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Brauchtum

Aprilscherz in Zeiten der Fake News

Er gehört zum jährlichen Brauchtum - der Aprilscherz. Jedes Jahr zum 1. April legen sich Menschen mit falschen, oftmals witzigen Informationen gegenseitig herein. Doch wie sieht das in Zeiten von Fake News aus?

In den USA ist es der "April Fools Day". In Ländern wie Frankreich oder der Schweiz ist es üblich am 1. April, einen Fisch aus Papier auf den Rücken eines Kollegen oder Freundes zu heften, ohne dass derjenige dies mitbekommt. In Deutschland werden Leute gezielt hinters Licht geführt, verulkt oder - derbe gesagt - "verarscht".

Führend bei solchen Aktionen sind oftmals Tageszeitungen, die mit einer falschen Story die Leser "in den April schicken", also hereinlegen. Das Spektrum der erfundenen Geschichten reicht von angeblichen Schätzen, die in einem Waldstück vergraben sind, über die historische Sensation, dass die Stadt, in der man lebt, eigentlich Hansestadt ist und deswegen die Nummernschilder jetzt mit einem vorangestellten H versehen werden. So wie Hamburg mit HH oder Bremen HB. Prompt rufen die Bürger beim Straßenverkehrsamt an und wollen das neue Kennzeichen - sehr zum Ärger der entnervten Stadtbeamten.

Gute Ernte

In Großbritannien sorgte der Sender BBC für Wirbel mit seiner Spaghetti-Ernte. Im Jahr 1957 sollten Schweizer Bauern dank des milden Winters eine reichhaltige Spaghetti-Ernte eingefahren haben. Ein Film über Eidgenossen, die Nudeln von Bäumen ernteten, sorgte für Furore. Die von Pflanzen begeisterten Engländer wollten prompt wissen, wie man an den Baum kommen könnte, um selber Spaghetti zu züchten. Auf YouTube ist das Stück immer noch ein Renner - auch rund 60 Jahre nach der Veröffentlichung.

Die Schweizer immer einen Tick weiter als der Rest der Welt: Munteres Spaghettiernten in der Schweiz (youtube/BBC News)

Die Schweizer immer einen Tick weiter als der Rest der Welt: Munteres Spaghettiernten in der Schweiz

Bei einigen Verlagen ist es mittlerweile aber so, dass sie sich vom Aprilscherz verabschiedet haben. "Wir planen nichts, zumindest ist mir nichts bekannt", sagt Marc Hippler, stellvertretender Chefredakteur Digital bei der Funke-Mediengruppe in Berlin. Zum Zeitungsimperium des Verlags gehören unter anderem das Hamburger Abendblatt, die WAZ und die Berliner Morgenpost. Allerdings schränkt Hippler ein, "es kann sein, dass im Lokalen etwas gemacht wird." Hippler sieht den Trend von Zeitungen auf Aprilscherze zu verzichten, bereits vor dem massiven Auftauchen von Fake News, den Falschmeldungen. "Das hat schon lange vor Fake News angefangen", so Hippler, der zuvor lange für die Rheinische Post in Düsseldorf und die Stuttgarter Zeitung arbeitete. Hippler sieht den Aprilscherz-Trend eher bei Unternehmen und in der Werbung verbreitet. 

"Bäume umarmen für die Liebe"

Auf Ikea trifft das voll zu. Der schwedische Möbelriese bietet in diesem Jahr eine Paarberatung an. Und zwar in allen 51 Möbelhäusern in Deutschland. Die Therapeuten tragen die Namen Klippan, Stuva und Lerhamn - wie die Möbelstücke. Alle "Therapeuten" haben nach Ikea-Angaben langjährige Erfahrungen. So umfasst die Veröffentlichungsliste der Therapeuten solche Titel wie "Jungfrau, 40, sucht" oder "Bäume umarmen für die Liebe". Damit sollte eigentlich jedem klar sein - Aprilscherz voraus! Wer das trotzdem nicht erkennt, der erhält beim Ausfüllen der Eingabemaske auf der Ikea-Homepage eine Fehlermeldung.

Offenbar hat der Aprilscherz einen handfesten Hintergrund. "Wer hat das noch nicht am eigenen Leib erlebt, dass man als Paar beim Einkauf nicht einer Meinung ist", sagt Sven Kleuter, zuständig für Media Relations bei Ikea Deutschland. Auf die Idee kamen die Macher aus der Kommunikationsabteilung durch einen Zeitungsartikel. "Und es hat Klick gemacht", lautete der Titel von David Hugendick in der "Zeit". Darin heißt es: "Einen Ikea betritt oft ein Wir, aber häufig verlassen ihn zwei Ichs, die nur noch alleine in eine Höhle ziehen wollen oder ein Erdloch, wo sie sich auf einfaches Stroh betten, wo Fuchs und Dachs sie noch siezen, und sie nachts in einen von praktischen Schiebeelementen unverstellten Himmel blicken."

Wir haben überlegt, was können wir tun und haben dann unter unseren Mitarbeiter ein "Therapeuten-Casting veranstaltet", so Sven Kleuter. Für ihn sind solche Scherze wichtig. "Gerade in traurigen Zeiten mit vielen schlechten Nachrichten ist es gut, auch was witziges zu machen."

Historisch unklar

Historisch lässt sich der Aprilscherz nur ungenau zurückverfolgen. Im 17. Jahrhundert sollen die Bayern auf die Idee gekommen sein - belegt ist dies nicht. Allerdings sollen Auswanderer aus der Region den Brauch mit nach Amerika gebracht haben. Andere Erklärungen gehen auf die Antike zurück, die den 1. April als Unglückstag sahen, da Judas der Verräter von Jesus von Nazareth an diesem Tag gestorben sein soll. Ein Scherz sollte diesen Tag in wenig positiver machen. In Frankreich will man eine Kalenderreform durch Karl IX für den Aprilscherz verantwortlich machen. Unwissende in einigen Regionen bekamen die Reform nicht mit und wurden aufgrund ihrer Unwissenheit als Aprilnarren verspottet. Es gibt noch viele Interpretationen, keine ist wissenschaftlich fundiert.

Aber dennoch hat sich die Wissenschaft Gedanken zum Thema gemacht. "Wir leben nun ständig im Aprilscherz", sagt der Bayreuther Soziologe Georg Kamphausen. Früher habe man den Aprilscherz mit Naivität und Dummheit verbunden - und Leute zum Beispiel auf die Suche nach dem Fabelwesen Wolpertinger geschickt. "Heute geht es eher darum, jemanden, der sich für aufgeklärt hält, einem Test zu unterziehen." Das Problem sei dabei, dass heutzutage beinahe alles denkbar erscheine. Permanent werde man mit Nachrichten konfrontiert, die früher unglaubwürdig waren. Heute stimmten manche aber. Ein simples Beispiel: Einige Flugreisen kosteten nur wenige Euro. "Die Bandbreite ist gewachsen, was möglich, was plausibel ist", sagt Soziologe Kamphausen.

Kampf dem Aprilscherz

Es gibt aber auch diejenigen, die die Scherze ablehnen. Der Aprilscherz beeinträchtige die Konjunktur hierzulande erheblich, mahnte ein Wissenschaftler von der Deutschen Gesellschaft für Wirtschaftsforschung (DGW) im Gespräch mit der Deutschen Welle bereits vor einem Jahr. Angeblich hatte der Erforscher der ökonomischen Auswirkungen des Aprilscherzes mehr als 2.500 Aprilscherze aus den vergangenen 227 Jahren untersucht und daraus den Schluss gezogen: zu wenig Produktivität am 1. April. Wenn man an der schwarzen Null festhalten wolle, dann solle sich die Bundesregierung ernsthaft überlegen, Aprilscherze zu verbieten. Verbieten? Klingt gar nicht lustig. Keine Sorge: Das war nur ein Aprilscherz.

(mit Material von dpa)

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