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Fokus Osteuropa

Tschetschenen in Deutschland: Warten auf Gerechtigkeit

Die tschetschenische Familie Tschitajew wartet auf Entschädigungszahlungen aus Moskau für erlittenes Leid. Dass es überhaupt so weit kam, verdanken sie der ermordeten russischen Journalistin Anna Politkowskaja.

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Menschenrechts-Gerichtshof: Urteil gegen Russland

Am 7. Oktober vergangenen Jahres, als in Moskau die Journalistin der Zeitung Nowaja gaseta, Anna Politkowskaja, ermordet wurde, hat die tschetschenische Familie Tschitajew eines ihrer Mitglieder verloren. "Anna war für mich wie eine Schwester", sagte Arbi Tschitajew. Auch sein jüngerer Bruder Raschid empfindet so. Ein Foto der russischen Journalistin, aufgenommen im tschetschenischen Dorf Atschchoj-Martan, sowie eine Visitenkarte von ihr, auf der sie handschriftlich ihre Handynummer notiert hatte, werden in Raschids Haus wie Reliquien aufbewahrt. Heute leben Raschid und Arbi mit ihren Familien in Norddeutschland – die Bundesrepublik gewährte ihnen politisches Asyl. Raschid besucht einen deutschen Sprachkurs und Arbi hat ein kleines Geschäft eröffnet, in dem er Elektrogeräte verkauft und repariert.

Wahl zwischen Tod und "Geständnis"

Vor sieben Jahren, als Raschid erstmals Politkowskaja traf, befanden sich seine Brüder Arbi und Adam im Filtrationslager Tschernokosovo. Im April 2000 wurden die Brüder Tschitajew in Atschchon-Martan im Haus ihrer Eltern von föderalen Sicherheitskräften festgenommen. Anschuldigungen wurden ihnen offiziell nicht vorgetragen, aber während der Vernehmungen wurden sie gezwungen, sich zum Terrorismus zu bekennen und ein Schuldgeständnis zu unterschreiben. Als sie sich weigerten, wurden sie brutal geschlagen. Auch wurden sie später in Tschernokosovo, wohin die Brüder gebracht wurden, gefoltert, nachdem die Vernehmungen in der Bezirksdienstsstelle des Innenministeriums ergebnislos geblieben waren.

Der Deutschen Welle berichtete Arbi Tschitajew: "Ich wurde in eine Zelle geworfen, in der bereits sechs Männer saßen. Sie alle standen unter Schock. Als ich hineinkam, sagten sie mir gleich, man dürfe nur flüstern. Die Tür anschauen sei verboten. Wenn jemand auf die Tür schauen würde, würden alle in der Zelle zusammengeschlagen, und wenn man die Wachen anschauen würde, erst recht. Als ich geschlagen wurde, durfte ich meinen Kopf nicht heben. Für das Heben hätte ich weitere zehn Schläge mit dem Knüppel bekommen. Uns wurde gesagt: ‚Das ist nicht eine Bezirksdienststelle des Innenministeriums, das ist Tschernokosovo‘." Arbi erläuterte, er habe vor der Wahl gestanden, entweder zu sterben oder zuzugeben, der weltweit schlimmste Bandit zu sein.

In Tschernokosovo wurden Adam und Arbi unter anderem mit Strom gefoltert und mit Hunden gehetzt. Die Qualen dauerten ein halbes Jahr. Während Arbi und Adam im Lager waren, suchte Raschid in Moskau nach Gerechtigkeit. Er beschwerte sich bei allen Instanzen, darunter bei der Generalstaatsanwaltschaft sowie beim Apparat von Präsident Putin. Aber seine Mühen waren vergeblich.

Straßburg verurteilt Russland

Die Tschitajews wurden erst freigelassen, nachdem in der Nowaja gaseta ein Artikel von Anna Politkowskaja über die gefangenen Brüder Arbi und Adam erschienen war. Politkowskaja half Raschid zudem bei einer Klage im Namen seiner Brüder vor dem Straßburger Gerichtshof für Menschenrechte. Der Ermittler der russischen Staatsanwaltschaft, der für die Sache Arbi zuständig war, hatte dazu geraten, die Klage aus Straßburg zurückzuziehen, ansonsten würde es "noch schlimmer" werden.

Was "noch schlimmer" bedeutete, erfuhr Adam später, als er nach seiner Freilassung nach Ust-Ilimsk übersiedelte, wo er wieder als Englischlehrer eine Arbeitsstelle fand. Er wurde öffentlich zu einem Kämpfer erklärt, nach dem landesweit gefahndet werde. Dass Adam aber erneut Recht bekam, war wieder Politkowskaja zu verdanken, die seine Geschichte veröffentlichte.

Schließlich erkannte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte an, dass Russland im Fall der Brüder Tschitajew gegen die Europäische Konvention verstoßen hatte, die Folter verbietet. Jedem der Opfer muss der russische Staat 35.000 Euro zahlen. Das Geld haben die Brüder bisher nicht bekommen. Aber Raschid sagte, fest stehe, dass sie das Geld für einen wohltätigen Zweck verwenden würden: für die Gründung einer Stiftung zu Ehren von Anna Politkowskaja. Die Stiftung könnte Journalisten fördern, die ihren Beruf ehrlich ausübten.

Sergej Wilhelm
DW-RADIO/Russisch, 8.2.2007, Fokus Ost-Südost