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Nahost

Angst vor Atheismus im Nahen Osten

In arabischen Staaten sind die Gesellschaften stark religiös geprägt. Dennoch verstehen sich offenbar viele Menschen als Atheisten. Staatliche und religiöse Institutionen sehen darin eine Gefahr.

Am Nil leben exakt 866 Atheisten - so zumindest hat es die staatliche ägyptische Institution "Dar al-Ifta" vor kurzem erklärt. Das "Dar al-Ifta" verbreitet Erklärungen zu Fragen des Islam. Wie die Zahl ermittelt wurde, blieb unklar. Deutlich war jedoch die offizielle Bewertung: Laut Dar al-Ifta war der Anteil von 0,001 Prozent der Bevölkerung keineswegs vernachlässigenswert, sondern ein Grund, die Alarmglocken zu läuten. Immerhin gebe es nirgends in der arabischen Welt mehr vermeintlich "Gottlose". Auf Rang zwei liege Marokko mit angeblich 325 Atheisten.

Die Angaben des Dar al-Ifta stehen in krassem Widerspruch zu einer Umfrage der Al-Azhar-Universität in Kairo aus diesem Jahr. Ausgehend von 6000 befragten jungen Leuten errechnete die im sunnitischen Islam sehr renommierte Universität einen Anteil von 12,3 der ägyptischen Bevölkerung. Bei etwa 87 Millionen Einwohnern wären das 10,7 Millionen.

Der Scheich von Al-Azhar, Ahmad al-Tayyib, hatte im Oktober im staatlichen Fernsehprogramm gewarnt, dass Atheismus nicht länger eine Randerscheinung sei. Die bewusste Distanzierung von den Religionen sei vielmehr eine gesellschaftliche Herausforderung. Laut der Zeitung "Gulf News" kündigten die ägyptischen Ministerien für Jugend und für religiöse Stiftungen Kampagnen gegen diese Haltung an. Moderate Religionsgelehrte, Psychologen, Sozialwissenschaftler und andere sollten dem Glaubensverlust unter jungen Menschen entgegenwirken. "Die jungen Leute werden verprellt von militanten Predigern, die ihnen Tag und Nacht sagen, dass sie in die Hölle kommen", beschrieb Professor Amnah Nusair von der Al-Azhar-Universität laut "Gulf News" die Gründe für eine Abkehr vom Glauben.

Ob Muslim oder auch Christ, kaum jemand im Nahen Osten distanziert sich öffentlich von jeglicher Form von Religion. Nach den Unruhen des Arabischen Frühlings 2011 scheint die Zahl derjenigen, die es tun, jedoch zu wachsen. So entstanden in den meisten arabischen Ländern atheistische Gruppen mit eigenen Facebook-Seiten. Bei den "Tunesischen Atheisten" haben etwa 6900 Internet-Surfer den Gefällt-mir-Button geklickt, bei den "Sudanesischen Atheisten" sind es knapp 3300. Die "Atheistische Gesellschaft Ägypten" verzeichnete 585 solcher Klicks und die "Feministischen Atheistinnen in Saudi-Arabien" 61.

Beter in einer Kairoer Moschee (Foto: DW)

In arabischen Staaten sind die Gesellschaften sind stark religiös geprägt

Saudis setzen Atheisten mit Terroristen gleich

Vor allem Saudi-Arabien, in dem eine besonders rigorose Auslegung des Islam vorherrscht, fühlt sich von dieser Haltung bedroht. Im Frühjahr hatte Saudi-Arabien erklärt, dass Atheismus aus strafrechtlicher Sicht genauso schlimm wie religiös begründeter Terrorismus sei. Das Marktforschungsinstitut Win/Gallup International hatte 2012 in einem weltweiten Überblick für Saudi-Arabien ermittelt, dass sich dort 19 Prozent der Einwohner als nicht religiös einstuften. Weitere fünf Prozent bezeichneten sich demnach als Atheisten. Zum Vergleich, im Irak waren nach derselben Erhebung keine Atheisten registriert worden. Nur neun Prozent hatte sich dort als nicht-religiös bezeichnet.

Die heftige Reaktion auf Menschen, die der Religion stillschweigend den Rücken kehren, überrascht angesichts der realen Gefahr durch radikalisierte Islamisten. Dabei geht es einerseits um Religion. Im Islam gilt das Säen von Zwietracht als schwere Sünde. Wer Gott leugnet, bringt sich leicht in den Verdacht, Zweitracht unter den Gläubigen zu verbreiten. Andererseits geht es auch um Politik. In Ägypten will die Regierung nicht den 2013 gestürzten islamistischen Muslimbrüdern in die Hände spielen, indem sich angesichts von Atheisten untätig bleibt. Um den Muslimbrüdern keine Angriffsfläche zu bieten, präsentiert sich die Staatsführung in Kairo selbst als Verteidigerin der Religion.

Zwar ist es in den meisten arabischen Ländern nicht direkt verboten, Atheist zu sein. Doch die Gesetze gegen religiöse Diffamierung lassen Spielraum, dagegen vorzugehen. Solche Fälle dokumentieren Menschen- und Bürgerrechtsgruppen immer wieder. Vor einigen Tagen stürmten Sicherheitskräfte in Kairo ein vermeintlich von Atheisten besuchtes Cafe. Die Behörden erklärten dazu, dort sei ein Satanskult praktiziert worden. Die "Atheistische Gesellschaft Ägypten" schrieb dazu auf ihrer Facebook-Seite: "Das hat noch nicht einmal die Muslimbruderschaft gewagt, als sie noch an der Macht war."

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