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Deutschland

Angeklagter im Tugce-Prozess entschuldigt sich

Zum Auftakt des Prozesses um den gewaltsamen Tod von Tugce Albayrak hat der Angeklagte sein Bedauern geäußert. Die Frau hatte Zivilcourage gezeigt, war aber nach einem Schlag ins Koma gefallen und dann gestorben.

Mit tränenerstickter Stimme hat sich der Angeklagte Sanel M. im Prozess um den gewaltsamen Tod der Lehramtsstudentin Tugce Albayrak entschuldigt. "Es tut mir unendlich leid, was ich getan habe", sagte der 18-Jährige zum Auftakt des Verfahrens vor dem Landgericht Darmstadt. Er gab zu, der damals 22-jährigen Deutschtürkin eine Ohrfeige gegeben zu haben. "Ich habe niemals mit ihrem Tod gerechnet", beteuerte Sanel M. Er ist wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt.

Der Anwalt der Familie Albayrak, Macit Karaahmetoglu, zweifelte an der Aufrichtigkeit des Angeklagten. Der 18-Jährige habe sich nicht mit der Tat auseinandergesetzt. "Es waren floskelhafte Sätze", meinte Karaahmetoglu. Oberstaatsanwalt Alexander Homm vertrat eine andere Auffassung: "Die Aussage war von Emotionen und erkennbarer Reue geprägt."

An zehn Verhandlungstagen sollen 60 Zeugen und zwei Gutachter befragt werden. Sie sollen zur Aufklärung des Aufsehen erregenden Verbrechens beitragen. Im Juni wird das Urteil erwartet.

Tatort Schnellrestaurant

Noch sind viele Fragen offen: Was genau geschah am 15. November auf dem Parkplatz des Schnellrestaurants in Offenbach? War der fatale Sturz und der anschließende Tod Tugce Albayraks ein unglücklicher Unfall? Laut Zeugenaussagen hatte zwischen dem Angeklagten und dem Opfer zuvor ein heftiger Wortwechsel stattgefunden. Bilder einer Überwachungskamera zeigen, wie ein Freund zu schlichten versucht. Doch er kann den Täter nicht aufhalten. Dieser schlägt mit der Hand ins Gesicht der jungen Frau. Sie sackt zusammen, prallt mit ihrem Kopf auf den Boden und bleibt leblos liegen.

Vor dem Streit soll die junge Frau zu zwei hilferufenden Mädchen geeilt sein, die möglicherweise von jungen Männern auf der Damentoilette eines Schnellrestaurants in Offenbach sexuell bedrängt worden waren. Sie soll die jungen Männer fortgejagt haben. Einer von ihnen war ihr späterer Angreifer Sanel M.

Geräte am Geburtstag abgestellt

Während einer Mahnwache vor dem Krankenhaus in Offenbach versammeln sich hunderte Menschen. Ein Pianist spielt auf einem großen Konzertflügel. (Foto: picture-alliance/dpa/Roessler)

November 2014: Hunderte Menschen versammeln sich vor dem Krankenhaus, in dem Tugce wochenlang behandelt worden war

Minuten später sollen die Männer der jungen Frauen auf dem Parkplatz aufgelauert haben. Dort kam es zu der tödlichen Auseinandersetzung. Bei dem Aufprall erlitt Tugce Albayrak lebensgefährliche Verletzungen und fiel ins Koma, aus dem sie nie wieder aufwachte. An ihrem Geburtstag, dem 28. November, ließen ihre Eltern die lebenserhaltenden Maschinen abschalten. An ihrem Todestag versammelten sich hunderte Menschen vor dem Krankenhaus, in dem sie wochenlang behandelt worden war.

An ihrer

Beerdigung in ihrem Heimatort

nahmen nicht nur Trauergäste aus ganz Deutschland teil, auch internationale Presse reiste an. Das Schicksal der jungen türkischstämmigen Frau bewegt immer noch viele Menschen. Zeugen berichten, dass sie in der Nacht Zivilcourage bewies. Albayrak wurde als außergewöhnliche Frau und Heldin gefeiert.

Als die beiden Mädchen, die in der Toilette des Schnellrestaurants offenbar belästigt worden waren, im Prozess aussagen sollten, schloss der Richter die Öffentlichkeit von der Vernehmung aus. Damit sollten die Zeuginnen im Alter von 13 und 14 Jahren geschützt werden.

Langes Vorstrafenregister

Mit Blumen bedecktes Grab der getöteten Studentin Tugce Albayrak. (Foto: dpa)

Der Tod der jungen Frau hat viele Menschen bewegt

Das Landgericht Darmstadt muss nun unter anderem klären, ob der Angeklagte mit dem Tod des Opfers rechnen musste, als er sie schlug. Davon wird auch das Strafmaß für Sanel M. anhängen. Das Vorstrafenregister des 18-Jährigen mit serbisch-montenegrinischen Wurzeln ist lang. In den vergangenen zweieinhalb Jahren ist Sanel M. nach Medienberichten viermal verurteilt worden: wegen versuchten Diebstahls, gemeinschaftlicher räuberischer Erpressung, gemeinschaftlichen Versuchs des Diebstahls in einem besonders schweren Fall und auch schon wegen gefährlicher Körperverletzung.

Im für ihn günstigsten Fall droht Sanel M. eine Bewährungsstrafe. Sollte der Wiederholungstäter damit davonkommen, wäre das für Anwalt Karaahmetoglu eine Katastrophe. "Wir erwarten, dass der Angeklagte eine empfindliche Jugendstrafe bekommt, so dass er von seiner Gewaltbereitschaft ablässt."

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