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Europa

Antisemitismus vertreibt Frankreichs Juden

Angst um Leib und Leben: Hinter der Auswanderungswelle von Juden aus Frankreich steckt vor allem die Sorge vor den Folgen des Antisemitismus in Frankreich. Bislang lebt dort die größte jüdische Minderheit in der EU.

"Ich bin Französin, in Paris geboren", erklärt Salome Roussel. Aber sie denke über die Auswanderung nach Israel nach, da der Antisemitismus in Frankreich zunehme. "Eine Lobby seien wir, so sagen sie, und die Herren der Welt, aber das stimmt nicht!" Die 38 Jahre alte Roussel ist mit ihren Sorgen nicht allein. Immer mehr französische Juden denken daran, ein neues Leben in Israel zu beginnen. Das Resultat ist eine Rekordauswanderung: Im vergangenen Jahr emigrierten nach Angaben des israelischen Einwanderungsministeriums 3120 französische Juden nach Israel, das sind 63 Prozent mehr als im Vorjahr und mehr als Einwanderer aus den USA. Antisemitismus und schlechte wirtschaftliche Aussichten wurden als Hauptgründe für die Auswanderung genannt.

Porträt des Komikers Dieudonné Mbala Mbala (Foto: AFP)

Macht seit mehr als zehn Jahren antisemitische Witze auf der Bühne: Komiker Dieudonné

In Frankreich lebt etwa eine halbe Million Juden, also fallen 3120 weniger statistisch nicht ins Gewicht. Aber es sei ein Anzeichen für das "schlechte Klima für Juden in Frankreich", das Extremisten gern propagieren, erklärt Roger Cukierman, Präsident des Dachverbandes jüdischer Einrichtungen (CRIF), gegenüber dem französischen Radiosender France Info. Juden machen zwar lediglich ein Prozent der französischen Bevölkerung aus, aber sie sind das Ziel von 40 Prozent der aus Hass begangenen Verbrechen. Eine Liste antijüdischer Taten, vor kurzem von der jüdischen Organisation SPCJ veröffentlicht, zeigt, dass Juden viel eher als andere Bevölkerungsgruppen in Frankreich Opfer von Beschimpfungen und Schikane werden. Der SPCJ zählt 423 antisemitische Taten auf: 318 Bedrohungen, 49 Gewalttaten, 52 Mal Vandalismus, drei Brandanschläge und ein versuchter Mord – und das alles allein im Jahr 2013.

2012 war noch schlimmer, da gab es einen 58-prozentigen Anstieg an antijüdischen Taten im Vergleich zum Vorjahr. In Toulouse erschoss damals der islamistische Terrorist Mohamed Merah drei jüdische Schulkinder. Die Tat ist noch lange nicht vergessen.

Gegen das System oder gegen Juden?

Dieses Jahr habe mit Unruhe im Zusammenhang mit der Dieudonné-Affäre begonnen, ergänzt Cukierman. Im Januar verbot ein Gericht eine Reihe von Auftritten des französisch-kamerunischen Komikers Dieudonné M'bala M'bala. Im Staatsfernsehen liefen Ausschnitte seiner Show "Le Mur", mit versteckter Kamera aufgenommen, in der der Komiker witzelte, es tue ihm leid, dass ein bekannter jüdischer Radiomoderator nicht in den Gaskammern umgekommen sei.

Anhänger des Komikers Dieudonné machen den Quenelle-Gruß (Foto: DW)

Der bei Jugendlichen beliebte "Quenelle-Gruß": eine Anspielung auf den Hitlergruß

Der erfolgreiche Schauspieler und beliebte Komiker ist nicht zum ersten Mal wegen antisemitischer Äußerungen aufgefallen und sogar mehrfach zu Geldstrafen verurteilt worden. In einem Fall holte er seinen Freund Roger Faurisson, einen Historiker, der den Holocaust leugnet, als KZ-Häftling verkleidet auf die Bühne. Er mache sich Sorgen, die Dieudonné-Affäre könne Auslöser für neue antisemitische Taten sein, meint Cukierman, den der Komiker in seinen Shows ebenfalls attackiert.

Im Januar protestierten Tausende Dieudonné-Anhänger im Rahmen einer Anti-Regierungs-Demonstration, genannt "Tag des Zorns", in Paris gegen das Verbot der Show "Le Mur." Sie marschierten durch die Straßen der Hauptstadt, und einige skandierten obszöne Parolen gegen "Zionisten" - mitsamt "Quenelle-Gruß", einer Geste Dieudonnés, die einem Hitlergruß mit gesenktem Arm ähnelt. Das sei lediglich eine Du-kannst-mich-mal-Geste, so der Komiker, und habe mit Antisemitismus nichts zu tun. Seine Fans machen sich mittlerweile einen Spaß daraus, Fotos von sich selbst im Internet zu posten, auf denen sie den "Quenelle-Gruß" machen. Manche posieren sogar vor Holocaust-Denkmalen und jüdischen Schulen.

'Die meisten Juden haben die Vororte verlassen"

Salome Roussel hat ein Beispiel für den Druck, dem sich Frankreichs Juden ausgesetzt sehen. Neulich saß ihr in der Metro ein Mann gegenüber. Er lächelte sie an, aber als er den Davidstern sah, den sie um den Hals trägt, machte er beim Aussteigen die "Quenelle"-Geste. "Er tat das, weil ich einen Davidstern trage und Jüdin bin", schimpft Roussel.

Französischer Anwalt Arno Klarsfeld

Rechtsanwalt Klarsfeld: "In manchen Regionen Frankreichs ist es schwierig, Jude zu sein"

"Wenn die Anstiftung zum Hass auf Juden so weitergeht, werden die Juden auswandern, so viel steht fest", meint auch Arno Klarsfeld, Rechtsanwalt für den Verein "Söhne und Töchter von jüdischen Deportierten von Frankreich" im Gespräch mit der DW. Die meisten Juden hätten bereits die Vororte verlassen, dort sei die Stimmung nicht gut. Klarsfeld ist Sohn berühmter Eltern: Beate und Serge Klarsfeld waren für die Verhaftung von NS-Verbrechern verantwortlich, die bei der Deportation im Zweiten Weltkrieg von etwa 80.000 französischen Juden in Todeslager der Nazis mitwirkten.

"Manche - zumindest die Araber - sind sehr gegen Juden", stellt Klarsfeld fest. "Es gibt Gewalt an den Schulen. Juden, die in den Vororten ihre Kippa tragen, werden es dort nicht lange aushalten!" Wenn ein Lehrer im Unterricht über den Holocaust spreche, gebe es immer wieder Schüler mit arabischen Wurzeln, denen das nicht passe und die dann abfällige Bemerkungen machten. "Die meisten Araber sind keine Antisemiten, ein gewisser Prozentsatz aber schon und wenn es dann noch Shows gibt wie die von Dieudonné, tendieren sie dazu, antisemitischer zu werden", sagt Klarsfeld.

Kampf um Statistiken

Andere warnen davor, das Phänomen aufzubauschen. François Pupponi, Bezirksbürgermeister des Pariser Vorortes Sarcelles, meint, in seinem Stadtteil lebe die jüdische Bevölkerungsgruppe – eine der größten Frankreichs – friedlich neben vielen Muslimen, obwohl viele Juden ihre Kippa in der Öffentlichkeit tragen.

Polizeikräfte sperren den Tatort in Toulouse ab (Foto: Reuters)

Antisemitische Attentatsserie: Mohamed Merah erschoss drei Kinder und einen Lehrer

Gleichwohl scheint es ein starkes Gefühl der Unsicherheit bei vielen französischen Juden zu geben. Eine im November von der Europäischen Agentur für Grundrechte veröffentlichte Studie über das jüdische Leben in acht EU-Staaten enthält alarmierende Zahlen: Demnach haben 70 Prozent der Juden in Frankreich Angst vor Belästigungen und Beleidigungen - 60 Prozent der Befragten sorgen sich sogar vor körperlichen Angriffen. Das liegt deutlich über dem europäische Durchschnitt von 46 bzw. 33 Prozent.

Auch wenn sich nur eine Minderheit der Franzosen offen antisemitisch zeige: das Klima sei vergiftet, so Salome Roussel. Hilfe erhoffen sich Juden wie sie von Israel: "Denn es ist ein jüdischer Staat. Da darf man Jude sein. Auch wenn es dort andere Probleme gibt."

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