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Terrorismus

Anschlag von New York: Terror aus Zentralasien?

Stockholm, Sankt Petersburg und nun New York City: Bei all diesen Anschlägen stammten die Terroristen aus Zentralasien. Doch die Radikalisierung fand anderswo statt, sagt Deirdre Tynan von der International Crisis Group.

DW: Frau Tynan, nach dem Anschlag von New York City mit acht Toten schaut die Welt wieder einmal nach Zentralasien. Der Attentäter stammte auch diesmal aus Usbekistan. Ist die Region Nährboden für islamistischen Terror?

Deirdre Tynan: Nein, diese Aussage geht zu weit. In der Tat haben sich nicht wenige Zentralasiaten dem "Islamischen Staat" oder anderen Gruppen in Syrien und im Irak angeschlossen. Aber wir sprechen hier von etwa 2.000 bis 4.000 Menschen.

Deirdre Tynan, International Crisis Group (International Crisis Group)

Deirdre Tynan von der International Crisis Group

Und was treibt diese Leute dem Terror in die Arme?

Manche suchen das Abenteuer oder wollen wirklich kämpfen. Andere sind von religiösem Eifer getrieben. Die meisten sind desillusioniert. Die zentralasiatischen Gesellschaften sind teilweise sehr autoritär, außerdem ist der Wohlstand hier extrem ungleich verteilt. Aufgrund unserer Forschung in Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan wissen wir, dass potentielle Terror-Rekruten oft ihre schwierige finanzielle Situation als Beweggrund angeben.

Und dem IS gelingt es, diese Situation auszunutzen?

Der "Islamische Staat" kommt mit seiner geschickten Propaganda bei den unterschiedlichsten Leuten gut an. Wir haben dazu seit 2014 geforscht und von einem hochrangigen tadschikischen Vertreter der Sicherheitskräfte bis hin zu Teenager-Mädchen verschiedenste IS-Anhänger gefunden.

Gehen die Regierungen der zentralasiatischen Länder dagegen vor?

Es gibt erste Schritte, aber das sind Trippelschritte. Meist wird auf Anti-Terrormaßnahmen gesetzt statt auf Prävention. Die Regierungen neigen dazu, das als reines Sicherheitsproblem zu sehen und wollen oder können sich nicht mit den sozialen und wirtschaftlichen Gründen der Radikalisierung auseinandersetzen.

Denken Sie, dass es weniger Medienaufmerksamkeit gäbe, wenn der Attentäter von New York City aus einem bekannteren Land stammte und nicht aus Usbekistan?

Ja, es spielt sicher eine Rolle, dass man in der Welt wenig weiß über Zentralasien. Auch die strategischen Interessen der USA hier sind nur sehr punktuell und drehen sich zumeist um Afghanistan.

Die Angreifer von Stockholm, Sankt Petersburg und jetzt New York City waren keine kampferprobte Dschihadisten, sondern Migranten, die Zentralasien in Richtung Westen verlassen hatten.

Ihnen allen scheint gemein, dass sie sich nicht in Zentralasien radikalisierten. Man muss sich in den USA ebenso viele Fragen stellen zur Radikalisierung des Attentäters wie in Zentralasien. Sogar eher mehr.

Es handelt sich also um ein Problem gescheiterter Integration?

Gestern haben wir mit einem ehemaligen Bekannten von Sayfullo Saipov gesprochen, dem Mann, dem das Attentat von New York zur Last gelegt wird. Dieser Bekannte des Attentäters lebt in Ohio und hat von einer sehr engen Gemeinschaft der usbekischen Immigranten gesprochen. Man kommt zu dem Schluss, dass Saipov eine Menge Unterstützung gefunden hätte, wenn er in Schwierigkeiten war. Aber dieser Mann sagte auch, dass Saipov ein sehr schwieriger Mensch war und innerhalb der usbekischen Community als Außenseiter galt. Es könnte sein, dass wir es mit einem sehr individuellen Fall zu tun haben, mit jemanden, der irgendwann so oder so in Schwierigkeiten geraten wäre.

Aber Saipov hat sich nicht nur entschieden, Menschen zu töten, er hat das ganz ausdrücklich im Namen des IS getan.

Die Propaganda des "Islamischen Staates" unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von der anderer Organisationen wie der Taliban oder Al Kaida. Der IS wirbt auch auf Russisch und in den zentralasiatischen Sprachen für sich, darunter Usbekisch. Saipov hätte also auf dasselbe Propagandamaterial und Terroranleitungen Zugriff gehabt wie ein Migrant in Moskau oder jemand der hier in Zentralasien lebt. Der IS ist in der Lage, gefährdete Menschen in deren eigener Sprache anzusprechen. Das ist ganz entscheidend.

Deirdre Tynan ist Direktorin für Zentralasien-Projekte bei der International Crisis Group. Sie lebt in Bischkek, Kirgisistan.