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Kultur

An 100 Orten Anna Politkowskaja

Die Peter-Weiss-Stiftung für Kunst und Politik organisiert den Jahrestag der politischen Lüge: sie ruft Kulturinstitutionen, Theater und interessierte Personen zum zweiten Mal zu einer weltweiten Lesung am 20. März auf.

Anna Politkovskaja (Quelle: dpa)

Anna Politkovskaja im August 2005 auf der Buchmesse in Edinburgh

In diesem Jahr sind es Texte der russischen Journalistin Anna Politkowskaja, die im Oktober 2006 in Moskau ermordet wurde. Anna Politkovskaja beschrieb in ihren Artikeln den Kriegsalltag in Tschetschenien, zum Beispiel in ihrer Reportage "Machkety. Ein Konzentrationslager mit kommerziellem Einschlag":

"Mir wurde ein Brief übergeben, geschrieben von 90 Familien aus mehreren Siedlungen des Kreises Vedenow, aus Machkety. In dem Schreiben bitten mehrere Hundert Menschen inständig, ich möge mich dafür einsetzen, dass sie schnellstmöglich aus Tschetschenien herausgebracht werden. Weil sie das alles nicht mehr ertragen können, den ständigen Hunger, sie entsetzliche Kälte, das Fehlen medizinischer Versorgung, jedweder Verbindung zur Welt und die brutalen Strafaktionen der russischen Soldaten, die am Rande Chotune stationiert sind. Die in dem Brief geschilderten Fakten schienen unglaublich. Also begann ich am 18. Februar 2001 meine Reise dorthin."

Anna Politkowskaja schildert in ihren Berichten die Verzweiflung der Zivilbevölkerung, die zwischen Rebellen und russischer Armee aufgerieben wird. Machkety ist das Konzentrationslager, in dem Kinder mit ansehen müssen wie ihre Großmutter bei ihrer Verhaftung von Soldaten über den Boden geschleift, gefoltert und in eine Grube geworfen wird. In dieser Grube muss sie solange auf dem blanken Boden ausharren, bis das Lösegeld für sie bezahlt wird. Die einzelnen Familien können die geforderten Summen schon lange nicht mehr aufbringen, die Dorfgemeinschaft legt zusammen. Schließlich kann es wahllos jeden und jede treffen. Das ist gemeint, wenn es in der Überschrift heißt: "ein Konzentrationslager mit kommerziellem Einschlag".

Weltweites Lesen und Gedenken

Buchcover: Russisches Tagebuch von Anna Politkovskaja (Quelle: Dumont)

Russisches Tagebuch von Anna Politkowskaja

An über 100 verschiedenen Orten weltweit wird aus den Büchern von Anna Politkowskaja vorgelesen: im kleinen Café an der Ecke, in Schulen, in Buchhandlungen, in Rundfunkstudios und im Europäischen Parlament. Organisiert hat sie Peter Schreiber, Leiter der Peter-Weiss-Stiftung in Berlin: "Wir wollen mit diesem Jahrestag der politischen Lüge Texte in den Vordergrund rücken, die einen aufklärerischen Charakter in hohem Maße haben. Das haben die Reportagen von Politkowskaja. Es gab niemanden, der dermaßen wahrhaftig die Wirklichkeit des Krieges in Tschetschenien analysierte, darüber berichtete und dabei bis in die Details ging." Grund genug, ihre Texte bekannter zu machen, meint Schreiber.

Angefangen hatte alles mit einem Artikel von Eliot Weinberger, der die Verlautbarungen der US-amerikanischen Regierung zum Beginn des 2. Irakkrieges zusammengetragen hat. "Was ich hörte vom Irak" wurde am 20. März 2006 an 47 Veranstaltungsorten vorgetragen: in Australien, den USA, Deutschland, Griechenland, im Libanon, in Großbritannien, den Niederlanden, Italien, Luxemburg, Indien und der Schweiz.

In diesem Jahr sind einige Länder dazu gekommen und das Programm ist vielfältiger geworden, sagt Peter Schneider. So veranstaltet zum Beispiel ein Stadtbezirk in Bologna eine Tagung zum Jahrestag der politischen Lüge, mehrere Radiostationen auf der ganzen Welt strahlen die Reportagen aus.

Schüler und Juristen sollen aufmerken

Die wichtigsten Zuhörer sind für Peter Schreiber Schülerinnen und Schüler: "Es ist wichtig, dass man die Wirklichkeit des Krieges in Tschetschenien und das Wissen darüber in die Schulen und in die Köpfe der jüngeren Leute bringt, um Verständnis über das, was da passiert, zu verbreiten. Aber natürlich sollen auch juristische Kreise erreicht werden. Ich jedenfalls frage mich, wann eine Klage gegen Putin am Internationalen Gerichtshof in Den Haag möglich ist. Wer entscheidet eigentlich Klagen gegen den Staatspräsidenten Russlands?"

Peter Schreiber glaubt fest daran, dass auch im nächsten Jahr der Jahrestag der politischen Lüge begangen werden muss, weil aktuelle Ereignisse irgendwo auf der Welt wieder spektakuläre Lügen ans Licht bringen werden.

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