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Deutschland

Angela Merkels "Deutschland-Alphabet"

"Was ist deutsch?" hat die Bundeskanzlerin in der "Bild"-Zeitung gefragt. Die Deutsche Welle gibt die Frage weiter - an Autor Henryk M. Broder, Caritas-Chef Peter Neher und andere.

Brückentag, Chorgesang und Hausmannskost: Mit einem "Deutschland-Alphabet" in der "Bild"-Zeitung hat Bundeskanzlerin Angela Merkel mitten im Wahlkampf aufgelistet, was für sie zu Deutschland gehört - und die Leser aufgefordert, diese Liste zu ergänzen. Die Deutsche Welle hat prominente Publizisten und andere gefragt: "Was ist für Sie deutsch?" Und: "Was fehlt Ihnen auf Merkels Liste?" 

Henryk M. Broder, Publizist ("Hurra, wir kapitulieren!") 

"Deutsch ist vor allem eins - nämlich die Frage danach, was deutsch ist. Ich habe mich eine Weile in den Niederlanden, Israel und Amerika aufgehalten und festgestellt: Diese Frage wird mit dieser Häufigkeit und Intensität nur in Deutschland gestellt. Ich habe es zwar auch in Israel erlebt, aber nicht in dieser Häufung und Unerbittlichkeit. Die ewige Suche nach der Identität, nach dem: Woher kommen wir und was wollen wir? - das ist eben typisch deutsch. Die deutsche Seele tickt eben anders als andere.

Und das Zweite, was wirklich typisch deutsch ist, ist das Verlangen danach, Verantwortung zu übernehmen - also Entwicklungsländer zu retten, die Ursachen  der Fluchtbewegung zu beseitigen, Wohlstand in Europa zu mehren. Auf diese Idee kann nur ein Volk kommen, das zwei Weltkriege verloren hat."

Jagoda Marinic, Journalistin und Schriftstellerin ("Made in Germany - Was ist deutsch in Deutschland?") 

"Wandern, Wald und Kleingarten: Merkels ABC ist oft altmodischer, als ich Deutschland sehe. Ich verbinde das Land mit etwas viel Urbanerem, obwohl Wiesen mit Apfelbäumen auch für mich dazugehören. Insgesamt haben wir ziemlich unterschiedliche Auffassungen darüber, was deutsch ist - auch wenn Merkel viele Dinge benennt, die ich auch wichtig finde.

Mir fehlt jedoch in dem ABC ganz klar F wie Feminismus, auch wenn sich die Bundeskanzlerin selbst nicht als Feministin bezeichnet.  Bei A fällt mir aber auch das Anwerbeabkommen für Gastarbeiter ein - das ist Teil meiner Lebensgeschichte und der vieler anderer Menschen in Deutschland, daher natürlich auch mein Buchtitel "Made in Germany".

Weil sie als Kanzlerin ja auch mitverantwortlich dafür ist, dass sehr viele Menschen nach Deutschland gekommen sind, fehlt mir bei E auf jeden Fall Einwanderung und Einwanderungsland. Bei V würde ich - auch wenn das jetzt etwas gemein klingt  - die vermeintlich typisch deutschen Worte Verbot und Verordnung ergänzen. 

Video ansehen 00:57

Merkels ABC - Was ist Deutsch?

Mit S wie Sozialer Marktwirtschaft hat Merkel dagegen auf einen der wichtigsten Punkte in diesem Land angehoben - was interessant ist, weil man gerade ihr als Kanzlerin ja auch vorwirft, gegen diese zu arbeiten. Auch die von ihr benannte Pressefreiheit ist wichtig - wobei man sich dann natürlich wünscht, dass die Regierung etwas dafür tut, dass der in der Türkei inhaftierte absolut deutsche Journalist Deniz Yücel endlich freikommt. Ehrenamt finde ich sehr deutsch und sehr wichtig. Aber es ist schon lustig, dass man aus diesem gesellschaftlichen Füreinander-Tun sofort ein Amt geschaffen hat."

Eric T. Hansen, Schriftsteller ( "Die ängstliche Supermacht. Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss") 

"Wenn ich ein ABC von Deutschland machen würde, würde ich mit  A wie Angie anfangen. Bei aller Kritik und politischer Meinungsverschiedenheit - sie ist eine Weltklasse-Politikerin. Sie hat Europa tatsächlich auf die internationale Bühne gehoben und zu einem Land gemacht, auf das viele andere Menschen und Länder mit Respekt und Achtung schauen.

Sie hat den Atomausstieg durchgesetzt, obwohl es eine Idee der Grünen war. Mit der Flüchtlingspolitik hat sie Deutschland auch eine moralische Führungsposition gegeben - zum ersten Mal steht Deutschland moralisch wirklich gut dar. Merkels Liste war durchweg positiv und patriotisch. Und ich finde, die Deutschen können auch mal patriotisch sein. Das ist in Ordnung."

Roland Tichy, Journalist und Publizist ("Tichys Einblick")

"Die Liste von Merkel ist Ausdruck dafür, wie sie Wahlkampf machen will. Es soll ein gefühliger Wahlkampf werden, in dem die Problemfälle des Landes möglichst gar nicht auftauchen. Wer kann schon etwas gegen Hefeteig haben, gegen Quarkspeise oder Bayreuth.  Bei Y ist Bayern dabei. Da spürt man, dass sie jeden zufriedenstellen will - selbst die Bayern, die mit ihrer CSU mit der Kanzlerin über Kreuz liegen.

Merkels Alphabet ist kein Wahlkampfprogramm, aber man könnte dennoch ein paar Themen ansprechen, die die Menschen wirklich beschäftigen. Man könnte bei A zum Beispiel Abschiebung anführen.  Man könnte Flüchtlingskrise nennen, auch Energiewende und Steuererhöhung. Man könnte Rentnerarmut thematisieren. Bei I könnte man nicht nur so etwas Nettes wie Integration benennen, sondern auch Innere Sicherheit. Man merkt, es geht etwas sehr Schläfriges, Politisch-Korrektes aus diesem ABC hervor - der Versuch, im Schlafwagen wieder an die Macht zu rollen."

Peter Neher, Präsident des Deutschen Caritasverbandes 

"Ich möchte ergänzen: S wie Solidarität.Deutsche sind solidarisch mit Menschen in Not. Dies zeigen die vielen Ehrenamtlichen in unserem Land, aber auch die Spendenbereitschaft bei Katastrophen und Krisen."

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