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Wissen & Umwelt

Anna und die Greise des Universums

Vor fünf Jahren entdeckte Anna Frebel den ältesten, bisher bekannten Stern. Heute forscht die 30-jährige Deutsche in der Spitzenliga der Astrophysik - am Harvard Smithsonian Center in den USA.

Astrophysikerin Anna Frebel (Bild: DW/Gönna Ketels)

Ein Hörsaal in der Fakultät für Physik, Universität Göttingen, 17 Uhr. "Ich möchte Sie willkommen heißen zu einer kosmischen Achterbahnfahrt durch das frühe Universum!" begrüßt eine junge Frau gut gelaunt ihre Zuhörer. Auf den ersten Blick könnte man meinen, hier hält eine Studentin ein Referat – viel älter sieht Anna Frebel nämlich nicht aus. Auf den zweiten Blick wird klar: Der Vortrag ist ziemlich genial und die Dozentin so routiniert, dass sie nicht einmal einen Spickzettel braucht. Und im Publikum sitzen nicht nur Schüler und Studenten, sondern in der ersten Reihe auch hochrangige Physiker.

Anna Frebel ist Astrophysikerin am renommierten Harvard Smithsonian Center in den USA. Sie erforscht die ältesten Sterne des Universums. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft hat sie zu einer "Tochter Lise Meitners" gekürt und sie als Vorbild für junge Nachwuchswissenschaftlerinnen in ihre Heimatstadt Göttingen eingeladen.

Vor fünf Jahren entdeckte Anna Frebel HE 1327-2326, den ältesten bisher bekannten Stern. Inzwischen ist die erst 30-Jährige eine Art Shootingstar der Astronomie. Die Stationen ihres Lebenslaufes lesen sich wie ein Wunschzettel für Astrophysiker: Nach dem Physikstudium in Freiburg promovierte sie am Mount Stromlo Observatory in Canberra, Australien. Darauf folgten Post-Doc-Stellen in den USA, zunächst in Texas, dann Harvard, sowie verschiedene Preise und Auszeichnungen.

"Man fühlt das einfach so im Herzen"

Supernova (Foto: picture alliance/dpa)

Ein Stern explodiert - und neue Elemente entstehen.

"Ziemlich cool, oder?" ruft Anna Frebel ins Publikum, aus ihrer Stimme klingt Begeisterung. Sie redet von Supernova-Explosionen und Sternenstaub. Aber auch von Cupcakes und Diamantringen. In 90 Minuten fasst sie mal eben zusammen, was vom Urknall bis heute geschah und erklärt, wie alles im Universum entstanden ist.

Sie sagt, mit ihrer Leidenschaft für die Sterne sei es in etwa so wie mit der Frage nach der Lieblingsfarbe: "Da sagt man blau oder rot und kann es manchmal gar nicht so richtig beschreiben. Man fühlt das einfach so im Herzen oder im Kopf oder beides." Ihre Begeisterung für das Universum kam mit 14 oder 15 Jahren – inspiriert durch Star Trek, Weltraumbücher und den ersten Besuch in der Göttinger Sternwarte.

Damals hätte sie sich nicht träumen lassen, dass sie eines Tages für ihre Arbeit an verschiedenen Großteleskopen mehrmals im Jahr um den Globus fliegen würde – nach Australien, Hawaii und Chile. Heute gehören solche Reisen und lange Nächte am Teleskop ebenso zu ihrem Job wie die Schreibtischarbeit: Vorträge vorbereiten, Artikel schreiben. Über das Klischee vom weltfremden Wissenschaftler kann Anna Frebel nur lachen: "Die Sachen, mit denen ich mich jeden Tag rumschlage, haben mit Astronomie wenig zu tun. Mein Computer stürzt ab oder das Rechenprogramm funktioniert nicht mehr. Die Probleme sind total real."

Exotisch: Als Frau in der Forschung

Astrophysikerin Anna Frebel (Foto: DW/Gönna Ketels)

Einsam unter Männern: Anna Frebel

Realität ist auch, dass Anna Frebel in ihren Forschungsgruppen immer die einzige Frau ist. Grundsätzlich kein Problem, findet sie. Doch das Gefühl, als junge Frau von Männern unterschätzt zu werden, kennt sie auch: "So nach dem Motto: Was will die denn? Die kann doch gar nichts. Die ist doch im Prinzip zu jung, um überhaupt schon was erreicht zu haben." Doch statt sich darüber zu ärgern, überzeugt sie Kritiker auf ihre Art: "Ich gebe dann lieber einen guten Vortrag, schreibe ein richtig gutes Paper oder finde wieder irgendeinen neuen tollen Stern."

Wie so oft sind auch die Zuhörer in Göttingen überwiegend männlich. In Deutschland ist es besonders schlecht bestellt um die Frauenquote in der Physik: Im Studium ist immerhin jeder vierte Student weiblich, im Berufsleben allerdings ist nur noch einer von sieben Physikern eine Frau. Anna Frebel vermutet, dass die ausgeprägten Hierarchien im deutschen System schuld sein könnten – und fehlende Vorbilder: "Es liegt sicherlich auch daran, dass es so wenige Frauen in der Physik gibt, so dass man nie mal eine Frau sieht, die das macht."

Ihre eigene berufliche Zukunft sieht Anna Frebel in den nächsten Jahren eher im Ausland: "Der Lebensstil gefällt mir dort sehr gut." Einen ganz unwissenschaftlichen Nachteil hätte das allerdings: Genauso gerne wie die Milchstraße mag Anna Frebel nämlich die Milchschnitte. Und die gibt es in Amerika nicht. Deshalb deckt sie sich auf Deutschlandbesuchen regelmäßig mit ihrer Lieblingssüßigkeit ein. Während des Göttinger Vortrags steckt übrigens eine Notration von drei Milchschnitten in ihrer Tasche.

Autorin: Gönna Ketels
Redaktion: Judith Hartl

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