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Wirtschaft

Apps statt PS?

Herausforderung für die Autoindustrie: Vor allem jüngere Menschen verzichten immer öfter auf ein eigenes Fahrzeug. Sie planen ihre Reisen mit dem Smartphone. Was bedeutet das für die Branche?

Martin Winterkorn nähert sich dem Höhepunkt seiner Kariere: Bis 2018 will der VW-Chef Europas größten Autobauer auch zur weltweiten Nummer eins machen - manche Experten glauben sogar, dass er dieses Ziel bereits in diesem Jahr erreichen könnte.

Doch in letzter Zeit verbreitet der mächtige Konzernlenker alles andere als Euphorie. Gegenwärtig kämpft seine Kernmarke VW trotz aller Rekordumsätze mit Renditeproblemen. Und für die Zukunft sieht Winterkorn "massive Umbrüche" auf die gesamte Branche zukommen. Ausdrücklich erwähnte er kürzlich in einer Brandrede vor rund 1000 Führungskräften in Wolfsburg in diesem Zusammenhang die Vernetzung von Internet und Auto sowie neue Mobilitätskonzepte wie Carsharing.

"Revolution auf leisen Sohlen"

"Für die Automobilindustrie sind die neuen Mobilitätskonzepte eine Revolution, die auf leisen Sohlen daher kommt", sagt Stefan Bratzel, Autoexperte von der Fachhochschule Bergisch Gladbach im Gespräch mit der DW. Heute schon hätten viele Menschen ein anderes Verhältnis zum Auto als früher. "Das sind die Leute, die mit Internet aufgewachsen, die 'digital natives', die da voran gehen. Sie zählen auch beim Thema Carsharing zu den Hauptzielgruppen und planen ihre Reisen ohnehin bereits mit dem Smartphone."

Bratzel glaubt, dass sich diese Entwicklung in den nächsten Jahren rasant beschleunigen wird. Ähnlich sieht das Peter Fuß, Partner bei Ernst & Young. Er berät seit mehr als 25 Jahren Unternehmen der Autoindustrie. "Das ist im Grunde ein Paradigmenwechsel wie wir ihn in der Musikindustrie erlebt haben - weg von der Schallplatte hin zur CD und mittlerweile zu iTunes", so Fuß gegenüber der DW. Das gesamte Geschäftsmodell in der Automobilindustrie werde sich ändern: "Weg vom Anbieter von der Hardware, dem Auto - hin zum Anbieter von Premium-Mobilitäts-Dienstleistungen", sagt Fuß.

Kein eigenes Auto mehr

Der moderne Kunde braucht kein eigenes Auto mehr - er will einfach nur clever von A nach B kommen. Per App ruft er sich auf seinem Smartphone entsprechende Dienste auf. Sofort werden ihm die schnellsten oder günstigsten Alternativen präsentiert: Öffentlicher Nah- und Zugverkehr, Fernbusse, Carsharing-Autos, Mitfahrgelegenheiten im privaten PKW bis hin zu elektrischen Mietfahrrädern - alle Verkehrsmittel miteinander verknüpft und aufeinander abgestimmt.

Die Namen der entsprechenden Plattformen kommen locker flockig daher: Moovel, eine Daimler-Tochter, konkurriert bei der Vernetzung der Verkehrsträger beispielsweise mit dem Berliner Start-up Waymate oder dem Hamburger Anbieter Comove.

Fortbewegung mit dem Auto bieten verschiedene Taxi-Apps, Chauffeurdienste wie das umstrittene Uber, Carsharing-Lösungen wie DriveNow von BMW, Mitfahrgelegenheiten wie Carpooling oder der Ridesharing-Anbieter Flinc, dessen besonderes Augenmerk auf der Verknüpfung zwischen spontanen Fahrgemeinschaften und sozialen Netzwerken liegt.

Angebote sind schwer überschaubar

Den Überblick zu behalten, für welche Anwendungsfälle welche Mobilitätsangebote am besten geeignet sind, wird immer schwieriger. Der offensichtliche Unterschied zwischen den Konzepten liegt in der Streckenlänge, die jeweils vom Start bis zum Ziel zurückgelegt wird. Für die kürzeren Wege in der Stadt ist die Auswahl größer als für den Langstreckenverkehr.

ADAC Postbus (Foto: dpa)

Glied der Mobilitätskettte: Fernbus

Das Image des einstigen Statussymbols Auto verblasst im Rahmen dieser Konzepte. Das Fahrzeug wird lediglich zu einem Glied in der Mobilitätskette degradiert. Für die Autohersteller ist diese Entwicklung alarmierend, aber sie reagieren bereits entsprechend.

Intermodale Mobilität

"Die Automobilindustrie weiß das natürlich und ist selber schon Akteur in diesem neuen Mobilitätsmarkt. Carsharing-Plattformen, die von Autokonzernen betrieben werden, sind gute Beispiele dafür", meint Stefan Bratzel.

Neben Daimler arbeiten auch BMW und Volkswagen mit Hochdruck an neuen Angeboten zur "intermodalen" Mobilität, wie es im Fachjargon heißt. Noch sind die Umsätze, die in diesem Bereich gemacht werden, vergleichsweise gering. So strebt der Daimler-Konzern mit seinen Mobilitäts-Töchtern wie Car2go, Moovel oder MyTaxi für 2014 einen Umsatz von zusammen 100 Millionen Euro an. Dieser Summe steht ein Gesamtumsatz des Konzerns von fast 120 Milliarden Euro gegenüber.

Enorme Wachstumsraten

Allerdings lassen die erwarteten Wachstumsraten aufhorchen. So zitiert die Frankfurter Allgemeine Zeitung eine Roland Berger-Studie, nach der der Markt der Anbieter von Carsharing, Bikesharing oder Mitfahr- und Taxidiensten sowie Parkplatzvermittlungen jedes Jahr um bis zu 35 Prozent zulegen wird. Bis 2020 könnte dann ein Volumen von ungefähr 15 Milliarden Euro erreicht werden.

Auch eine aktuelle Studie des Hightech-Verbands Bitkom bestätigt diesen Trend: Danach hat sich in Deutschland der Zahl der Nutzer von Carsharing-Diensten innerhalb der vergangenen eineinhalb Jahre bereits auf über vier Millionen verdoppelt.

Jüngere orientieren sich neu

Die zunehmende Bereitschaft Jüngerer auf ein eigenes Auto zu verzichten, dokumentieren auch Zahlen vom Statistischen Bundesamt. Danach besaßen in Deutschland von den 25- bis 35-jährigen Haushaltsvorständen 2008 insgesamt 69 Prozent ein Auto. 2004 waren es noch 79 Prozent. Bei den unter 25-Jährigen sank der Anteil von 2005 bis 2011 von 64 auf 56 Prozent.

"Shared Mobility" ist schwer im Kommen - auch weil die Informations-, Buchungs- und Bezahlprozesse über das Internet noch schneller und einfacher werden. Beim Stichwort "Internet" kommen natürlich sofort die Namen der US-amerikanischen Technologieriesen Google, Facebook oder Apple ins Spiel, die ja bereits jetzt schon allgegenwärtig zu sein scheinen.

Bedrohung durch Internetriesen

"Der Kontakt zum Endkunden spielt eine ganz zentrale Rolle - auch bei neuen Mobilitätskonzepten", sagt Stefan Bratzel Wenn es Internetriesen wie Google, Facebook oder Apple gelingen sollte, auch Dienstleistungen im Mobilitätssektor anzubieten und die Wegeketten zu kontrollieren, dann wären sie sehr ernsthafte Wettbewerber im Mobilitätsmarkt der Zukunft, ist sich der Experte sicher. "Das wäre in der Tat dann auch eine Bedrohung für Automobilhersteller."

Bislang sind die deutschen Hersteller bei den Themen vernetztes Auto und digitale Mobilitätskonzepte im internationalen Vergleich gut aufgestellt - das geht aus einschlägigen Untersuchungen hervor. Doch ist Vorsicht geboten: Die Videos über Googles Concept Car hat schon jeder irgendwo mal gesehen: Gezeigt wird ein eiförmiges Auto, das zwar gewöhnungsbedürftig aussieht, aber selbständig durch die Gegend fährt - ohne Lenkrad, ohne Pedale, ohne Schalter. Im Innern: nur zwei Sitze. Vielen Stadtbewohnern dürfte das reichen.

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