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Deutschland

Ansbach im Ausnahmezustand

Ein syrischer Flüchtling sprengt sich in Ansbach in die Luft. Am Tag nach dem islamistischen Attentat steht die Stadt unter Schock - und will sich dennoch nicht unterkriegen lassen. Aus Ansbach Nina Niebergall.

Am Sonntagabend hörten die meisten Ansbacher zunächst nur einen lauten Knall - dann Hubschrauber, Sirenen. Als sich der 27-jährige Syrer in der mittelfränkischen Kleinstadt in die Luft sprengte, waren sie Zuhause in Sicherheit. Auch eine junge Frau, die es am Tag danach zum Tatort zieht. Sie war gemeinsam mit ihrem Vater auf die Reitbahn in die Innenstadt gekommen, um das Open Air-Festival mitzuerleben, das dort jährlich stattfindet. Eine Stunde vor der Tat verlies sie das Gelände.

"Das ist schon ein komisches Gefühl", sagt sie. Ihre Mutter fügt hinzu: "Wir leben in einer Kleinstadt. Dass hier so etwas passiert, hätten wir nicht gedacht." Beide schauen auf den kleinen Gasthof, hinter dem ein Torbogen den Eingang zum Festivalgelände markiert. Mit Blick auf die internationale Journalistenschar, die sich davor in Stellung bringt, meint sie: "So etwas haben wir hier noch nie erlebt."

Als die Polizei gegen Nachmittag die Sperrung des Tatorts aufhebt, offenbart sich die Szenerie des Anschlags: Halbvolle Weingläser und leere Bierflaschen stehen auf den Bierbänken einer Weinstube.

Sprengsatz im Rucksack

Auf dem Boden sind mit Kreide die Umrisse des Täters nachgezeichnet - drumherum eingetrocknete Blutflecken, vereinzelt Holz- und Glassplitter. Durch die Detonation sind die Schaufensterscheiben eines Fotogeschäfts zu Bruch gegangen. Einige Fahrräder, die vor dem Biergarten angebunden sind, waren offenbar unversehrt geblieben.

Deutschland - Ansbach Biergarten auf dem Festivalgelände (Foto: DW/ N. Niebergall)

Spuren der Zerstörung: Die Detonation der Bombe zerstörte auch die Scheiben im Biergarten

Der junge Syrer hatte hier am Vortag einen Sprengsatz gezündet, den er in seinem Rucksack mit sich trug. Die scharfen Metallteile darin seien geeignet gewesen, viele Menschen umzubringen, teilte der bayrische Innenminister Joachim Herrmann am Morgen mit.

Inzwischen steht fest: Der Attentäter hatte versucht, damit auf das Gelände des Open-Air-Festivals zu gelangen. Als die Ordner ihm den Eintritt verwehrten, zündete er gegen 22 Uhr die Bombe am Eingang. Dabei wurden 15 umstehende Menschen verletzt, mindestens vier davon schwer.

Der Terror rückt näher

"Als ich die Polizei gehört habe, wusste ich: Es war entweder eine Gasexplosion oder ein Terroranschlag", erzählt Nikolas, ein 21-jähriger Web-Entwickler. Freunde von ihm seien auf dem Festival gewesen. Die Polizei habe sie, ebenso wie alle anderen Besucher, nach dem Attentat von dem Gelände herruntergeführt.

Er selbst werde solche Großveranstaltungen in Zukunft meiden, sagt er. Nachdem erst vor wenigen Tagen ein 17-Jähriger in einem Zug nach Würzburg mehrere Menschen mit einer Axt angegriffen hatte, fühle er sich, als rücke der Terror immer näher.

Nicht alle Ansbacher, wollen sich dieser Einsicht beugen. "Ich will nicht in Angst leben", sagt eine junge Mutter, die mit ihrem Baby auf dem Arm britischen Journalisten ein Interview gibt. Sie fühle sich nach wie vor sicher in Ansbach.

In der Nachbarschaft des ehemaligen Hotel Christl, in dem mittlerweile Flüchtlinge untergebracht sind, unterhalten sich ein älterer Mann und eine junge Frau über den Gartenzaun hinweg. An ihrem Leben in Ansbach werden sie nichts ändern, sagen sie, auch nichts an ihrer Haltung den Flüchtlingen gegenüber. "Die grüßen immer so nett, wenn sie hier auf dem Weg zur Sprachschule vorbei laufen", sagt der Mann. "Man darf da nicht verallgemeinern."

Deutschland Spurensicherung in Ansbach (Foto: picture-alliance/dpa/D. Karmann)

Spurensicherung: Die Flüchtlingsunterkunft, die früher ein Hotel war, wird durchsucht

Spitzname "Rambo"

Auch der Selbstmordattentäter wohnte in dem umgebauten Hotel. Die Unterkunft ist von der Polizei abgeriegelt worden, im zweiten Stock sind die Rollläden herunter gelassen. Am Morgen hatten Sicherheitskräfte das Gebäude durchsucht. Im Zimmer des Attentäters fand die Polizei einen Benzinkanister mit Diesel sowie Salzsäure, Alkoholreiniger, Lötkolben, Drähte, Batterien und Kieselsteine.

Unter den persönlichen Gegenständen des Attentäters sei außerdem ein Laptop gewesen, auf dem sich gewaltverherrlichende Bilder befunden hätten - eine Verbindung zur Terrormiliz "Islamischer Staat". Auf seinem Handy war diese noch deutlicher: In einem Video hatte der 27-Jährige eine Anschlagsdrohung ausgesprochen. Inzwischen übernahm der IS offiziell die Verantwortung.

Ein Einwohner der Flüchtlingsunterkunft, der 28-jährige Pakistaner Mubariz, zeichnet ein anderes Bild des jungen Syrers. Er sei freundlich gewesen,aber meistens eher für sich geblieben. Die meisten Flüchtlinge hätten ihn wegen seines muskulösen Körperbaus und der langen Haaren nur unter dem Namen "Rambo" gekannt.

Erst seit diesem Morgen weiß Mubariz auch seinen bürgerlichen Namen. "Er war hoffnungsvoll, dass Deutschland ihn nicht nach Bulgarien zurück schicken würde", erzählt der Mubariz.

Abschiebung nach Bulgarien

Der Attentäter war vor zwei Jahren von Syrien nach Deutschland gekommen und hatte einen Asylantrag gestellt. Nachdem dieser vor zwei Jahren abgelehnt worden war, lebte der Flüchtling mit einer Duldung in der Ansbacher Unterkunft. Wie das Bundesinnenministerium mitteilte, sollte er nach Bulgarien abgeschoben werden.

Nachdem die Polizei das Absperrband um den Tatort entfernt hat, geht das Ansbacher Leben am Abend wieder fast seinen normalen Gang. Nur die vielen Journalisten, die hektisch in den Gassen der Altstadt hin und her rennen und die großen Fernsehwagen auf dem Marktplatz erinnern noch an die Bluttat vom Vorabend.