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Kultur

Anne Lepper ist Dramatikerin des Jahres

In ihrer traditionellen nächtlichen Debatte hat die Jury des Mülheimer Dramatikerpreises Anne Lepper für "Mädchen in Not" zur Dramatikerin des Jahres gekürt. Ihre Stücke gelten als witzig und zugleich bitterböse.

Nach Ansicht der fünfköpfigen Jury sei die gebürtige Essenerin (Jg. 1978) "eine wirkliche Entdeckung", die komisch und zugleich abgründig die Geschichte einer versuchten Emanzipation in eine comichafte und zwanghafte Welt verlege. 

"Mädchen in Not" handelt von einer jungen Frau, die genug hat vom Patriarchat und es bevorzugt, ihr Leben mit einer männlichen Sexpuppe zu verbringen. 

"Hochaktuelle Diagnose unserer Gesellschaft"

Die Jury zeigte sich beeindruckt von der Virtuosität, mit der Lepper auf literarische Vorbilder wie Ibsen oder E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann" anspielt. Die Hauptprotagonistin "Baby" in "Mädchen in Not" wird sozusagen zur "Anti-Nora" in einem "Anti-Puppenheim". Das Motiv der Puppe als Objekt der Begierde findet sich auch bei Hoffmann. Und doch reproduziert Baby selbst die gesellschaftlichen Muster, gegen die sie aufbegehren will, und ermordet schließlich ihre Freundin Dolly.

Mülheimer Dramatikerpreis 2017 - Anne Lepper (privat)

Preisträgerin Anne Lepper

Babys Form der Auflehnung bestehe darin, willenlose Männer-Puppen beherrschen zu wollen, um mit ihnen dann so zu verfahren, wie man mit ihr verfahren sei. "Eine hochaktuelle Diagnose unserer Gesellschaft, die mit Normabweichungen weit schlechter klar kommt als sie vorgibt", lobte Jurysprecherin Cornelia Fiedler.

Lepper hatte das Stück für das Nationaltheater Mannheim geschrieben und dort 2016 uraufgeführt. Ihre Arbeiten sind häufig witzig und bitterböse zugleich.Ihre Zuschauer konfrontiert die Autorin dazu mit einer harten Sprache.

Mehrfache Preisträgerin Jelinek geht leer aus

Ebenfalls im Wettbewerb vertreten waren Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek mit ihrem Stück "Wut", eine Reaktion auf den Terroranschlag auf die französische Satirezeitung "Charlie Hebdo", der Schweizer Milo Rau mit "Empire", Olga Bach mit "Die Vernichtung", der Österreicher Ferdinand Schmalz mit "der thermale widerstand" und erstmals auch Clemens J. Setz mit "Vereinte Nationen". 

Viele der Stücke machen die gesellschaftlichen und politischen Umbrüche zum Thema. Gemeinsames Motiv seien Gewalt und ein "oft planloser, aber doch vehementer Drang nach Veränderung", so Fiedler im Vorfeld der Mülheimer Theatertage.

Theaterstück Empire von Milo Rau Theaterregisseur (Marc Stephan)

Nominiert, aber nicht prämiert: Milo Raus "Empire", der dritte Teil einer Europa-Trilogie als Panorama von Umbruch und Vertreibung

Eine der wichtigsten Theaterauszeichnungen 

Den undotierten Publikumspreis bekam der erstmals in Mülheim nominierte Konstantin Küspert für "europa verteidigen", das am ETA Hoffmann Theater Bamberg uraufgeführt worden war. Das Stück ist eine sarkastische europäische Geschichte der Gewalt von den Wikingern über die Kreuzfahrer bis zu den Verbrechen der deutschen Wehrmacht.

Der mit 10.000 Euro dotierte Kinderstückepreis ging an Tina Müller für "Dickhäuter".

Insgesamt waren sieben Stücke bei den 42. Mülheimer Theatertagen aus mehr als 140 aktuellen neuen Bühnenwerken nominiert worden. Bewertet wurde nur die Qualität der Stücke, nicht die Inszenierung. Der Mülheimer Preis ist mit 15.000 Euro dotiert und gilt als eine der renommiertesten Theaterauszeichnungen im deutschsprachigen Raum.

Die Preisverleihung findet nach Angaben der Veranstalter voraussichtlich am 18. Juni in der Stadthalle Mülheim statt. Die
diesjährigen Mülheimer Theatertage wurden von rund 2500 Zuschauern besucht. Die nächste Ausgabe der "Stücke" soll vom 12. Mai bis 2. Juni 2018 stattfinden.

Seit 1976 werden bei dem Festival in Mülheim jährlich sieben bis acht Theaterstücke in der jeweils wirksamsten Aufführung gezeigt, meist der Uraufführung, und konkurrieren um den Mülheimer Dramatikerpreis.

bb/no. (dpa, schaefersphilippen.de)

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