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Usutu-Virus

Amselsterben: Wenn Waldemar nicht mehr zwitschert

Tausende Amseln sterben aktuell in Deutschland an einem afrikanischen Virus - dem Usutu-Virus. Was genau es damit auf sich hat, versuchen Forscher derzeit herauszufinden - und ganz Deutschland hilft mit.

Wenn die Amseln im Labor von Renke Lühken ankommen, sind sie meist tiefgekühlt - und mausetot.  Die Vögel landen in Schuhkartons und Umschlägen auf seinem Tisch. Das Exemplar, das er eben aufgetaut hat, sieht wirklich sehr mitgenommen aus.

Lühken ist Forscher am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin und nimmt die Amsel vor sich mit lila Handschuhen und Mundschutz detektivisch auseinander. "Das hier ist Waldemar, glaube ich", murmelt der Forscher konzentriert - die Finder des toten Vogels haben ihm einen Namen gegeben. Lühken und seine Kollegen wollen herausfinden, woran Waldemar gestorben ist. Sie entnehmen der Amsel Proben aus Herz und Leber und untersuchen auch ein Stück der Gehirnmasse. Das Ziel: Hinweise auf das Usutu-Virus.

Usutu Amsel Untersuchung (DW/H. Lesch )

Jede eingeschickte Amsel wird genauestens untersucht und auf das Usutu-Virus getestet

2011 wurden die ersten Usutu-Fälle in Deutschland registriert. "Uns fiel auf, dass uns vermehrt tote und kranke Amseln gemeldet wurden", erzählt Lars Lachmann vom Naturschutzbund (NABU) Deutschland. Kurz darauf folgen alarmierende Berichte: "Uns riefen Leute an und meinten, bei ihnen gebe es keine Amseln mehr. Die seien alle plötzlich komplett verschwunden."

Lachmann und seine Kollegen kamen schnell auf die Idee, dass es sich bei der Todesursache der Amseln um eine in Deutschland bisher unbekannte Krankheit handeln könnte. Um dieser Vermutung nachzugehen, taten sie sich mit den Virologen und Forschern des Bernhard-Nocht-Instituts zusammen. Wenig später war bei der ersten toten Amsel das afrikanische Usutu-Virus nachgewiesen.

Neuer Ausbruch

Nun - fünf Jahre nach dem ersten Fall - kommen wieder tote Amsel zur Untersuchung ins Labor. Lühken zeigt die vollen Tiefkühlschränke, jede Schublade randvoll mit eingefrorenen Vogelleichen. "Wir haben rund 100 Vögel bekommen dieses Jahr." Die Untersuchung jedes Vogels dauert ein bis zwei Tage.

Die entnommenen Proben von Amsel Waldemar werden im Labor auf genetisches Material des Virus untersucht. "Jede Probe wird mit einer Positivkontrolle - also einer Probe, von der wir wissen, dass sie Usutu enthält - verglichen", erklärt Lühken. Insgesamt haben sie bisher bei knapp über zwanzig der 80 untersuchten Vögel das Virus nachweisen können. Deutschlandweit gemeldet wurden jedoch deutlich mehr Fälle von Usutu. Über 1100 Hinweise auf tote oder kranke Amseln reichten Freiwillige deutschlandweit über das Meldeformular online ein - und das erst seit Mitte September.

"Eine erkrankte Amsel ist recht leicht zu erkennen", meint Lachmann vom NABU. Die Tiere haben kein Fluchtverhalten mehr und wirken apathisch. Doch nicht jeder erkrankte Vogel stirbt auch an Usutu. "Wir gehen aktuell davon aus, dass 30 Prozent der Amseln sterben, wenn sie infiziert sind", erläutert Lühken. Das sei eine Schätzung.

In den Jahren 2011 und 2012 sind wahrscheinlich 300.000 Amseln an Usutu gestorben. Teilweise brachen die lokalen Bestände um 80 Prozent ein. "In den Jahren danach war fast Ruhe" erzählt Lühken. Pro Jahr wurden nur wenige Fälle gemeldet.

Erst 2016 fallen dem Usutu-Virus wieder viele Amseln in Deutschland zum Opfer. "Wir erklären das damit, dass jeder Vogel, der die Krankheit einmal überlebt hat, für den Rest seines Lebens immun ist", meint Lachmann. Das Prinzip ist das gleiche wie bei der Windpockenerkrankung beim Menschen: Jeder muss einmal durch, aber danach ist er gegen Windpocken geschützt. Das Problem ist jedoch, dass genau wie beim Menschen, diese Immunität nicht vererbt werden kann. "Die nächste Generation ist dann wieder ungeschützt", erklärt Lachmann, "und dann kann es wieder zu einem größeren Massensterben kommen. Wir gehen also davon aus, dass es nach ein paar Jahren immer wieder eine neue Welle gibt."

Usutu Schild Moskitos (DW/H. Lesch )

Die Stechmücke ist als Usutu-Überträger DAS Forschungsobjekt im Bernhard-Nocht-Institut

Usutu-Fälle beim Menschen

"Arschloch des Monats", ein Plakat im Labor kürt die Stechmücke zum Dauergewinner dieser Auszeichnung. Denn sie sind die Übeltäter: von Stechmücken wird das Usutu-Virus übertragen. Auch von unserer "Hausstechmücke", "die in jeder Regentonne brütet" erklärt Lühken.

Mit Usutu beschäftigen er und seine Kollegen sich eigentlich nicht, um die Gefahren für die Amselpopulationen zu erforschen. "Wir sind aktuell vor allem daran interessiert, ob das Usutu-Virus eine Relevanz für den Menschen hat" meint Lühken. Schließlich stechen Stechmücken auch uns. So könnten sie auch Menschen mit dem Virus infizieren."Glücklicherweise ist das Virus für Säugetiere anscheinend ziemlich ungefährlich", beruhigt Lachmann, "der Mensch entwickelt zwar auch Antikörper dagegen, die nachgewiesen werden können - nur haben wir normalerweise keine Symptome."

2012 gab es in Deutschland einen Fall von Usutu - dieser wurde jedoch zufällig bei einer Blutuntersuchung festgestellt. Der Infizierte selbst hatte nichts vom Virus gemerkt. "In Europa gibt es bisher fünf Fälle, in der die Erkrankung schwerwiegender verlief", meint Lachmann, "dabei waren Menschen mit einem gestörten Immunsystem betroffen." Bei einigen dieser Fälle hatte das Virus zu einer Hirnhautentzündung geführt.

Ein solcher Verlauf ist in Deutschland noch nicht nachgewiesen. Die Experten vom Bernhard-Nocht-Institut stehen allerdings mit den Krankenhäusern im Raum der Epizentren von Usutu in Deutschland in Kontakt. Diese sollen melden, wenn es einen Anstieg von Hirnhautentzündungen geben sollte.

Bürger als Augen und Ohren der Forscher

Auf dem Schreibtisch von Lühken stapeln sich Briefe, die die Amseln auf dem Weg ins Labor begleitet haben. Einer von ihnen erzählt von Amsel Waldemar aus der Nähe von Kaiserslautern. Der nächste Brief enthält einen genauen Bericht über das Verhalten eines Haussperlings vor dessen Tod. "Selbst wenn man eigentlich kein großer Vogelfreund ist: An einem toten Vogel auf der Terrasse hat eigentlich jeder Interesse", erklärt Lachmann die große Beteiligung von Freiwilligen an der Meldeaktion des Usutu-Virus.

Über 1000 Meldungen sind dieses Jahr eingegangen - deutlich mehr, als in den Jahren zuvor. "Unsere Forschung wäre gar nicht möglich ohne die ganzen Freiwilligen", gibt Lühken gerne zu. Schließlich sind die Forscher hier darauf angewiesen, dass ihnen die Vögel aus den Ausbruchsgebieten zugeschickt werden.

Wichtig ist außerdem: Das Virus tritt in Deutschland sehr lokal auf, ohne die vielen Hinweise von Bürgern hätten die Forscher zunächst nichts von dem Ausbruch des Virus mitbekommen und nun auch keine Möglichkeit mehr, die Verbreitung nachzuvollziehen. "Citizen Science funktioniert im Fall Usutu sehr gut", so Lachmann, "die Amsel ist der zweithäufigste Gartenvogel in Deutschland, ihr Verschwinden fällt auf."

Viele rufen im Bernhard-Nocht-Insitiut an, wenn sie einen auffälligen Vogel finden. "Es tut mir dann immer sehr leid, wenn ich sagen muss, dass wir Ihm nicht helfen können." Lühken weist die Anrufer dann an, den Vogel zu beobachten und einzuschicken, sollte er an der Krankheit sterben.

"Bei uns sind noch viele Fragen offen", sagt Lühken. Zum Beispiel: Sind tatsächlich Amseln für das Virus anfälliger als andere Vögel - oder fällt das Verschwinden der anderen Arten nur weniger auf? "Wir vermuten, dass es einfach an beidem liegt", so Lachmann.

Die Erforschung des Virus bietet für den Wissenschaftlern eine große Chance, daraus zu lernen: "Von der Verbreitung des Usutu-Virus können wir Rückschlüsse auf die generelle Verbreitung von Krankheiten durch Stechmücken ziehen" erklärt Lühken. "Wir können so auch einschätzen, wie gut unsere Methoden sind, so ein Virus zu detektieren". So könne dann besser reagiert werden, sollte in Deutschland irgendwann ein Virus auftreten, welches den Menschen tatsächlich bedroht.

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