus von Köln sind es nur 150 Meter zum Heumarkt. Genau dort haben sich die Warnstreik-Teilnehmer zu ihrer zentralen Kundgebung versammelt. Erziehung, Müllabfuhr, Sicherheit, und gute Krankenpflege seien nicht zum Schnäppchenpreis zu bekommen, ruft Frank Bsirske, der Chef der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, den Streikenden zu: "Kolleginnen und Kollegen, das läuft so nicht!" Die Menge klatscht Beifall, trommelt und bläst in Trillerpfeifen - die Stimmung ist bestens.

Dass bei manchem vom Streik betroffenen Bürger die Begeisterung nicht ganz so groß ist, können aber auch die Gewerkschaftler nachvollziehen: "Also sicher hab ich Verständnis dafür, dass Menschen durch die Einschränkungen dann einen schwierigen Tag haben", sagt eine Krankenschwester, die aus der Nachbarstadt Solingen zu der Kundgebung angereist ist. "Aber ich muss sagen, ich habe sogar von den Patienten bei uns im Haus positive Rückmeldungen gekriegt, weil die erleben, was wir alles tagtäglich leisten - und dass es angemessen ist, was wir fordern."

Gestrandet im U-Bahnhof

Verwaister U-Bahnhof in Köln - am Streiktag fahren hier keine Bahnen (Foto: DW)

Verwaist: Die U-Bahnen fahren am Streiktag nicht

Auf den oberen Gleisen des Kölner Hauptbahnhofs herrscht an diesem Streiktag Normalbetrieb. Ob S-Bahn, Regionalexpress oder ICE - die Züge der Deutschen Bahn sind nicht vom Streik betroffen und fahren planmäßig. Im Untergeschoss des Hauptbahnhofs herrscht hingegen gähnende Leere. Der Zugang zu den U-Bahnsteigen ist mit rot-weißem Plastikband abgesperrt.

Doch ein paar Leute haben auch um die Mittagszeit noch nichts von den Warnstreik-Ankündigungen mitbekommen: "Ich komme aus Flensburg, aus dem Norden", sagt ein junger Mann entschuldigend. In der Hand hat er ein Papier mit der Wegbeschreibung zu der Kaserne der Bundeswehr, wo er sich melden muss. Er nimmt die Sache gelassen: "Jetzt muss ich wohl ein Taxi nehmen." Eine Frau ist zu einem Vorstellungsgespräch nach Köln angereist - sie ist unter Zeitdruck und fürchtet nun, ihren Termin zu verpassen.

Der eine streikt, der andere nicht

Streikende demonstrieren mit großen Plakaten auf dem Heumarkt in Köln (Foto: REUTERS/Wolfgang Rattay)

In Scharen kamen die Streikenden in Köln zusammen

Auch an einigen Bushaltestellen stehen wartende Menschen. Und die sind nicht einmal schlecht informiert. Denn tatsächlich: Ab und zu fährt doch einmal ein Bus. Das liegt daran, dass viele Busfahrer nicht bei den städtischen Verkehrsbetrieben angestellt sind, sondern bei privaten Unternehmen. Und die müssen an diesem Tag ganz normal arbeiten.

Im öffentlichen Dienst wiederum, bei der Stadt Köln etwa, gibt es eine große Gruppe von Beschäftigten, die überhaupt nie streiken dürfen: die Beamten. Die sind dann auch die wichtigste Notreserve für den Fall eines länger dauernden Arbeitsausstandes, sagt Oberbürgermeister Jürgen Roters. Bestimmte Funktionen, die sonst von Angestellten wahrgenommen werden, würden dann per Dienstverpflichtung an Beamte übertragen.

Grundversorgung bleibt gesichert

Roters ist zuversichtlich, dass sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer auch dieses Mal wieder zu einem Tarifvertrag zusammenfinden werden: Es habe ja in Deutschland in der letzten Zeit durchaus konjunkturelle Erfolge gegeben, und da dürfe auch der öffentliche Dienst nicht ausgeschlossen werden. Das Chaos jedenfalls bräche auch bei einem Scheitern der Verhandlungen und einem "richtigen" längeren Streik nicht aus: "Da werden wir dann auch mit Nachdruck darauf achten, dass die Grundversorgung der Bevölkerung in wichtigen, zentralen Bereichen nicht Schaden nimmt und dass in Notfällen auch tatsächlich Hilfe geleistet werden kann."

Aber einen Warnstreik an einem sonnigen Tag im März müsse man verkraften können, findet der Oberbürgermeister: "Also, da geht die Welt nicht unter." Auch wenn - fast - alle Räder einmal stillstehen.

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