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Standpunkt

Kommentar: Wie Angela Merkel Deutschland buchstabiert

Was ist deutsch? - eine in Deutschland viel und kontrovers diskutierte Frage. Nun hat die Bundeskanzlerin ihre Antworten in der BILD-Zeitung vorgelegt. Eine typische Merkel-Liste, meint DW-Chefredakteurin Ines Pohl.

Auf keinem anderen Politiker liegt derzeit ein so hoher Erwartungsdruck wie auf der deutschen Bundeskanzlerin. Seit Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten ist, gilt Angela Merkel vielen als die letzte Stimme der Vernunft, als Hüterin der westlichen Welt. Nicht zuletzt als die einzige, welche die EU vor dem Verfall bewahren kann. Mit ihr ist Deutschland wieder zu einem wichtigen Spieler auf der internationalen Bühne geworden - die Welt schaut auf Deutschland.

Mit dieser neuen Verantwortung, der neuen Bedeutung und dem damit gewonnen Machtzuwachs wachsen natürlich auch Ängste. Die alte Sorge, dass Deutschland seine Dominanz schamlos für die eignen Interessen ausnützen wird, wird immer lauter formuliert. Das historische Dilemma ist plötzlich wieder aktuell: Deutschland ist zu klein und schwach, um allein der starke Motor zu sein, der Europa am Laufen hält. Es ist aber auch zu stark, um nur ein Land unter vielen zu sein.

Was hält das Land zusammen?

Neben dieser Außenperspektive auf unser Land gibt es natürlich auch den innerdeutschen Diskurs. Was ist das eigentlich, dieses "deutsch sein" im Jahr 2017? Nicht erst seit der Flüchtlingskrise diskutieren die Bürgerinnen und Bürger, was ihr Land zusammen hält: welche Religion die prägende ist, wie der Islam Deutschland verändert, welche Auswirkungen die vielen Flüchtlinge, die in Deutschland eine neue Heimat suchen, mittel- und langfristig auf die Identität unseres Landes haben?

Pohl Ines Kommentarbild App

DW-Chefredakteurin Ines Pohl

Mitten hinein in diese komplexe, aufgeladene und belastende Diskussion platzt nun Kanzlerin Merkel keine 100 Tage vor der Bundestagswahl mit einem nahezu spielerischen Angebot: Mit einem "Deutschland-Alphabet", das in der größten deutschen Boulevardzeitung BILD veröffentlicht wird, bietet sie ihre Definitionen an und bittet die Leserinnen und Leser in die Debatte einzusteigen. Kein Zweifel: Genialer kann man sich dem Thema nicht nähern!

Wem außer Merkel kann es gelingen, schon in der ersten Zeile Artikel 1 des Grundgesetzes zu feiern und damit gleich zu Beginn klar zu machen, auf welchem unverrückbaren Fundament Deutschland steht. Dann aber wenig später ganz profane Dinge wie die "duale Berufsausbildung" und "dichte Fenster" als Definitionskomponenten anzubieten. Sie nennt "Föderalismus" wie "Federbett", die "Immerwährende Verantwortung Deutschlands für den Holocaust" und "Integration" in einem Atemzug. Zur "Kartoffel" gehört der "Kirchturm", aber zu "Made in Germany" natürlich auch die "Muslime".

Fein komponierte Liste

Wer glaubt, dieses Merkel-Alphabet sei beliebig, liegt völlig daneben. Zumindest mir als Deutscher, die sich ein Deutschland wünscht, das bei aller Verortung in Tradition, Kultur und Geschichte weltoffen ist, kommen die wichtigsten Grundsätze fein komponiert vor. "Neugier" fehlt so wenig wie "Umweltschutz" und "Vielfalt". "Pressefreiheit" ist ein so fester Bestandteil unseres Landes wie das "Pilze sammeln" und "Pünktlichkeit".

Und natürlich lässt sich die kluge Politikerin auch hier ein Türchen offen mit dem "Mut zur Lücke", den sie mit dieser Zusammenstellung explizit für sich in Anspruch nimmt. Damit ist das Alphabet mehr als ein lustiges Gedankenspiel. Es ist eine Regierungserklärung à la Merkel. In manchen Grundsätzen, wie dem Bekenntnis zur Religionsfreiheit unverrückbar und in der Gesamtauswahl doch so offen, dass möglichst viele Menschen sich angesprochen fühlen.

Auch wir als DW wollen uns gerne an der Frage "Was ist deutsch?" beteiligen: Was zählt für Sie dazu? Und was nicht? Nutzen Sie unsere Kommentarfunktion.

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